Marvin Harscher (16) spielt als Torhüter für Anpfiff Hoffenheim in der Deutschen Amputierten-Fußball-Bundesliga (DAFL) – und will zur WM nach Costa Rica.
Im Flutlicht auf dem Rasen der Allianz Arena stehen – und das vor 70 000 Menschen: Was für viele junge Fußballer ein Traum ist, hat Marvin Harscher schon einmal genossen. Der 16 Jahre alte Schopfheimer stand jüngst beim Bundesligaspiel des FC Bayern gegen die TSG Hoffenheim im Rampenlicht – und zwar als einer von drei jungen Spielern der Deutschen-Amputierten-Fußball-Bundesliga (DAFL).
„Das war schon cool“, erinnert sich Marvin Harscher an den Tag, als er vor vor dem Anpfiff ein Interview geben musste, das anschließende Fußballspiel in einer VIP-Loge anschauen durfte und obendrein die Chance bekam, mit Bayernprofis wie Alphonso Davies und Dayot Upamecano hautnah in Kontakt zu treten.
Anlass für den Stadionbesuch war eine Spendenaktion, mit der der Rekordmeister und einer seiner Sponsoren, ein großer Getränkehersteller, den Amputierten-Fußball in Deutschland unterstützen wollen. Für diese Werbekampagne unter dem Motto „Leidenschaft ist nicht amputierbar“ beziehungsweise „Reklamierarm? - Brauch ich nicht“ musste sich Marvin Harscher sogar vor die Kamera stellen - und als Torwart durch die Lüfte fliegen.
Und das beherrscht er aus dem Effeff. Der junge Mann, dem von Geburt an die linke Hand und ein Teil des Unterarms fehlt, steht zwei Jahren für seinen Verein „Anpfiff Hoffenheim“ in der Amputierten-Fußballbundesliga zwischen den Pfosten.
Dass es dazu kam, war eher Zufall. Zwar spielt Marvin Harscher seit etlichen Jahren bereits aktiv Fußball, allerdings nicht im Tor. Als Stammspieler bei der SG Steinen-Höllstein kickt er vielmehr im Mittelfeld. Dass es auch für Fußballer mit Handicap eine Liga gibt, ahnten er und seine Eltern nicht – bis zu einem Besuch beim Opa in Wetzlar. Da übernachteten im gleichen Hotel nämlich Kicker, die mit Krücken unterwegs waren und für den Verein „Anpfiff Hoffenheim“ in der Amputierten-Bundesliga auf Torejagd gingen. Man kam miteinander ins Gespräch und irgendwann fiel der Satz: „Der kann bei uns doch im Tor spielen“.
Gesagt, getan. Seitdem fährt Marvin Harscher mit seiner Mutter mindestens einmal im Monat übers Wochenende zum Training in den Kraichgau. Seit 2024 kommt er für seinen Verein in der Bundesliga zum Einsatz. Diese besteht seit 2021 aus vier Vereinen – neben Hoffenheim sind dies der Hamburger SV, Fortuna Düsseldorf und Mainz 05. Die Saison besteht aus vier Spieltagen. Dabei kickt jeder gegen jeden. Die Turniere finden jeweils an einem Wochenende in einem der vier Spielorte statt – lange Anreise aus dem Wiesental inbegriffen - und locken zwischen 1000 und 5000 Zuschauer an.
Der junge Schopfheimer, der derzeit eine Ausbildung zum Erzieher absolviert, ist längst Stammspieler und trägt sogar die Kapitänsbinde. Er gilt als „souveräner Rückhalt“ seiner Mannschaft, der mit seinen Abwürfen immer wieder gefährliche Angriffe einleiten kann. Mittlerweile ist er sogar dem Bundestrainer aufgefallen, der ihn denn auch prompt in die Nationalmannschaft berufen hat.
Als Feldspieler kann Marvin Harscher nicht auflaufen, das darf nur, wer auf Krücken angewiesen ist. Das Torwartspiel ist nach seinen Worten zwar „ähnlich“ wie beim herkömmlichen Fußball. Allerdings muss der versehrte Arm unter dem Trikot fixiert werden, damit er nicht reflexartig zum Einsatz kommt. Der Torhüter muss deshalb öfters übergreifen – und vor allem auch gut mit den Füßen abwehren können.
Das Tempo auf dem engen Kleinfeld (60 mal 40 Meter) ist sehr hoch, die körperliche Belastung enorm, und die Zweikämpfe haben es in sich. „Da fliegen auch schon mal die Krücken“, berichtet Marvin Harscher. Ein Spiel dauert zwei mal 25 Minuten, und wer den Ball mit Krücke berührt, begeht ein Foul.
Der Sport ist das eine, aber mindestens ebenso wichtig für Marvin Harscher und seine Mitspieler ist das Gemeinschaftserlebnis und das Wissen, das sie als Menschen mit Behinderung außerhalb des Spielfelds oft die gleichen Alltagserfahrungen machen müssen - seien es mitleidige Blicke oder sogar abschätzige Bemerkungen.
Mit solchen hat Marvin Harscher zwar längst leben gelernt, doch es tut ihm immer wieder gut, beim Amputierten-Fußball unter Menschen zu sein, für die ihr Handicap nicht mehr der Rede wert ist. Dabei könnten die Schicksale seiner Mit- und Gegenspieler unterschiedlicher nicht sein. Viele der Spieler der vier Bundesligisten kommen aus Frankreich und aus Ghana, aus dem Kongo und aus Syrien, haben bei Unfällen ein Bein verloren oder sind auf eine Mine getreten.
Sie alle reisen zu den Spieltagen von weither an und genießen die Tage im Kreis der Gleichbetroffenen. Bei aller sportlichen Konkurrenz gilt denn auch: „Wir sind wie eine große Familie“, schwärmt der junge Schopfheimer. Das gebe ihm so viel Lebensqualität und so viel Selbstwertgefühl, sagt er und gesteht, für einen Spieltag würde er glatt auf Urlaub verzichten.
Derzeit bereitet sich Marvin Harscher mit seinem Verein, der 2021 übrigens die ersten deutsche Meisterschaft gewann, auf die neue Bundesligasaison vor – und hat dabei große Ziele im Visier. So möchte er mit Anpfiff Hoffenheim nicht nur den Einzug in die Champions League schaffen, sondern auch Stammtorwart in der Nationalmannschaft werden - und im Herbst an der Weltmeisterschaft in Costa Rica teilnehmen.
INFO: https://www.amputierten-fussball.de/
https://www.sport1.de/news/fussball/2025/05/funfte-bundesliga-saison-im-amputierten-fussball-startet