Dieses Gelände am Hirtenwald käme für das privatwirtschaftliche Humankrematorium in Frage. Foto: Kiolbassa

Chemiker kommt zu anderen Schlüssen als Landschaftsplaner. Im Gemeinderat wird weiter diskutiert.

Schramberg - Keine These ohne Gegenthese: Heute debattiert der Gemeinderat Schramberg wieder über den Bau eines Human-Krematoriums in Sulgen. Der Hamburger Landschaftsplaner Andreas Morgenroth hatte der Stadt dringend davon abgeraten, ebenso von einem Friedwald, aus Gründen des Naturschutzes. Der Diplom-Chemiker Jörg Bachmann kommt zu anderen Schlüssen. Wir stellten ihm dieselben Fragen.

Herr Bachmann, braucht eine Stadt mit 21.000 Einwohnern ein eigenes Krematorium?

Ob eine Stadt mit 21.000 Einwohnern ein eigenes Krematorium braucht, ist nicht die entscheidende Frage. Ein Krematorium zu errichten, bedarf außer der Baugenehmigung keiner Genehmigung im immissionsschutzrechtlichen Sinne. Der Betrieb ist nur anzeigepflichtig. Die Entscheidung, ein Krematorium zu errichten, ist somit neben dem Angebot der "Dienstleistung Einäscherung" immer auch eine kaufmännische Entscheidung. Das Krematorium ist also in jedem Fall nicht nur für die Stadt da, sondern bietet die Dienstleistung für eine bestimmten Region an. Somit muss der zukünftige Betreiber eine Wirtschaftlichkeitsprüfung durchgeführt haben. Diese muss positiv gewesen sein, sonst hätte er keinen Bauantrag gestellt. Im Übrigen gibt es ja auch das Recht der Gewerbefreiheit.

Was spricht aus Ihrer Sicht für Einäscherungen?

In Deutschland hat jeder das Recht, die Art der Beisetzung frei zu wählen. Die Erdbestattung ist der Feuerbestattung gleichgestellt. Deshalb sollten auch nicht beide Bestattungsarten gegeneinander ausgespielt werden. Die Vorteile einer Feuerbestattung sehe ich in der möglicherweise größeren Flexibilität bei der Grabwahl, was sowohl den Standort als auch die Grabgröße betrifft. Somit ist dann auch Frage der Grabpflege für die Angehörigen gegebenenfalls einfacher und kostengünstiger zu gestalten.

Woher kommt das Schwermetall in den Aschen?

In den Aschen von Verstorbenen werden unter anderem auch Metalle wie Chrom, Kupfer, Nickel und Zink in unterschiedlichen Konzentrationen nachgewiesen. Die der Herkunft ist bei Zink, Nickel und Kupfer möglicherweise die Materialien der Grabbeigaben, beziehungsweise der Särge. Das Chrom wird zum größten Teil aus den Metalllegierungen der im Kremationsofen verbauten Materialien freigesetzt. Drehplatten bestehen zum Beispiel aus hochlegiertem Grauguss mit relativ hohen Anteilen an Chrom und Nickel. Die in der Presse diskutierten "hohen Konzentrationen" von Schwermetallen in Kremationsaschen sind aber insbesondere im Vergleich mit Aschen naturbelassener Hölzer, die nicht durch Schadstoffen beeinträchtigt wurden, vergleichbar und sind nicht generell höher, von Ausreißern abgesehen.

Sie befürworten also Krematorien, ebenso das Bestatten der Aschen in den Wäldern?

Der Betrieb von Krematorien und Friedwäldern ist somit im Prinzip zu befürworten. Eine diskutierte Gefährdung der Umwelt geht von diesen Anlagen meines Erachtens nach nicht aus.

Viele Menschen nehmen über Jahre Medikamente. Ist es aus Sicht des Umweltschutzes besser, sie nach dem Tod einzuäschern?

Die Einnahme von Medikamenten über einen langen Zeitraum betrifft immer mehr Menschen. Diese Medikamente werden mit Sicherheit bei einer Einäscherung zerstört. Eventuell auftretende, nicht umgesetzte Bestandteile sowie Komponenten, die bei jeder Verbrennung entstehen, werden durch die sehr effektiv arbeitenden Abgasreinigungssysteme aus dem Abgas entfernt. Dazu zählen zum Beispiel polychlorierte Dioxine und Furane.

Was sagt die Wissenschaft zum Thema?

Einäscherungsanlagen, die in Deutschland betrieben werden, unterliegen den Anforderungen der 27. Verordnung zur Durchführung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes, müssen strenge Grenzwerte einhalten und werden regelmäßig kontrolliert. Unabhängige Berechnungen, zum Beispiel im Rahmen von Ausbreitungsrechnungen für Krematorien, haben jedes Mal gezeigt: Der Immissionsbeitrag der geplanten Krematorien die Irrelevanzschwelle für die relevanten Parameter Gesamtstaub, Gesamtkohlenstoff, Kohlenmonoxid, Dioxine und Furane, Quecksilber, Blei, Stickstoffoxide, Chlorwasserstoff, Fluorwasserstoff und Schwefeloxide, die in Anlehnung an die TA Luft festgelegt wurden, wurde jedes Mal unterschritten. Somit ist der Betrieb von Einäscherungsanlagen als sicher und für die Umgebung als unbedenklich anzusehen.

Können Sie der Stadt ruhigen Gewissens einen Friedwald empfehlen?

Die Anzahl der Bestattungen in Friedwäldern nimmt in Deutschland zu. Berechnungen, die wir durchgeführt haben, zeigen, dass bei der angestrebten Anzahl von Bestattungen je Hektar keine Gefährdung der Umwelt, sowohl Boden als auch Grundwasser und daraus zu gewinnendes Trinkwasser, ausgeht. Die gemäß Bundesbodenschutzverordnung zulässige jährliche Fracht an Schadstoffen, insbesondere Chrom, wird nicht überschritten. Auch die Bedeutung eines möglichen Eintrags von Chrom in das Grundwasser ist zu relativieren. Die Analysenwerte im Eluat –­ ein wässriger Auszug der Probe –­ für Chrom liegen bei einer Verdünnung von eins zu zehn unterhalb der Grenzwerte der Trinkwasserverordnung. Da diese Grenzwerte keine toxikologischen Grenzwerte sind, sondern Vorsorge-Grenzwerte, kann man davon ausgehen, dass die Beeinträchtigung des Grundwassers wenig toxikologische Relevanz hat. Bei rund drei Kilogramm Asche je Beisetzung wären also 60 Liter ausreichend, um die Grenzwerte der Trinkwasserverordnung durch vollständige Auslaugung und Verdünnung zu erreichen. Unter dem Aspekt, dass die mittlere Niederschlagsmenge 750 Liter pro Quadratmeter beträgt und eine Urne je zehn Quadratmeter beigesetzt wird, kann also ebenfalls nicht von einer Gefährdung des Grundwassers ausgegangen werden.

Wie möchten Sie eines Tages bestattet werden?

Meine Bestattungsform wird die Feuerbestattung sein, wobei ich das Krematorium vorher bestimmen werde.  

Weitere Informationen:

Jörg Bachmann (58) ist dilpomierter und promovierter Chemiker. Er ist Geschäftsführer der Firma IFU GmbH – Gewerbliches Institut für Fragen des Umweltschutzes und arbeitet in der Niederlassung Umweltanalytik in Saalfeld. Er nimmt Emissionsmessungen an Krematorien seit 1995 vor.