Markus Martern (vorne rechts) unterrichtet das Fach Gemeinschaftskunde in einer zehnten Klasse am OHG. Ein aktuelles Thema: die Vorbereitung auf die anstehende Landtagswahl. Foto: Louisa Speicher

16-Jährige dürfen im März erstmals bei der Landtagswahl ihre Stimme abgeben. Nagolder Zehntklässler haben ihre Anliegen diskutiert – und was sie weniger interessiert.

An diesem Sonntag ist es so weit: Am 8. März werden Kreuzchen bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg gesetzt. Eine große Neuerung in diesem Jahr: Zum ersten Mal dürfen auch 16-Jährige wählen.

 

Dass das junge Alter nicht automatisch Desinteresse an Politik bedeutet, hat sich in einer Diskussionsstunde im Fach Gemeinschaftskunde am Otto-Hahn-Gymnasium (OHG) in Nagold gezeigt: 16-Jährige haben sehr wohl einiges mitzuteilen. Was ihre Wünsche an die Landespolitik sind, für welche Themen sie sich eher weniger interessieren und wo sie als junge Menschen Probleme sehen, darüber duskutierten sie fleißig.

Ihre Unsicherheiten und Ängste

Ein ständiges Thema in der Landespolitik ist der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV): Gerade im ländlichen Raum sei dieser noch stark ausbaufähig. „Meine Familie und ich wohnen etwas außerhalb von Nagold, das ist manchmal ein großes Problem, hierherzukommen, wenn man auf das Auto verzichten möchte“, sagt eine Zehntklässlerin.

Ein Schüler sagt, ihn verunsichere das Verbrenner-Aus. Er denkt, die Umstellung auf reine E-Autos dauere länger als bis 2035. Außerdem finde er den massiven Stellenabbau bei großen Firmen wie Bosch oder Porsche unheimlich.

Lücken im Bildungswesen seien auch ein Problem. Der Lehrplan würde zu wenig relevante Themen für das Leben beinhalten. „Was das alles mit Umweltschutz und Landwirtschaft auf sich hat, hat man nur oberflächlich gehört – wir wissen gar nicht richtig, was da, vor allem hier, auf uns zukommt“, erklärt ein Schüler. Der Lehrplan beinhalte zu viele abstrakte Themen, die im Alltag gar nicht greifbar seien.

Und was sagen die Schüler zur Wehrdienst-Reform? Das Interesse hält sich in Grenzen. „Wieso haben wir nicht, wie damals auch, die Möglichkeit zu entscheiden, ob wir lieber Wehr- oder Zivildienst machen wollen?“, fragt ein Schüler. Sich sozial zu engagieren, weckt in der Klasse mehr Interesse als der Gedanke, zur Bundeswehr zu gehen.

Wünsche an die Landespolitik

Was sie sich von der Landespolitik außerdem wünschen: Eine bessere Verwaltung der Landschaft. „Es muss sich besser um die Naturschutzgebiete und Sportplätze in der Umgebung gekümmert werden. Ganz oft sind die Zustände echt nicht gut“, heißt es. Damit spielen die Schüler konkret auf Vandalen an, gegen die häufig nicht effektiv vorgegangen werde.

Eine mögliche Lösung wäre also vielleicht eine ausgebaute Videoüberwachung an öffentlichen Plätzen? Auf diese Frage kommt ein klares Nein seitens der Schüler. Sie können sich nicht vorstellen, dass dies aus datenschutzrechtlichen Gründen wirklich die Lösung wäre, zumal dies Vandalen nicht abhalten würde, die Plätze zu sabotieren.

Digitalisierung und Inflation nicht greifbar

Von den vielen Themen, mit denen sich die Landespolitik beschäftigt, gibt es auch Themen, die für einen selbst nicht greifbar sind. Stichwort Rente: Eine sich ständig ändernde Thematik, die früher oder später jeden Bürger betreffen wird, doch für die befragten Erstwähler ein zu weit entferntes Thema ist.

Für Überraschung sorgt jedoch, dass die Digitalisierung bei den OHG-Schülern uninteressant sei. „Wir leben bereits digitalisiert, ob privat zu Hause oder hier an der Schule. Wie das woanders ist, dazu fehlt vielleicht noch der Bezug“, sagt ein 16-Jähriger. Ähnliches gelte für die Inflation – das Bewusstsein für die steigenden Preise sei zwar da, selbst spürbar betroffen seien sie aber nicht. Ein Grund dafür könne sein, dass die Schüler mit diesen Problemen aufwuchsen und etwa hohe Preise oder das Arbeiten mit Tablets an Schulen frühzeitig gewohnt sind, so erklärt es ein Schüler. Dass sich an den Zuständen dennoch etwas ändern muss, darüber sind sich alle einig.

Was das Gespräch mit den Erstwählern deutlich gezeigt hat: Von Desinteresse an Politik – egal, in welcher Form – fehlt jede Spur.