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Schramberg "Reformen von beispiellosem Ausmaß nötig"

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Seit 2017 ist der ehemalige Schramberger Franz Baumann Gastprofessor an der New York University und beschäftigt sich auch dort mit Fragen der Klimapolitik.

New York/Schramberg. Bis Ende 2015 war der Schramberger Franz Baumann als "Beigeordneter Generalsekretär" sowie Sonderberater für Umweltfragen und Friedensmissionen der Vereinten Nationen tätig. Im März 2018 hat Baumann beim Auswärtigen Amt in Berlin einen denkwürdigen Vortrag unter der Überschrift "Klimawandel – Zentrale Herausforderung der Menschheit" gehalten. Wir haben Franz Baumann Fragen zur UN-Klimakonferenz 2018 gestellt, die im Dezember im polnischen Kattowitz stattfand. Dort hielt die 15-jährige Schülerin und Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg, für deren Ziele am gestrigen Freitag Schüler auf die Straße gingen, ihre viel beachtete Rede.  

Herr Baumann, was ist positiv an den Beschlüssen der UN-Klimakonferenz in Kattowitz?

In Kattowitz ging es um die Präzisierung des Pariser Abkommens, das heißt um die Einigung auf Regeln von Finanzströmen sowie auf Berichtspflichten und Messmethoden von Klimadaten.  Ein Regelbuch wurde verabschiedet, nach dem nun die Mess- und Berichtspflichten für alle Staaten gleich sind:  Ab 2024 soll alle zwei Jahre berichtet und alle fünf Jahre geprüft werden, ob und wieweit die Ziele erreicht wurden.  Diese Konkretisierung und Konsolidierung des Pariser Abkommens ist positiv.

Was kritisieren Sie am Ergebnis der Konferenz?

Kann man das Stadion kritisieren, wenn beide Mannschaften jämmerlich Fußball spielen?  Angesichts des Ernstes der Lage hätte ich mir mehr Ehrlichkeit, Ehrgeiz und Verantwortlichkeit gewünscht, sowohl bei der Konferenz als auch weit über sie hinaus.  Also dass das Regelwerk am ersten Morgen unter Dach gebracht worden wäre und man die verbleibenden zwölf Tage ernsthaft über Wege und Mittel verhandelt hätte, wie in den nächsten zehn Jahren global und sozial verträglich die CO2-Emissionen um die Hälfte zu reduzieren sind, und in den nächsten 30 Jahren um 100 Prozent.

Der Weltklimarat zeigt in seinem im Oktober vorgelegten Bericht auf, dass sich die Zukunft der Menschheit in den kommenden Jahrzehnten entscheidet, und dass die notwendigen Reformen von historisch beispiellosem Ausmaß sind. Eine solche Herausforderung muss auf der Ebene von Regierungschefs diskutiert werden, nicht auf einer technischen Expertenkonferenz, so wichtig diese auch ist.  Bedauerlich war auch das Auftreten der Hauptbremser USA (die angekündigt haben, das Pariser Abkommen nächstes Jahr zu verlassen), Russland (welches das Pariser Abkommen nicht einmal ratifiziert hat), Brasilien, Saudi Arabien und Kuwait.

Aber auch Deutschland könnte viel mehr tun.  Am Rande der Konferenz wurde der Bundesregierung der Negativpreis "Fossil des Tages" verliehen, weil sie die Emissionsziele für 2020 krachend verpasst, diejenigen der EU für 2030 nicht mitträgt und weil die Kohleverstromung weitergeht.  

Was müsste passieren, damit wir die Klimaziele erreichen?

  Das Schlüsselwort ist Dekarbonisierung, also die Reduzierung von Kohlendioxid in der Erdatmosphäre durch verminderte Emissionen einerseits und durch Kohlenstoffabscheidung und -speicherung andererseits.  Ohne einen radikalen Umbau unserer Art zu produzieren, zu konsumieren, zu wohnen und uns zu bewegen, wird es nicht (mehr) gehen.

  Eine Tonne CO2 verursacht einen Schaden von circa 100 Euro, der bislang auf die Allgemeinheit und zukünftige Generationen abgewälzt wird.  Wir haben schon so viel Zeit verloren, dass es unklar ist, ob wir die gegenwärtigen Emissionen halbieren können.  Aber ohne die marktgerechte Verteuerung von CO2-Emissionen haben wir überhaupt keine Chance.   

Hatte die Rede der 15-jährigen Schülerin Greta Thunberg einen Einfluss auf die Delegierten der Konferenz?  Oder hat man sie nur als eine Art Alibi reden lassen?

Greta Thunberg hat man nicht reden lassen, sondern sie sprach als Vertreterin einer NGO. Mit ihren erst 15 Jahren machte sie großen Eindruck, eben weil sie so unverblümt und leidenschaftlich sprach, was allerdings nicht bedeutet, dass sie die wirklichen Entscheider – die an der Konferenz gar nicht teilnahmen – beeindruckt hat oder eine breite Öffentlichkeit.  Umwelt- und Klimaschutz, so ergab eine Umfrage erst diese Woche, wird nur von sieben Prozent der Deutschen für eine Priorität gehalten.  Um dies zu ändern, ist die Wirkung solcher Konferenzen nicht zu unterschätzen.    Die Verdrängung des Themas wird erschwert, was irgendwann dazu führt, dass Politiker etwas tun müssen.  

Warum äußern sich die Leugner des Klimawandels oft so emotional, manchmal aggressiv, fast militant? Auch zum Bericht über Ihre Rede in Berlin zum Thema haben wir entsprechende Leserbriefe bekommen.

Leute, die wissen, wovon sie reden, schreien nicht.  Stattdessen argumentieren sie, bieten nachprüfbare Quellen an, sind über den Stand der Wissenschaft informiert, vermeiden Unterstellungen, Häme und persönliche Angriffe; vielleicht haben sie sogar Fragen, anstatt vorgestanzte Antworten.

Bemerkenswert ist, dass Klimaleugner vor allem männlich, wissenschaftsfeindlich und im extrem rechten, nationalen Lager verortet sind: ob Putin (Russland), Trump (USA), Bolsonaro (Brasilien), bin Salman (Saudi Arabien), Kaczyski (Polen) oder auch die AfD.  Für diese rückwärtsgewandten Vereinfacher und ihre Nachläufer ist Komplexität ein Fremdwort und internationale Zusammenarbeit und Kompromisse ein Zeichen von Schwäche.

Das Gute an der Wissenschaft ist, dass ihre Erkenntnisse richtig sind, ob man ihnen glaubt oder nicht.  Dabei kennt die Wissenschaft keine unumstößliche Wahrheit.  Argumentationen, Annahmen und Belege werden immer wieder hinterfragt, verifiziert oder vielleicht falsifiziert, um dadurch Einsichten zu verfeinern, und zwar so unabhängig und transparent wie möglich.  Eine Studie allein hat dabei nur eine bedingte Aussagekraft – selbst wenn sie sauber durchgeführt und ihre Methode und Ergebnisse von unabhängigen Fachkollegen geprüft wurde.  Wiewohl Irrtümer nicht ausgeschlossen sind, ist das System auf Zweifel, Hinterfragen und Selbstkorrektur angelegt.

 Die Fragen stellte Johannes Fritsche.

Ihre Redaktion vor Ort Schramberg

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