Sie haben sich an den Straßenlärm gewöhnt, doch der zunehmende Freizeitdruck macht den Wildtieren zu schaffen. Foto: Sutor/DJV

Seit fast einem Jahrhundert leben Gämsen im Raum Schramberg und Schiltach. Wo genau sich die Tiere aufhalten, wie viele es sind – und warum sie jetzt Ruhe brauchen.

Obwohl Gämsen bereits seit den 1930er-Jahren im Raum Schramberg/Schiltach heimisch sind, zählen sie im Schwarzwald noch immer zu den Exoten unter den Wildtieren. Denn eigentlich verortet man die ziegenartigen Tiere eher in den Alpen.

 

Zu echten Hinguckern haben sich die Gämsen im Bereich Hinterlehengericht entwickelt. Dort lassen sie sich tagsüber immer wieder beim Äsen auf einer Wiese direkt neben Radweg und Bundesstraße beobachten. Weder das Brummen vorbeifahrender Lkw noch fotografierende Spaziergänger scheinen ihre Ruhe zu stören.

Brunftzeit bis Ende Dezember

Derzeit tragen die Tiere ihr dunkles Winterfell. Aufmerksamen Beobachtern ist dabei sicher schon aufgefallen, dass das Rudel aktuell kleiner erscheint: Mehr als zehn Tiere sind auf der Wiese selten gleichzeitig zu sehen. „Die Population ist aber gleich geblieben“, beruhigt Marcel Schmalz, Hegeringleiter im Oberen Kinzigtal.

Der Grund für die geringere Gruppengröße liegt in der Brunftzeit, die bis Ende Dezember andauerte. Während dieser Phase teilen sich die Gämsen in kleinere Rudel auf. „Jetzt finden sie sich nach und nach wieder zusammen“, erklärt der Jäger. Die Rudelstärke werde sich bald wieder bei 20 bis 30 Tieren einpendeln. Insgesamt leben in Hinter- und Vorderlehengericht zwischen 40 und 50 Gämse. Ein weiterer Schwerpunkt des Gamsvorkommens liegt im Bereich Berneck zwischen Schramberg und Tennenbronn. Dort sind rund 25 Tiere unterwegs. Diese zeigen sich allerdings deutlich scheuer: Sie bleiben meist in den steilen Hängen des Bernecktals oder im Bereich Ramstein und lassen sich nur selten offen beobachten.

Auf Wanderschaft

Für das Gamswild sind Felsen und Geröllhalden ideale Lebensräume. Dennoch machen sich die einzelne Tiere immer wieder auf Wanderschaft und nutzen sogenannte Fernwechsel zum Austausch mit ihren Artgenossen. Deshalb sichtet man sie unter anderem immer wieder einmal im Bereich Kirnbach. Und in Gutach (Ortenaukreis) habe sich zwischenzeitlich sogar ein Rudel gebildet, berichtet Schmalz.

Die ursprünglichen Schwarzwald-Gämsen stammen aus der Steiermark und dem Salzkammergut. Zwischen 1935 und 1939 wurden sie im Forstamt Kirchzarten angesiedelt und breiteten sich von dort in Richtung Schiltach und Schramberg aus. Um die genetische Zusammensetzung und die genaue Abstimmung der Tiere im Landkreis Rottweil genauer zu bestimmen, wird der Genpool von der Wildforschungsstelle des Landes Baden-Württemberg (LAZ BW) in Aulendorf untersucht. Auf Ergebnisse hoffe man im Laufe des Jahres, so Schmalz.

Wild braucht besonders im Winter Ruhe

Der Hegeringleiter richtet einen eindringlichen Appell an die Bevölkerung: „Unsere Wildtiere brauchen mehr Ruhe. Bitte nicht quer durch den Wald laufen.“ Der zunehmende Freizeitdruck habe massive Auswirkungen auf das Wild. „Rehe trauen sich mittlerweile oft nur noch nachts aus ihrer Deckung“, erklärt Schmalz. Gerade im Winter sei Rücksicht besonders wichtig, da den Tieren deutlich weniger Äsung zur Verfügung stehe.

Steckbrief

Gamswild
ist eine typische Wildart im Hochgebirge. Es gehört zu den Ziegenartigen. Ihre Brunft findet von Ende Oktober bis Mitte Dezember statt, der Nachwuchs – ein bis zwei Kitz pro Geiß – kommt im Mai/Juni auf die Welt. Gamswild ist tagaktiv und kann hervorragend klettern, da die Füße mit harten Schalenrändern und elastischer Sohle ausgerüstet und die Zehen weit spreizbar sind. Zu seinen natürlichen Feinden gehört der Wolf und der Uhu (Kitze). Im Sommer ist ihr Fell blassbraun, im Winter dunkelbraun mit feiner Unterwolle. Beide Geschlechter tragen Hörner.