Gespannt lauschen die Zuhörer dem Vortrag von Carsten Kohlmann im Pfarrhof in Sulgen. Foto: Kolpingsfamilie Foto: Schwarzwälder Bote

Veranstaltung: Stadtarchivar Carsten Kohlmann spricht beim Treffen der Kolpingsfamilien des Bezirks Schwarzwald-Baar-Heuberg

Carsten Kohlmann hat beim Bezirkstreffen der Kolpingsfamilien über sozialpolitische Fragen gesprochen und dabei auch Entwicklungen in der Region beleuchtet.

Schramberg-Sulgen. Vorsitzender Reinhold Seckinger begrüßte mehr als 60 Teilnehmer beim Bezirkstreffen der Kolpingsfamilien des Bezirks Schwarzwald-Baar-Heuberg im Pfarrhof in Schramberg-Sulgen. Nach einem geistigen Impuls von Pfarrer Eberhard Eisele zum Thema Fasten sprach der Leiter des Schramberger Museums und Stadtarchivs Carsten Kohlmann über "die christlich-soziale Bewegung in unserer Region im 19. und 20. Jahrhundert".

Josef Andre rückt besonders ins Blickfeld

D ie neu entstehende soziale Frage ab der Mitte des 19. Jahrhunderts durch die aufkommende Industrie mit fortschreitender Säkularisierung hätten die Kirchen in voller Breite erst im Zeitalter der Hochindustrialisierung am Ende des 19. Jahrhunderts als notwendiges Aufgabenfeld erkannt, was eine Entchristlichung der Arbeiter zur Folge gehabt habe.

Rechtzeitig hätten sich darum mit bleibenden Verdiensten vorbildliche Kirchenvertreter gekümmert. Dabei nannte Kohlmann, der diese Fragen zum Thema seiner Diplomarbeit gemacht hatte, zuerst Adolf Kolping, der sich ab 1847 der Not junger Handwerksgesellen angenommen habe und dessen Werk mit etwa 2700 Kolpingsfamilien und mehr als 270 000 Mitgliedern heute noch als das bedeutendste Sozialwerk der katholischen Kirche in Deutschland aktiv sei.

Weiter wurde die ganze Problematik mit sozialen und wirtschaftlichen Ursachen laut Mitteilung von Erzbischof Wilhelm Emanuel von Ketteler 1864 in seinem Buch "Die Arbeiterfrage und das Christentum" dargelegt. Daraus seien zusätzlich zur sozialistischen Arbeiterbewegung auch die ersten christlich-sozialen Vereine entstanden. 1880 habe der katholische Geistliche Franz Hitze mit dem Unternehmer Franz Brandt den Verband Arbeiterwohl gegründet, der dafür eintrat, die katholische Arbeiterschaft in Vereinen zu organisieren und durch Bildung zu qualifizieren. In Schramberg und Rottweil entstanden 1896 solche katholischen Arbeitervereine. Der erste evangelische Arbeiterverein in Württemberg entstand 1888 in Schramberg und dann 1890 auch in Oberndorf und Schwenningen.

Grundlage der katholischen Soziallehre sei dann die bedeutende Sozialenzyklika "Rerum novarum" (die neuen Dinge) 1891 von Papst Leo XIII gewesen, der für einen friedlichen Ausgleich im Ringen von Kapital und Arbeit, für Menschenwürde und für gerechte Entlohnung eingetreten sei.

Ab 1894 seien auch christliche Gewerkschaften ökumenisch gegründet worden, zu 90 Prozent katholisch getragen. Daraus sei 1899 der Gesamtverband Christlicher Gewerkschaften entstanden. Von mehreren verdienstvollen Persönlichkeiten der Raumschaft mit sozialem Engagement stellte Kohlmann in seinem Vortrag laut Mitteilung besonders Josef Andre heraus. Dieser war 1879 in Schramberg als Sohn eines Strohhutarbeiters geboren, erlernte nach der Volksschule das Schreinerhandwerk. Nach einigen Gesellenjahren in der Fremde hatte er sich durch Fortbildungskurse qualifiziert. Von 1904 bis 1926 war er Arbeitersekretär der katholischen Arbeiterbewegung in Stuttgart. Als Mitglied des Zentrums war er von 1906 bis 1918 Landtagsabgeordneter. Er gehörte von 1919 bis 1920 der Weimarer Nationalversammlung an und war bis 1928 Reichstagsabgeordneter.

1926 wurde er Regierungsrat im württembergischen Wirtschaftsministerium und von 1928 bis 1934 Präsident der Landesversicherungsanstalt Württemberg und betätigte sich außerdem als Herausgeber von Blättern zu parteipolitischen und sozialen Themen. Von den Nazis abgesetzt und verfolgt war er zeitweise in Gefängnissen. Nach dem Krieg war er wieder vielseitig aktiv, beteiligte sich am Aufbau der CDU und war bei der verfassungsgebenden Landesversammlung in Württemberg. Er verstarb 1950.

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