Warum sehe ich diesen Hinweis?

Sie sehen diesen Hinweis, weil Sie einen Adblocker eingeschaltet haben oder im privaten Modus surfen. Deaktivieren Sie diesen bitte für schwarzwaelder-bote.de, um unsere Artikel ohne diesen Hinweis lesen zu können.

Mehr zum Thema Adblocker / Privater Modus und wie Sie diesen deaktivieren, finden Sie, indem Sie auf deaktivieren klicken.

Deaktivieren

Schramberg Gedenken muss zukunftsgerichtet sein

Von
Oberbürgermeisterin Dorothee Eisenlohr bedankte sich mit einer kleinen Aufmerksamkeit aus heimischer Produktion bei Rüdiger Görner und eröffnete die Fragerunde zum Schluss des Vortrags. Fotos: Benner Foto: Schwarzwälder Bote

Nachdem das Thema Nationalsozialismus so umfangreich in Tennenbronn aufgearbeitet worden sei, erinnerte Oberbürgermeisterin Dorothee Eisenlohr in ihrer Ansprache am Gedenktag nun auch an die Täter-Opfer-Geschichte Schrambergs, zu der jeder Bürger einen Bezug habe.

Schramberg. Zum (vorgezogenen) Gedenktag waren politisch Aktive, Interessierte und ein Quintett der Stadtmusik Schramberg vor der ehemaligen Realschule erschienen. Im Anschluss fand der Vortrag "Zukunft des Erinnerns" des preisgekrönten Professors Rüdiger Görner im Schloss Schramberg statt.

Lokale Brisanz

Aufgrund der Brisanz wegen antisemitischer Schmierereien am Edeka-Markt Sulgen im vergangenen Monat und aufgrund dessen, dass Referent Rüdiger Görner bereit war, den weiten Weg von London auf sich zu nehmen, um zurück in seine Heimatstadt zu kommen und zum Thema zu sprechen, fand der Gedenktag bereits am 22. statt am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers (KZ) Auschwitz, statt.

"Warum erinnern wir uns?", fragte OB Eisenlohr und fuhr fort: "Damit so etwas nicht wieder passiert!" Es gehe um zukunftsgerichtete Erinnerung. Selbst die Flüchtlingswelle seit 2015 sei Folge ständiger kriegerischer Auseinandersetzungen.

Gegen Radikalisierung

Auch wenn die meisten Generationen zu jung seien, um sich an den Nationalsozialismus zu erinnern, so sei es jetzt wichtig, darauf zu achten, dass der damalige schleichende Prozess von Radikalisierung und Ausgrenzung nicht wieder aufblühe.

Dankbar sei sie, dass Bürger, Vertreter der demokratischen Parteien und des Handels- und Gewerbevereins (HGV) Schramberg sich so schnell über Weihnachten verständigt und dafür eingesetzt hätten, dass "Schramberg weiterhin weltoffen bleibt. Rassistische und antisemitische Sprüche oder gar Taten werden wir nicht dulden".

Den Anfängen wehren

Eisenlohrs klare Botschaft: "Wehret den Anfängen!" Dazu verwies sie auf die Geschichte der KZs und auch auf das von der Projektgruppe Heimathaus Tennenbronn erarbeitete Werk "Das Leben im Nationalsozialismus in Tennenbronn", das es nach dem anschließenden Vortrag von Görner vom Heimathaus-Vorsitzenden Robert Herrmann im Schloss zu kaufen gab.

Dort hatten sich zum Vortrag bereits frühzeitig geschichtlich interessierte Bürger versammelt, darunter auch Initiator und ehemaliger Oberbürgermeister Herbert O. Zinell.

Viele Interessierte

Görner lehrte als Dozent nach seinem Studium in Tübingen und London (Germanistik, Geschichte, Musikwissenschaft, Philosophie und Anglistik) sowie Promotion und Reader als Professor seit 1997 an der University of Surrey, der Aston University in Birmingham und ist seit 2004 an der Queen Mary University of London als Centenary Professor of German with Comparative Literature tätig.

Stadtarchivar Carsten Kohlmann begrüßte die Gäste, Dorothee Eisenlohr eröffnete den anspruchsvollen, fachlich fundierten Vortrag und die Fragerunde.

Auch mehrere Lehrer und Schüler des Leistungskurses Geschichte des Gymnasiums Schramberg waren zugegen. Sie notierten während des spannenden Vortrags Fragen für die Diskussion mit Görner am Folgetag und freuten sich darauf, mit ihm ins Gespräch zu kommen.

"An unserem Erinnern kann man uns erkennen", stellte Görner zu Beginn fest und regte das Nachdenken mit ein paar Fragen an: "Erinnern wir uns zu viel oder zu wenig? Verdrängen oder vergessen wir mehr? Wie gehen wir um mit unserer verlorenen Zeit?"

Ins Gespräch kommen

Die Medien würden die Menschen unterstützen, zu erinnern. Allerdings sei es vorgegebenes Erinnern, nicht emotional-persönliches Erinnern. Was sei dies wert, wenn Wahrnehmung und Erinnerung subjektiv seien? Die Lösung: Ins Gespräch kommen und abgleichen, denn Lang- und Kurzzeitgedächtnis stimmten oft nicht überein, es könne sogar manipuliert oder gelöscht werden. Auch müsse man dabei auf die Wortwahl und den versteckten Sinn achten, hellhörig werden, denn aus Hassworten entstünden nur allzu leicht Hasstaten. Auch müsse jeder für sich lernen, eigenverantwortlich mit Erinnerung umzugehen, sprich: das Werten und Urteilen muss gelernt sein. Aber Achtung: "Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden", zitierte er Friedrich Dürrenmatt. Das gelte im übertragenen Sinne – auch vor allem dem digitalen Speicher, die Medien und Nachrichten im Netz, die teils gewissenlos kursieren und nicht mehr gelöscht werden können.

Gefährliche Manipulation

Dann sprach Görner in die gespannte Stille eine Warnung aus, Stichwort: Fake News. Der Nationalsozialismus würde davon träumen, schnell und mühelos ganze Massen (dauerhaft?) durch Medien, aber auch Geschichtsschulbücher manipulieren zu können. Medien seien auch Filter der Wahrnehmung und Erinnerung. Scheinbar erinnere man sich viel mehr an Skandale als an Erinnerungswertes. Doch: "Wer den letzten Krieg vergisst, bereitet schon den nächsten vor", nahm Görner ein Zitat von Lukas Bärfuss auf. Auch hier richtete er Worte der Warnung an sein konzentriert zuhörendes Publikum: "Erinnerung verdrängen ist nicht nur töricht, sondern tödlich. Erinnerung muss vergegenwärtigt werden, es braucht Erinnerungsarbeit, denn ohne Umsetzung ist Erinnerung wertlos."

Wunde offen halten

Man müsse in den Dialog treten, so durch Gedenktafeln oder Gespräche, um aus Erinnern Gedenken zu machen. Görner betonte, es sei erste Bürgerpflicht, den Holocaust, aber auch andere bedeutsame Entwicklungen Europas zu erinnern. Schon Friedrich Nietzsche habe gewusst: "Nur was nicht aufhört wehzutun, bleibt im Gedächtnis." Die Wunde müsse also offen gehalten werden, damit ein kritisch reflektiertes, aber auch vergleichendes Gedenken möglich bleibt – auch wenn jüngere Generationen oft der Auffassung seien, nichts mehr damit zu tun zu haben.

Das Denken prägen

Überlebende litten zum Teil allein durch den Gebrauch deutscher Sprache und dem damit verbundenen Gefühl weiter, denn Erinnerung forme das Fühlen und Wahrnehmen, sagte Görner. In den Konzentrationslagern hätten aber auch – darunter auch fiktive – Erinnerungen den Insassen erlaubt, ihre Leiden zu überstehen. Erinnerung könne "also auch in Zukunft etwas mit uns machen", es präge das Denken, Fühlen und Handeln.

Fotostrecke
Artikel bewerten
4
loading

Ihre Redaktion vor Ort Schramberg

Stephan Wegner

Fax: 07422 9493-18

Flirts & Singles

 
 

Top 5

0

Kommentare

Artikel kommentieren

Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.