Foto: Ferdinand Moosmann Foto: Schwarzwälder Bote

Stadtarchiv und Stadtmuseum setzen Serie fort / Heute: Das erste Weihnachten der Nachkriegszeit in Schramberg

Eines der bedeutendsten Werke der deutschen Nachkriegsliteratur ist das Hörspiel und Theaterstück "Draußen vor der Tür" von Wolfgang Borchert (1921 bis 1947). Der Schriftsteller erzählt in dem 1946/47 entstandenen Werk die Geschichte des Soldaten "Beckmann".

Schramberg. "Beckmann" kehrt nach dreijähriger Kriegsgefangenschaft aus Russland nach Hause zurück, verzweifelt aber daran, dass er auf seine Frage nach dem Sinn des Weiterlebens keine Antwort erhält. In seinem Schicksal fanden sich damals viele Zeitgenossen wieder, die den Zweiten Weltkrieg überlebt hatten.

Zur gleichen Zeit wurde auch in Schramberg ein Kriegsheimkehrer dargestellt, allerdings nicht in einem Hörspiel und Theaterstück, sondern in einer Weihnachtskrippe, die sich heute im Stadtmuseum Schramberg befindet. 1946 gestaltete der ebenfalls aus Russland zurückgekehrte Uhrmacher Max Scheller (1921 bis 1985) für die Familie des Zahnarztes Erwin Grüner (1890 bis 1958) die so genannte "Paradiesbergkrippe", die wie das Werk von Wolfgang Borchert ein herausragendes Zeugnis der Nachkriegszeit darstellt.

Auch hier steht ein Kriegsheimkehrer "Draußen vor der Tür", dessen Blick sich aber auf eine Botschaft der Hoffnung richtet. Er kommt in der Weihnachtsnacht des Jahres 1945 über den Paradiesberg in seine Heimatstadt Schramberg zurück, die den Hintergrund der Weihnachtskrippe bildet. Oberhalb des Wohnhauses der Familie Grüner steht die Tür zu einem Stall offen, in dem er die heilige Familie im Licht der Weihnacht sieht – wie einer der Hirten auf dem Feld.

An Weihnachten 1945 war Schramberg seit acht Monaten von französischen Soldaten besetzt, die am 20. April 1945 einmarschiert waren – am letzten Geburtstag des "Führers und Reichskanzlers" Adolf Hitler (1889 bis 1945), der sich wenig später im "Führerbunker" in Berlin durch Selbstmord seiner Verantwortung entzog. Im Unterschied zu anderen Städten – insbesondere zur Nachbarstadt Freudenstadt – blieb Schramberg bei Kriegsende weitgehend unversehrt. Eine Gruppe mutiger Bürger um den Kaufmann Christian Beiter (1908 bis 1979), den die Franzosen dann als kommissarischen Bürgermeister einsetzten, hatte die Ausführung der Selbstzerstörungsbefehle verhindert.

Bereits wenige Tage später nahmen die meisten Fabriken der bedeutenden Industriestadt ihre Arbeit wieder auf – einer der frühesten Zeitpunkte des wirtschaftlichen Neubeginns im Nachkriegsdeutschland. "An den Bürgern der Stadt liegt es nun, den kühlen und klaren Kopf, dem sie ihre Weiterexistenz zu verdanken haben, sich weiterhin zu bewahren", schrieb Christian Beiter am 27. August 1945, "damit unsere Heimat das bleibt, was sie immer war, Schramberg, eine Stadt der Arbeit und der Arbeiter."

Auch in anderen Bereichen kam der Alltag nach und nach wieder in Gang. Im Hochsommer 1945 nahm – wenn auch zunächst an nur drei Tagen in der Woche – die Eisenbahnlinie Schiltach-Schramberg ihren Betrieb wieder auf. Zum 1. Oktober 1945 wurden die Schulen wieder eröffnet. Ein großes Problem war jedoch die Lebensmittelversorgung. Die Brotration konnte zwar im Lauf der Zeit von 500 Gramm auf 1650 Gramm pro Woche erhöht werden, Gemüse, Fleisch, Eier und Zucker gab es aber kaum. Im Winter 1945/46 fehlte es außerdem an Brennmaterial. Christian Beiter sorgte sich, "daß wir in einem Jahr auf diese Weise mehr Nazis haben als jemals."

Auf Südwestdeutschland rollte gleichzeitig eine riesige Flüchtlings- und Vertriebenenwelle aus Ostdeutschland zu. In Württemberg-Hohenzollern erwartete man zum Jahresende eine Million Flüchtlinge und Vertriebene, von denen etwa 25 000 auf den Kreis Rottweil und etwa 3000 auf die Stadt Schramberg entfallen sollten. Der junge Kreisinspektor (und spätere Bürgermeister) Josef Grüner (1920 bis 2000) wurde deshalb am 17. November 1945 zum "Leiter der Fürsorgemaßnahmen für Ostflüchtlinge" ernannt. Die Stadtverwaltung hatte in diesem Schicksalsjahr "wohl unwidersprochen das Schwerste und Schlimmste seit Menschengedenken" zu bewältigen.

Trotz aller Sorgen konnte aber auch erstmals wieder eine Unterhaltungsveranstaltung stattfinden. Im Saal des Gasthauses "Bären" war die "Scala Berlin-Baden-Baden" zu Gast. Die französische Militärregierung erlaubte zudem den beiden Gesangvereinen "Frohsinn" und "Liederkranz", sich wieder zu organisieren. Auch für die Neugründung der Stadtmusik wurden langjährige Mitglieder aktiv.

Am 28. November 1945 erhielten die Kinder aus den Jahrgängen 1943 und 1944 und aus dem Jahrgang 1933 der Volksschule ihre Erstimpfungen im "Schulsaal 6 der hinteren Burgschule", die Jugendlichen aus der Oberschule ihre Zweitimpfungen. Bald darauf konnten die Schulhäuser aber nicht mehr beheizt werden. Die Schüler wurden nur noch zum Empfang von Hausaufgaben in die Schule bestellt und danach gleich wieder nach Hause geschickt. Der traditionelle Nikolausmarkt fiel aus, weil sich zu wenig Händler gemeldet hatten.

Am 8. Dezember 1945 ordnete die französische Militärregierung an, dass in den Fabriken wegen Brennstoffmangel nur noch drei Tage in der Woche gearbeitet werden durfte. "Nur durch den Mindereinsatz der Arbeitskraft kann der Gesundheitszustand einigermaßen erhalten werden", hielt Christian Beiter damals fest. Ein großes Problem war in der Industriestadt schon lange die Lungentuberkulose, von der gerade in der Nachkriegszeit viele Menschen betroffen waren. 1945 waren daran 602 Einwohner neu erkrankt. Schwererkrankte wurden in einer "Seuchenbaracke" beim Krankenhaus isoliert. Zu Weihnachten konnte die Stadtverwaltung für die Bevölkerung eine höhere Lebensmittelzuteilung erreichen.

Zur Monatsmitte legte sich eine dichte Schneedecke über Schramberg und ein "strenger Winter" kehrte ein. Das Lazarett für Gesichts- und Kieferverletzte in der Realschule wurde in das "Haus auf der Alb" in Urach verlegt. Schwer zu verkraften waren anhaltende Schicksalsschläge, wie sie zum Beispiel Juliane Meingaßner (1918 bis 1983) und ihr Sohn Horst Meingaßner hinnehmen mussten. In einer Todesanzeige in der "Schwarzwälder Post" vom 22./23. Dezember 1945 schrieben sie: "Wir erhielten die unfassbare, schmerzliche Nachricht, daß mein lieber Mann und guter Vater, Schwiegersohn, Schwager und Onkel, Oberg[e]fr[eiter] Edmund Meingaßner nie mehr zu uns zurückkehren darf. Er starb am 6.8.1945 im Alter von 33 Jahren im Heimatlazarett Memmingen an einer am 23.3.1945 in Küstrin erlittenen mehrfachen Verwundung. Er ruht auf dem Waldfriedhof in Memmingen." Bei einer Sammlung des Deutschen Roten Kreuzes für die Angehörigen der Gefallenen und Vermissten kamen 30 700 Reichsmark zusammen.

Am 24. Dezember 1945 spielte ein "Bläserquartett der Stadtmusik" vom Rathausturm "unsere schönen, alten Weihnachtslieder". Im Mittelpunkt des Weihnachtsfestes standen vor allem die Kinder. Die von der evangelischen und katholischen Kirchengemeinde in den Kindergärten veranstalteten Feiern waren sehr stark besucht. Und auch ein Kind erblickte als Zeichen der Hoffnung um 19.30 Uhr im Krankenhaus das Licht der Welt: Dieter Rehfuß, Sohn des Mechanikers Wilhelm Rehfuß (1905 bis 1981) und seiner Ehefrau Christine Rehfuß (1906 bis 1996) aus Rötenberg, der am heutigen Heiligen Abend in seinem Heimatort 75 Jahre alt wird.

"Das Jahr ging dahin in Not. Der Feind steht im Land. Die Lebensmittel sind knapp, und wir gingen einem Weihnachtsfest entgegen, das nach außen hin kaum einmal so arm war. Doch der Krieg war zu Ende", hielt der Uhrmacher Karl Marte (1897 bis 1947) vor 75 Jahren in Schramberg fest, der damals für seine Familie zwei Weihnachtskrippen schuf. Seine damaligen Worte haben für uns heute wieder eine neue Bedeutung erlangt: "Trotz der Not der Zeit traf man im Advent mit Freunden und neuem Mut die Vorbereitungen zum Krippenbau auf Weihnachten 1945 […] Möge die Botschaft des göttlichen Kindes und der Engel auf Betlehems Fluren der bedrückten Menschheit zum Segen werden. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden!"

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