Schorndorfer entdeckt die Beziehungsanarchie Lieben ohne Regeln
Nach seiner Scheidung ist Andreas Zerweck aus Schorndorf auf der Suche nach einer Beziehungsform, die ihm passt. Nichts fühlt sich richtig an, von der Polyamorie ist er überfordert. Dann entdeckt er das Konzept der Beziehungsanarchie.
Der frühere Andreas Zerweck ist ein ganz gewöhnlicher Typ, ein Familienvater, Bereichsleiter Finanzen und Controlling. Mit seiner Frau lebt er in Schorndorf im Rems-Murr-Kreis in einer monogamen Ehe. Als die Tochter dem Kleinkindalter entwächst, bleibt dem Ehepaar wieder etwas Luft zum Atmen. Gar nicht ungewöhnlich unter jungen Eltern, gerät gerade dann zwischen den Liebenden etwas ins Wanken. Sie entscheiden sich für eine Trennung. Andreas Zerweck zieht aus – im Guten, wie er sagt.
Zerweck, der immer schon ein leidenschaftlicher Tänzer ist, blüht jetzt richtig auf, wird in seiner Freizeit Teil einer Tanzgruppe, die sogenannte Kontaktimprovisation übt: Eine zeitgenössische Methode, im Tanz über Körperkontakt zu kommunizieren. Zerweck trifft auf Leute, die neugierig sind, forschungsbereit. Er beginnt eine Liebesbeziehung mit einer Frau und, ohne diese zu beenden, noch mit einer weiteren.
Andreas Zerweck beginnt, sich für Polyamorie zu interessieren
Das alles geschieht nicht im Geheimen wie bei Affären. Hier wissen alle voneinander. Die Frauen lieben neben Zerweck noch andere Männer. Andreas Zerweck, der Controller, ist ganz baff. Er findet sein neues Liebesleben aufregend. Ihm gefällt, wie offen und ehrlich einander alle begegnen, dass sie sich nicht mit Eifersucht und Besitzansprüchen unter Druck setzen. Das fühlt sich großzügig an. Er beginnt, sich für Polyamorie zu interessieren und schreibt einen Blog über seine Erfahrungen. So lernt er immer mehr Menschen kennen, die sich von der ausschließlichen Zweierbeziehung verabschiedet haben.
Doch mit der Zeit merkt Andreas Zerweck, dass ihn alles mehr anstrengt, als er erwartet hatte. Vor allem sein prall gefüllter Terminkalender überfordert ihn: Wann ist er mit der einen Frau verabredet, wann mit der anderen, was erzählt man wem wann? Berichtet man beiden immer von allem Aufregenden, was tagsüber geschehen ist sowie von Alltagserlebnissen bei der Arbeit? Da hat man viel zu tun. Wenn der eine Abend der einen Frau gehört, er mit der anderen dann aber verreist ist, wie gleicht man das wieder aus? Wenn eine einen Termin verschiebt und sich der neue mit dem Treffen mit der anderen überschneidet? Kurzum, Zerweck wird sein wildes Amoreleben zu viel, er fühlt sich von der Liebe überspült wie von einer Riesenwelle. „Mein System ist nicht gemacht dafür“, gesteht er sich ein und trennt sich von den Frauen.
In dieser Zeit denkt Andreas Zerweck viel über Beziehungen nach: Wann ist eine Verbindung überhaupt eine Liebesbeziehung? „Viele würden das über die Sexualität erklären“, denkt er. Das ergibt aus seiner Sicht wenig Sinn, nicht zuletzt, weil er von vielen langjährigen Paaren weiß, die überhaupt keinen Sex mehr miteinander haben. Die Ehe stellt eine Versorgungsgemeinschaft dar, glaubt Zerweck. Früher hat man einander gebraucht, sich aufeinander verlassen müssen, war eher Team als Liebespaar. Heute ist das Modell am Auslaufen, jeder kann sein Leben alleine organisieren.
Zerweck entdeckt das Konzept der Beziehungsanarchie
Zerweck beobachtet in dieser Zeit, dass viele Paare ihre Beziehung über die Ausschließlichkeit definieren: Bestimmte Dinge, nicht nur die Sexualität, sind dem Partner vorbehalten, man teilt sie nicht mit anderen. Als Definition einer Liebesbeziehung reicht ihm das für sich selbst aber nicht aus. All diese festen Formen und Normen findet er konstruiert, er fühlt sich unfrei und reingepresst wie in ein Sandkuchenförmchen. Nein, danke!
Dann entdeckt Andreas Zerweck das Modell der Beziehungsanarchie. Den Begriff soll eine schwedische Journalistin erfunden haben, sie heißt Andie Nordgren. Beziehungsanarchisten glauben nicht an die Unterscheidung von zwischenmenschlichen Beziehungen in welche, die als Partnerschaft gelten, und welche, die das nicht tun. Die Rede ist von einer „flexiblen Herangehensweise“, mit der zwischen zwei oder mehr Menschen alles erlaubt ist, dem alle Beteiligten zustimmen.
Wie in der Polyamorie sind auch für Beziehungsanarchisten Ehrlichkeit und Respekt wichtig. Liebesbeziehungen werden auf dieselbe Art betrachtet wie Freundschaften. Man sagt nicht: Freundschaft geht nur mit einem einzigen Menschen.
Andreas Zerweck ist begeistert von dieser Denkweise. Er ist sich selbst gegenüber dabei aber nicht unkritisch. Vorwerfen könnte man Beziehungsanarchisten wohl, Nähe und Verbindlichkeit zu fürchten und zu meiden. Zerweck gibt zu: „Das mag sein, aber wenn die Menschen mit dieser Konstruktion glücklich sind und alle daran Beteiligten auch – was spricht dagegen?“ Zerweck trifft jetzt mehrere Frauen, mit denen er Intimität auslebt, wie er sagt, mit denen er auch mal verreist, aber nichts davon ist verbindlich, wenn sich einer mal länger nicht meldet, ist das okay. „Wir genießen jeden Moment, sind einander aber nichts schuldig.“
Wenn er in eine Frau verliebt ist, hofft Zerweck, sie möge möglichst viel Zeit mit ihm verbringen. Bei gemeinsamen Reisen freut er sich, wenn sie mit ihm wandern gehen will. Wenn nicht, ist er enttäuscht, aber das gehöre dazu, sagt er. „Wir müssen in egal welcher Art von Beziehung lernen, den anderen als eigenständigen Menschen wahrzunehmen.“
Zerweck, der mittlerweile 57 ist, berät neben seinem Job als Controller heute auch als Coach Paare. Eine Anspruchshaltung und zu viel Erwartungsdruck seien schädlich, erklärt er den Paaren. Was kaum jemand beachte: „Für die meisten Paare ist eher zu viel Nähe als zu viel Distanz ein Problem, so entstehen Konflikte.“ Zerweck möchte andere inspirieren, auf eigenen Beinen zu stehen. Er fühlt sich ausgeglichen mit seinem Lebensmodell. Mit seiner Ex-Frau und Tochter ist er weiterhin sehr eng, ist oft mit ihnen verreist. Bald zieht die Tochter zu Hause aus, dann ist die neue Herausforderung für alle, wie der gemeinsame Kontakt aufrechterhalten bleibt. Zerweck ist zuversichtlich: „Beziehungen sind immer in Bewegung.“