Auf ihrer ersten großen Tour 2024 radelten Alwin Plietzsch und Levin Berning an die spanische Küste und zurück – eine Erfahrung, die den beiden Lust auf mehr machte. Foto: privat

Das Nordkap als nördlichste Spitze Europas, Gibraltar ganz im Süden, dazwischen 16 000 Kilometer und 135 000 Höhenmeter: Zwei junge Schopfheimer planen eine Radtour der Superlative.

Lewin Berning und Alwin Plietzsch, 18 und 20 Jahre alt, vibrieren förmlich, wenn sie von ihren Reiseplänen erzählen, und sie fiebern ihrem Abitur wohl noch mehr entgegen als viele Altersgenossen: Als Finale der Schullaufbahn, vor allem aber als Startschuss für ein Projekt, das sie auf zwei Rädern und mit reiner Muskelkraft an die Grenzen Europas und ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit bringen wird, das Gefühl absoluter Freiheit im Gepäck und Erfahrungen von unschätzbarem Wert fürs Leben inklusive: Die beiden wollen den nördlichsten und den südlichsten Punkt Europas in einer Rad-Rund-Tour verbinden, dabei etwa 16 000 Kilometer unter die Räder nehmen und inklusive Alpen- und Pyrenäen-Pässen geschätzt 135 000 Höhenmeter überwinden.

 

Losgehen soll es von Schopfheim aus unmittelbar nach der letzten Abi-Prüfung im Mai. Für die Rückkehr gibt es nur ein ungefähres Zeitfenster: „Wir haben mal grob vier Monate eingeplant“, erzählen die beiden im Gespräch mit unserer Zeitung. „Wir wollen uns Zeit lassen und uns keinen Stress machen.“

Täglich 130 Kilometer

Etwa 16 000 Kilometer Wegstrecke, etwa 120 Tage Unterwegssein: Macht 130 Kilometer pro Tag als grobe Zielmarke. Kein Stress?! Aus dem Mund der beiden ist das tatsächlich eine Ansage ohne jede Koketterie, und eine realistische Rechnung: Im Rahmen ihrer Zwölfklassarbeit – an Waldorfschulen ein zentrales Projekt am Ende der Oberstufe – haben die beiden im Sommer 2024 schon einmal gemeinsam eine Mammut-Tour absolviert: Auf einer Rundtour über die Schweiz und Frankreich nach Alicante an der spanischen Mittelmeerküste und zurück nach Schopfheim legten die beiden in vier Wochen mit ihren Rädern etwa 4300 Kilometer zurück und überwanden dabei 30 000 Höhenmeter. Das Ganze mit einem Budget von 400 Euro für Essen und Unterkunft – zu zweit. Aus der damaligen Tour ist ein eindrücklicher Film entstanden, der die Zuschauer hautnah und ungefiltert teilhaben lässt an Erlebnissen und Erfahrungen der beiden Jugendlichen: Der Höhenrausch am Ende eines zehrenden Aufstiegs. Durchradelte und durchredete Nächte, weil es sich im strömenden Regen immer noch besser fährt als schläft, oder weil es im spanischen Sommer zu heiß ist fürs Tagsüber-fahren.

Immer weiter – tausende Kilometer lang. Foto: privat

Die stets präsente Frage nach der nächsten Wasserstelle und die täglich wiederkehrende: „Wo nachher schlafen?“ Grandiose Naturansichten und triste Vorstädte. Mentale Höhenflüge, tiefe Erschöpfung und ein unerschütterliches Immer-weiter, bis zum unerhörten Glücksgefühl beim Zieleinlauf zurück in Schopfheim.

Die Grenzen verschieben

Die damals gemeinsam ausgereizten Grenzen wollen Levin und Alwin in ihrer nächsten geplanten Tour nun nochmals verschieben. Am offenkundigsten in den quantifizierbaren Dimensionen: Nord-Süd-Ausdehnung der Rundtour, Strecke, Höhenmeter. Aber auch in einer noch größeren Offenheit bei der (Nicht-)Planung. „Einfach los“, ist die Devise: „Wir wissen, durch welche Länder und Regionen wir fahren wollen. Der Rest ergibt sich unterwegs“, sind die beiden sicher –in dieser Zuversicht natürlich gestärkt durch die Erfahrungen der letzten Tour.

Isomatte, Schlafsack, kein Zelt

Auch da war vieles ungeplant und offen – etwa die Frage der Übernachtung: Eine Isomatte, ein Schlafsack, ein Tarp (eine wasserdichte Plane als Zelt-Ersatz) für die höchste Regennot – damit ließ es sich sowohl auf einem Berggipfel mit atemberaubender Aussicht übernachten als auch am Straßenrand direkt hinter der Leitplanke oder am Rand eines Maisfelds.

Typischer Schlafplatz Foto: privat

Exakt geplant und auf dem Smartphone eingespeichert allerdings war damals die Route. Hauptorientierungsmarke: Wo gibt es Wasser? „Das ist das Allerwichtigste“, betont Levin.

Leichtes Gepäck

In Sachen Ausstattung bleibt die Devise wie gehabt: So wenig wie möglich. „Jedes Gramm zählt“, wissen die Jungs, und so muss die komplette Ausstattung für die vier Reisemonate in jeweils zwei Gepäcktaschen passen – von den Wechselklamotten für denkbar unterschiedliche Temperaturzonen bei etwa 5000 Kilometern Luftlinie zwischen nördlichstem und südlichstem Punkt über Isomatte und Flickzeug bis zum vergleichsweise üppigen Technik-Equipment für die erneut geplanten Film-Aufnahmen.

Die Reise als Serie

Während Levin und Alwin Freunde, Familie und ein größeres Publikum darüber hinaus beim letzten Mal mit dem Film nachträglich an ihren Erlebnissen teilhaben ließen, wollen sie Eindrücke ihrer Reise dieses Mal als Serie auf Youtube veröffentlichen. „Wir wollen die körperlichen Grenzen, die fremden Kulturen, die atemberaubenden Landschaften und die Momente absoluter Freiheit direkt zu euch nach Hause bringen.“ Das schreiben die beiden Schüler in einem Teaser zu ihrem Projekt, mit dem sie zugleich um finanzielle Unterstützung für ihren Traum werben. Wenngleich die beiden nämlich in Sachen Kost und Logis absolut bescheidenes Low-Budget fahren, braucht es eine ordentliche Ausrüstung – vor allem bei den Teilen, die neben Körper und Psyche die Hauptrolle spielen: die Räder. Im Visier haben die beiden Gravel-Bikes die ebenso leicht- wie geländegängig sind.

„Jeder Euro bringt weiter“

„Mit einer Spende unterstützt ihr nicht nur zwei Freunde auf Fahrrädern – ihr ermöglicht ein Filmprojekt über Freiheit, Durchhaltevermögen und die Schönheit Europas. Jeder Euro bringt uns mindestens 15 Kilometer weiter“, schreiben die beiden – und hoffen, dass sich bis zum Startschuss in etwa sechs Wochen möglichst viele Menschen ebenso für das Projekt begeistern wie sie selbst.

Link zum Spendenprojekt auf GoFundMe: https://www.gofundme.com/f/16000km-Freiheit-Unser-Bikepacking-Abenteuer

Youtube-Link zum Film über die große Tour 2024: https://www.youtube.com/watch?v=m8Z4hS12d8I