Benjamin Würth ist ab Januar der neue starke Mann im Konzern und löst seinen Großvater Reinhold Würth in wirtschaftlich turbulenten Zeiten im obersten Entscheidungsgremium ab. Was ihm wichtig ist.
Viele kennen ihn, schließlich arbeitet Benjamin Würth schon seit mehr als einem Vierteljahrhundert im Familienunternehmen – ein Milliardenkonzern, den sein Großvater Reinhold Würth aus dem Zwei-Mann-Betrieb seines Vaters in Künzelsau geschaffen hat.
Künftig dürfte der 43-Jährige mehr ins Rampenlicht rücken, denn zum Jahreswechsel tritt er die Nachfolge seines Großvaters als Vorsitzender des Stiftungsaufsichtsrats der Würth-Gruppe an. Das Kontrollgremium wacht über die Familienstiftungen, denen die Würth-Gruppe gehört, und ist an wichtigen strategischen Weichenstellungen beteiligt.
Ein Wechsel in wirtschaftlich turbulenten Zeiten, die auch am Würth-Konzern nicht spurlos vorübergehen. Mit Neueinstellungen agiert man vorsichtig, besetzt freie Stellen primär aus den eigenen Reihen.
Der Elektronik-Standort in Schopfheim mit 300 Mitarbeitern soll 2025 geschlossen werden, hatte Würth im Herbst angekündigt. Im ersten Halbjahr 2024 hat der Weltmarktführer von Montage- und Befestigungsmaterial ein Umsatzminus von 3,2 Prozent auf 10,2 Milliarden verzeichnet. Aktuellere Zahlen nennt man noch nicht. Doch dass man große Herausforderungen meistern kann, hat das Familienunternehmen in vergangenen Jahren immer wieder bewiesen.
Würth: Neugierde und Innovationsgeist
Das hat wohl auch der neue Schraubenkönig verinnerlicht. „Schauen Sie hintern Berg und ums Eck: Mit dieser Einstellung hat mein Großvater die Würth-Gruppe über Jahrzehnte hinweg geprägt und uns ermutigt, immer einen Schritt weiterzugehen als der Wettbewerb. Diese Neugierde, unser Innovationsgeist und unsere starke Unternehmenskultur, die über 88 000 Menschen in 80 Ländern verbindet, bilden ein starkes Fundament, auf das wir auch in Zukunft bauen können“, sagt Benjamin Würth. Er tickt ähnlich wie sein Großvater, dessen Werte stark ihn ihm verwurzelt sind, wie er es formuliert. Sein Credo: Man müsse die Menschen verstehen, wenn man mit ihnen Geschäfte machen wolle.
Der 43-Jährige will nahbar und authentisch sein. „Wichtig ist mir vor allem, mich nicht nur als Führungskraft, sondern auch als Mensch nahbar zu zeigen. Diese Nähe erfordert den Mut, authentisch zu sein“, hat er als Grußwort im letzten Geschäftsbericht geschrieben. Der gelernte Außenhandelskaufmann, der wenige Kilometer entfernt von Künzelsau und damit von der Firmenzentrale aufgewachsen ist und mit seiner Familie in der Schweiz lebt, hat vielseitige Erfahrungen im Familienkonzern gesammelt. Seit 2008 ist er bei der Würth International AG mit Sitz in Chur unter deren Dach größtenteils die Auslandsunternehmen der Würth-Gruppe zusammengefasst sind, seit 2015 ist er Mitglied der dortigen Geschäftsleitung.
„Benjamin ist die Zukunft des Konzerns“
In seinem Job war er viel in der Welt unterwegs, unter anderem in Indien, Südostasien aber auch in den USA und hat sich nicht nur mit den Würth-Gesellschaften, sondern auch deren Menschen befasst. 2023 wurde er Stellvertreter von Reinhold Würth im Stiftungsaufsichtsrat, den er nun ablöst. Der Großvater hält große Stücke auf ihn und hat das auch im letzten Geschäftsbericht geschrieben. „Benjamin weiß, dass Bescheidenheit, Demut, Fairness und Aufrichtigkeit die Grundpfeiler des Erfolgs unserer Unternehmensgruppe sind und auch in die Zukunft hinein bleiben sollen.“
Dass „Benjamin die Zukunft des Konzerns ist“, hat Reinhold Würth im Oktober 2024 deutlich gemacht, als er bei der Feier seines 75. Arbeitsjubiläums seinen Rückzug angekündigt hat. Aber Würth wäre nicht Würth, hätte er nicht gleich noch angekündigt „dann aus dem Hintergrund auch ab und zu mal zu meckern“. Der 89-Jährige wird zum Jahreswechsel Ehrenvorsitzender des Stiftungsaufsichtsrats.
Neben Benjamin Würth übernehmen noch weitere Würth-Enkel mehr Verantwortung im Unternehmen. Benjamins Bruder Sebastian Würth (39) übernimmt den Vorsitz des Würth-Beirats von seiner Tante Bettina Würth (63), der Tochter von Reinhold Würth. Sie wird Ehrenvorsitzende des Beirats und bleibt weiterhin Mitglied im Stiftungsaufsichtsrat. Sebastian Würth sitzt seit 2019 im Würth-Beirat, hat Management und Wirtschaft an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen studiert und einen Master of Arts in „Family Entrepreneurship“. Er baute unter anderem den Bereich Maritim als neue Geschäftseinheit international aus und war auch verantwortlich für die Geschäftseinheit Offshore, zu deren Kunden beispielsweise Schiffswerften und Raffinerien zählen.
Auch Kunst und Kultur ist der Familie wichtig. Maria Würth (34), die Tochter von Bettina Würth, hat Kunstgeschichte in Tübingen studiert und ist Mitglied des Vorstands der Stiftung Würth. Sie wird den Hauptteil der Aufgaben von C. Sylvia Weber (63) übernehmen, die die Kunst- und Kulturaktivitäten führt.
Eines haben die drei Würth-Enkel, die zusammengerechnet auf 45 Jahre Erfahrung im Unternehmen kommen, gemeinsam. Dass das Unternehmen „immer mit am Frühstückstisch saß“ sei absolute Normalität, haben sie bei Würths 75. Arbeitsjubiläum verraten. Das Unternehmen begleitet eben nicht nur den beruflichen Alltag, sondern wirkt auch in die Familie hinein – ein Familienunternehmen eben.