Der Schriftsteller Manfred Mai feiert in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag. Um die 200 Bücher hat der mehrfach ausgezeichnete Autor veröffentlicht. Sein wichtigstes Ziel ist dabei, junge Menschen fürs Lesen zu begeistern.
Wenn Manfred Mai spricht, holen seine Hände weit aus. Mal wirft der hochgewachsene, schlanke Mann mit den buschigen Brauen seinem Gegenüber verschwörerische Blicke zu. Er wandert mit den Händen über die Tischplatte, wenn er erzählt, wie sich zwei Menschen begegnen. Dann beugt er sich nach vorne und legt beide Handflächen an den Mund, als wollte er über den Schreibtisch hinweg ein Geheimnis zuflüstern.
Manfred Mais Lebendigkeit ist ansteckend. Er ist ein leidenschaftlicher Erzähler und Schriftsteller. Etwa 200 Bücher hat er inzwischen veröffentlicht – vom Pappbilderbuch für die Kleinsten bis zu Gedichten für Erwachsene. Bekannt haben ihn vor allem seine Werke für junge Leser gemacht. Allein sein Kinderbuch „Nur für einen Tag“ verkaufte sich über 250 000-mal, rund 200 000-mal sein Buch über die deutsche Geschichte, das er zum 75-jährigen Bestehen des Grundgesetzes in diesem Jahr – in dem er selbst seinen 75. Geburtstag feiert – neu aufgelegt hat.
Seine Eltern hatten kein einziges Buch
Eine erstaunliche Bilanz für einen Mann, dessen Eltern kein einziges Buch besaßen. In seinem Zuhause in Winterlingen hingegen ist schon der Flur mit Büchern vollgepackt. Auch die Wände seines Arbeitszimmers sind hinter den vielen Einbänden von eigenen Werken, Biografien, Sachbüchern und Lexika kaum zu sehen. Dazwischen hängt ein selbst gebastelter Papierengel mit einem Buch in der Hand, den ihm ein Schüler bei einer Lesung geschenkt hat.
Auch auf den Schreibtischen stapeln sich Bücher, um einen Bildschirm herum sind es mehrere Werke von und über Astrid Lindgren, aufgeschlagen und mit Lesezeichen versehen. Um die bekannte Schriftstellerin dreht sich Manfred Mais nächstes Buch.
Nach der Volksschule eine Malerlehre
Ländlich wie in Lindgrens Büchern war auch die Welt in Manfred Mais Kindheit: Von seinem Arbeitszimmer liegt nur 300 Meter entfernt der ehemalige Bauernhof des Großvaters, wo er oft arbeiten musste. Vieles aus dieser Zeit, schöne, aber auch weniger schöne Erfahrungen, sind in seinen autobiografischen Roman „Winterjahre“ eingeflossen. Nach acht Jahren Volksschule suchte Manfred Mai nach einem Beruf, bei dem er möglichst wenig lesen und schreiben musste – und ging bei einem Maler in die Lehre.
Der Meister ließ seine Leute zehn Stunden arbeiten, doch Manfred Mai wusste, dass einem Lehrling nur acht Stunden erlaubt waren. Er stritt mit ihm, ging früher nach Hause, „aber als ich am nächsten Morgen wieder in den Betrieb musste, war das einer der schlimmsten Momente meines Lebens“. Der Meister tobte, doch Manfred Mai wollte sich nicht ausnutzen lassen und erlebte, dass man sich durchaus wehren kann.
„Einmischen und mitmischen – das ist mein Lebensmotto“, sagt er. Das gilt auch für die sinkende Lesekompetenz, die Manfred Mai beklagt: „Lesen gehört zur demokratischen Bildung“, sagt er, „und was ich mit meinen Möglichkeiten dafür tun kann, das mache ich.“ Deshalb hat er früher bis zu 250 Lesungen pro Jahr gemacht, vor allem an Schulen, um junge Leser zu begeistern.
In Winterlingen besucht er Elternabende, um über die Bedeutung des Lesens aufzuklären, und er hat einen eigenen Buchpreis ausgelobt. Nach schwerer Krankheit hat er sein Pensum zwar reduziert, aber er will immer noch Schüler zum Lesen ermuntern und Anstöße geben, die er selbst erst spät bekommen hat.
Ein Kamerad bei der Bundeswehr bringt ihn zum Lesen
In der Bundeswehrzeit teilte er die Stube mit einem jungen Mann, der studieren und die Zeit bis dahin sinnvoll nutzen wollte. „Er war so alt wie ich, aber weil er las, wusste er viel mehr und konnte Zusammenhänge herstellen“, erzählt Mai, „diese Erkenntnis hat mein Leben verändert.“ Fortan las er ein Buch nach dem anderen. Er wurde Unteroffizier, bildete andere Soldaten aus und stellte fest, dass es ihm Freude macht, anderen was beizubringen. So entstand der Wunsch, Lehrer zu werden, „etwas weiterzugeben, so wie ich es erfahren habe“.
Es war ein harter Weg, bis er sich die Zulassung zum Studium erarbeitet hatte. 1973 war es dann so weit: Er durfte Politikwissenschaft und Deutsch fürs Lehramt in Weingarten studieren, anschließend war er auf der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd und wurde Realschullehrer. „Es war für mich lustvoll, etwas zu begreifen, etwas lernen zu dürfen.“ Seine Familie konnte diesen Wissensdurst zwar nicht nachvollziehen. Als er aber sein erstes Staatsexamen mit 1,5 abgeschlossen hatte, sagte sein Vater nur: „So, Bub, jetzt darfst du den Brockhaus kaufen.“ Manfred Mai deutet hinter sich ins Regal, wo die Bände stehen: „Das war unglaublich, der Brockhaus hat damals um die 2000 Mark gekostet!“
Harte erste Landung als Lehrer
Seine erste Station, an einer Realschule in Meßstetten, war ernüchternd. Er kam in eine gefürchtete neunte Klasse, die kein anderer wollte, auch die Atmosphäre im Lehrerzimmer war alles andere als kollegial. Er war kurz davor aufzugeben – und fing an zu schreiben, um seine Erlebnisse festzuhalten. So verarbeitete er schwierige Situationen und nahm die Geschichten irgendwann mit in den Unterricht. „So konnten wir über die Konflikte diskutieren“, sagt er.
Eine Kollegin ermunterte ihn, seine Geschichten einzureichen. Hans Joachim Gelberg vom Verlag Beltz & Gelberg schrieb ihm, er habe Talent. „Er war der Papst der Kinderliteratur“, sagt Mai, „sein Brief hat mich ermutigt weiterzumachen.“ 1980 veröffentlichte er sein erstes Jugendbuch mit dem Titel „. . . und brennt wie Feuer“, in dem er sich mit Rechtsradikalismus beschäftigte und das sogar im Fernsehen gelobt wurde. Die Gefahr von rechts ist ein Thema, das ihn bis heute umtreibt.
Zu seinen literarischen Vorbildern gehörte schon damals Wolfgang Borchert. „Seine Kurzgeschichten sind da oben explodiert“, er tippt auf seine Stirn, „durch sie konnte ich meine Eltern und auch die Welt besser verstehen.“ Peter Härtling war mit seinen Kinder- und Jugendbüchern für ihn der Größte: „Mit scheinbar einfachen Mitteln schaffte er es, auf nicht mal 100 Seiten wichtige Geschichten zu schreiben.“
„Ich bin der Vorarbeiter“
1984 verließ Manfred Mai die Schule und verlegte sich ganz aufs Schreiben. Zu der Zeit lebte er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern, die heute auch Lehrerinnen sind, bereits wieder im Heimatort Winterlingen auf der Alb. Dort entstanden in den folgenden Jahrzehnten seine Bücher, darunter viele für ganz junge Leser. Klaus Kordon, ebenfalls ein bekannter Jugendbuchautor, warf ihm vor, er verschleudere sein Talent mit diesen Erstlesegeschichten. Doch Mai sieht das anders: „Bevor jemand einen Roman von Klaus Kordon in die Hand nimmt, braucht es erste positive Leseerlebnisse. Ich bin der Vorarbeiter, der Leseförderer – und das wird heute immer wichtiger.“
Einmischen, mitmischen – bei der Leseförderung, aber auch in seinem Heimatort, wo er in späten Jahren Gemeinderat wurde. Sein Traum ist es, ein Buch zu schreiben, in dem er das politische System so erklärt, dass jeder versteht, wie es funktioniert – und es zu schätzen lernt. „Eine unlösbare Aufgabe“, sagt er, „aber unsere Gesellschaft driftet auseinander, weil die Leute zu wenig wissen.“ Junge Menschen dazu zu bringen, mehr wissen zu wollen, bleibt seine Lebensaufgabe.