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Schramberg "Als schlichter Bürger die Waldluft genießen"

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Entwurf des Stadtbauamtes der Stadt Schramberg für einen Gedenkbrunnen zur Erinnerung an Reichspräsident Friedrich Ebert beim Lichtspielhaus auf dem Paradiesplatz aus dem Jahr 1930Foto: Stadtarchiv Foto: Schwarzwälder Bote

Von Herbert O. Zinell

Mit Friedrich Ebert hat am 7. September 1920 der erste Reichspräsident der Weimarer Republik die Stadt Schramberg besucht – ein bis heute einmaliges Ereignis, kam doch seitdem kein Reichs- oder Bundespräsident mehr hierher.

Schramberg. Der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), der gelernte Sattler und spätere Arbeitersekretär Friedrich Ebert war am 11. Februar 1919 von der Nationalversammlung in Weimar zum ersten Reichspräsidenten gewählt worden und stand bis zu seinem Tod im Jahr 1925 an der Spitze der ersten Demokratie in der deutschen Geschichte.

Seine Amtszeit war geprägt von den katastrophalen Folgen des Ersten Weltkriegs, dessen Ende seiner Meinung nach begleitet war von "einem Zusammenbruch auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet, wie ihn noch kein Volk erlebt hat". Die Bevölkerung empfand insbesondere die "Zwangswirtschaft" als große Belastung und litt in Industriestädten wie Schramberg unter einer extremen Teuerung von Konsumgütern und Lebensmitteln. Am 10. Juli 1920 explodierten diese Spannungen in Schramberg in einer teilweise auch gewalttätigen "Teuerungs-Demonstration", an der sich mehrere Tausend Menschen beteiligten.

Die soziale und wirtschaftliche Krise, aber auch dass das Deutsche Reich nach dem gescheiterten "Kapp-Putsch" rechtsgerichteter Kräfte im Frühjahr 1920 am Rande eines Bürgerkriegs stand, setzten dem Reichspräsidenten zu, zumal "in seltener Einigkeit vor allem kommunistische und nationalsozialistische Medien" gegen ihn hetzten. Die radikale Linke, so Franz Walter in seinem Buch "Die SPD – Biografie einer Partei", "betrachtete Ebert als ihren Feind, denn seine Politik zielte auf die soziale Demokratie, das Bündnis von gemäßigten, reformistischen Arbeitern und republikanischen Kräften des Bürgertums".

Regelmäßig Urlaub im Schwarzwald gemacht

Vom konservativen, gehobenen Bürgertum wurde er wegen "seiner einfachen Herkunft" als "gewöhnlich" verhöhnt und als "Landesverräter" bezeichnet. Letztlich ruinierte er in der politischen Auseinandersetzung seine Gesundheit. Bezeichnenderweise schrieb er aus einem Kuraufenthalt in Bad Mergentheim, dass ihm die Galle "in Berlin wohl bald wieder überlaufen" werde.

Friedrich Ebert verbrachte ansonsten seine Urlaube "regelmäßig in Freudenstadt". Als "alter Freund des Schwarzwaldes" erschien ihm der Unterschied "zwischen dem Regierungszentrum Berlin und Orten der Erholung in Süddeutschland wie ›Nacht und Tag‹, wie ›Verdruss und Glück." Vom 23. August bis 22. September 1920 hielt er sich zu einem Kuraufenthalt in Freudenstadt auf und wohnte im Kurhaus Waldeck.

Von Freudenstadt aus folgte er einer privaten Einladung von Generaldirektor Erwin Junghans (1875 bis 1944) zur Besichtigung der Uhrenfabriken Gebrüder Junghans in Schramberg. Er verband diese Einladung – "begleitet vom württembergischen Staatspräsidenten Johannes von Hieber, von Landesarbeitsminister Wilhelm Schall und von dem mit Ebert eng befreundeten württembergischen Gesandten Karl Hildenbrand – mit einem Besuch der Stadt, wo sie am Vormittag des 7. September 1920 im Rathaus von Stadtschultheiß Eugen Ritter begrüßt wurden". Am Nachmittag empfing der hochrangige Besucher auf eigenen Wunsch Vertreter der Gewerkschaften und die "leitenden Genossen der hiesigen Sozialdemokratischen Partei", um "in zwangloser Weise", wie "Der Grenzer" in Freudenstadt am 9. September 1920 berichtete, "hierbei die verschiedensten, die Partei momentan bewegenden Fragen zu erörtern. Sattlermeister Krön, der mit dem Reichspräsidenten im Jahr 1988 in Freiburg zusammenarbeitete, nahm hierbei ebenfalls Gelegenheit, seinen ehemaligen Kollegen zu begrüßen und alte Jugenderinnerungen auszutauschen". An diese Begegnungen schlossen sich die Besichtigung der Uhrenfabriken Gebrüder Junghans und ein Mittagessen im "Gut Berneck" der Familie Junghans an.

In seiner Rede vor dem Stadtschultheiß und dem Gemeinderat im Großen Sitzungssaal des Rathauses sagte Friedrich Ebert, dass er in den Schwarzwald gekommen sei, "um als schlichter Bürger die Waldluft genießen zu können".

Dank an die Arbeiterschaft

Er würdigte Schramberg als "eine unserer bedeutendsten Industriestädte des Reiches mit einer eigenartigen interessanten Geschichte, die ihre Blüte zum großen Teil ihrer eigenen Kraft" verdanke. Außerdem hob er die Leistung der "führenden Männer des Industrielebens und Wirtschaftens in Schramberg" hervor, "dankte aber nicht weniger der Schramberger Arbeiterschaft für ihr vorbildliches Verhalten in der Generalstreikdebatte" und ehrte, wie es das Schwarzwälder Tagblatt vom 10. September 1920 zusammenfasste, ihre Leistung, "jene schaffende, werktätige Arbeit, ohne die eine Gesundung unseres wirtschaftlichen Elends nun einmal nicht erfolgen kann". Die Industriestadt habe, so der Reichspräsident weiter, "eine so glückliche Entwicklung erleben" können, da zwischen "den Industriellen und der Arbeiterschaft ein besonderes Verständnis für ein Miteinander bestanden" habe.

Die Begrüßungsrede von Stadtschultheiß Eugen Ritter (1880 bis 1940), der den Reichspräsidenten begleitenden Landespolitiker sowie von Gewerkschaftssekretär Otto Schlachter (1880 bis 1950) sprachen ähnliche Themen an, gingen aber auch auf die damals äußerst aktuelle Diskussion über den Steuerabzug, die Generalstreikfrage und die soziale Lage ein.

Dem Eindruck der württembergischen SPD-Zeitung "Schwäbischen Tagwacht" vom 10. September 1920, dass im Rathaus der Stadt Schramberg ein "Akt sich abspielte, dem eine historische Bedeutung nicht abzusprechen sein wird", folgte 1928 eine Ehrung des drei Jahre zuvor verstorbenen Reichspräsidenten durch den Gemeinderat.

Auf Initiative der Parteien der Weimarer Koalition, der SPD, der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und des Zentrums, empfahl die Bauabteilung am 11. Dezember 1928 einstimmig, "den freien Platz zwischen der Einmündung der Graf-von-Bissingen-Straße in die Oberndorfer Straße […] zu Ehren des ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert, der sich durch seine Amtsführung um das Deutsche Volk u[nd] Reich sehr verdient gemacht hat, Ebert-Platz zu benennen." Der Gemeinderat stimmte am 28. Dezember 1928 nach einer ausführlichen Debatte mit 16 Stimmen bei einer Gegenstimme und zwei Enthaltungen zu. Dagegen wurde in der Diskussion unter anderem eingewandt, die Verdienste des ehemaligen Reichspräsidenten "die bürgerliche Republik gerettet zu haben" reichten für eine Ehrung nicht aus. Ferner sei die ins Auge gefasste Fläche "kein richtiger freier Platz" und deshalb wegen "seiner Lage" für die Ehrung ungeeignet. Außerdem gab es Bedenken, dass sich in der Einwohnerschaft der Name Paradiesplatz "eingelebt" habe.

Der SPD-Ortsverein Schramberg beantragte daraufhin im Frühjahr 1929, "als ein Akt der Dankespflicht gegenüber dem verstorbenen ersten Reichspräsidenten und als dauerndes sichtbares Zeichen der Anerkennung und Würdigung seiner Verdienste, ihm, auf dem nach ihm benannten Platze, ein Denkmal zu errichten" und mit dessen Gestaltung den Bildhauer Johannes Eisele (1877 bis 1952) zu beauftragen.

Wirtschaftskrise verhindert Denkmalbau

Die Initiative in Schramberg war kein Einzelfall. Auch in anderen Städten versuchte man mit Denkmälern zur Erinnerung an Friedrich Ebert den Grundstein für eine demokratische Erinnerungskultur zu legen. In Schramberg war dafür der Platz beim neuen Lichtspielhaus der Laupheimer Lichtspielbetriebs GmbH des deutsch-jüdisch-amerikanischen Filmindustriellen Carl Laemmle (1867 bis 1939) besonders geeignet. Das Kino im modernen Bauhaus-Stil war ein architektonisches Symbol der Weimarer Republik in Schramberg. Mit einem Denkmal zur Erinnerung an Friedrich Ebert wäre der nach ihm benannte Platz zu einem "Platz der Republik" geworden.

Zu dem am 13. Dezember 1929 beschlossenen Wettbewerb zur Schaffung eines "Denkmalbrunnens" kam es aber nicht mehr. Bald darauf begann die Weltwirtschaftskrise, die in Schramberg zu Betriebsstilllegungen und Massenentlassungen führte. Als es 1933 zur nationalsozialistischen Machtübernahme kam, wurde der "Ebert-Platz" gleich am 1. Mai 1933 in "Paradiesplatz" umbenannt, um die Erinnerung an die als "Systemzeit" diffamierte Weimarer Republik auszulöschen. Hätte es damals einen "Denkmalbrunnen" gegeben, wäre er wie andere Ebert-Gedenkstätten zerstört worden.

Für die Rückbenennung des Platzes eingesetzt

Im Jahr 2001 setzte sich der Gymnasiallehrer Günter Buchholz für eine Rückbenennung des Platzes ein, die damals allerdings nicht möglich war. Am Lichtspielhaus erinnert aber seitdem eine Gedenktafel der "Zeitreise durch die Schramberger Geschichte" an die Geschichte des Platzes und den Besuch des Reichspräsidenten. Die Vergangenheit des Platzes, die voller Geschichte steckt, kann auch eine Chance für seine Zukunft sein, wenn er eines Tages neugestaltet werden kann.

Das ehemalige Lichtspielhaus in der Architektur des "Bauhauses" ist ein herausragendes Kulturdenkmal der Weimarer Republik in Schramberg. In seinem Zeichen erscheint in Kooperation mit Stadtarchivar Carsten Kohlmann in unserer Zeitung die Serie "100 Jahre Weimarer Republik in Schramberg", die von 2019 bis 2033 in einem vielfältigen Bilderbogen zahlreiche weitgehend vergessene Aspekte und Ereignisse dieser Epoche in Erinnerung rufen wird.

Als Gastautor ruft heute Ministerialdirektor und Oberbürgermeister a.D. Herbert O. Zinell den 100. Jahrestag des Besuches von Reichspräsident Friedrich Ebert in Schramberg in Erinnerung. Der Autor dankt der Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg, der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart und den Stadtarchiven Freudenstadt und Schramberg für ihre Unterstützung. Der Beitrag beruht außerdem auf einer Ebert-Biografie von Walter Mühlhausen und einer Publikation von Günter Buchholz in "D’Kräz - Beiträge zur Geschichte der Stadt und Raumschaft Schramberg" 21 (2001).

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