Wiederaufbau des Schonacher "Unterhauses" steht in den Sternen. Polizei schätzt Sachschaden auf bis zu 400.000 Euro.
Schonach - Die Atmosphäre vor Ort ist surreal, beinahe skurril. Ruhig und friedlich wirkt die Gegend, bis auf das leise Plätschern von kleinen Bächen und Rinnsalen ist nichts zu hören. Beinahe ein idyllischer Ort, wäre da nicht die Brandruine des "Unterhauses", die ein schreckliches Bild von der zerstörerischen Wucht des Feuers abgibt.
Am frühen Samstagabend wurde der im Jahr 1812 erbaute, also 203 Jahre und nicht wie ursprünglich vermutet etwa 300 Jahre alte, Bauernhof ein Raub der Flammen. Zwischenzeitlich hat es geregnet, dennoch qualmt es hier und da noch aus der Brandruine. Der Geruch von Ruß und Rauch ist beißend.
"Dort, wo es noch qualmt, war die Stube", sagt Eduard Späth ergriffen. Der 71-Jährige hat hier im "Unterhaus" am Rohrhardsberg in Schonach seine Kindheit und Jugend verbracht. Gemeinsam mit den Eltern und sechs Geschwistern lebte er auf dem damals landwirtschaftlichen Anwesen. Anfang der 60er-Jahre verließ die Familie den Rohrhardsberg. Der Anblick seiner zerstörten Heimat schockt Späth zutiefst. Obwohl die Familie von hier wegzog, und er nun im Raum Stuttgart zu Hause ist, war der Bezug zum "Unterhaus" immer vorhanden. "Jedes Mal wenn ich in der Gegend war, machte ich einen Abstecher hierher. Dass ich den Hof einmal so vorfinde, hätte ich nicht gedacht", sagt Späth bestürzt.
"Alle Wochenenden und auch die Ferien waren bereits belegt", sagt Riehle übers Freizeitheim
Das gilt auch für das Ehepaar Katja und Michael Riehle aus Ortenberg bei Offenburg. Michael Riehle ist der Vorsitzende der Fördergemeinschaft "Unterhaus". Sie mietete von der Staatsforstverwaltung das seit 1972 als Freizeitheim für Jugendliche, Familiengruppen und Seminare genutzte Gehöft beziehungsweise spätere Forsthaus und verpachtete es an Dritte weiter.
Zum Freizeitheim umgebaut wurde das große Forsthaus liebevoll von 1972 bis 1979 von Pfarrer Werner Heil aus dem Raum Offenburg und Mitgliedern seiner Kirchengemeinde, die die gemütliche Stube mit Kachelofen, die Küche und die 30 Betten in großen Schlafräumen im Obergeschoss gerne nutzten.
"Wir kommen selbst schon seit 40 Jahren auf den Rohrhardsberg ins Unterhaus", erzählt Katja Riehle. "Als unser Vorpächter aufhörte, übernahmen wir die Vermietung", sagt sie und betont: "Es tut jetzt noch weh, wenn ich daran denke, dass das Unterhaus bis auf die Grundmauern niederbrannte. Es hängen viele Erinnerungen, ja Herzblut daran."
Schweren Herzens informierten Katja Riehle und ihr Mann zwischenzeitlich alle Interessenten, die das Freizeitheim nächstes Jahr mieten wollten. "Alle Wochenenden und auch die Ferien waren bereits belegt", erklärt Riehle. Er schildert, wie betroffen die seit Jahren treuen Mieter der Familien, Vereine, Freundeskreise sowie Schulen aus der näheren Umgebung, Elzach, dem Kinzigtal und auch aus Heidelberg und Trier sind. "Für viele von ihnen war es die zweite Heimat. Sie trafen sich seit Jahren regelmäßig im Unterhaus", sagt Riehle: "Heute Vormittag meldete sich ein Nutzer per WatsApp sogar von der Insel Bali, wo er gerade Urlaub macht".
Wie Katja Riehle betont, ist es der Herzenswunsch vieler Mieter, dass das Freizeitheim wieder aufgebaut wird. "Wir haben jetzt schon Helfer, die sich anbieten und auch finanzielle Unterstützung in Aussicht stellen", verrät Riehle. Sie und ihr Mann sind letztendlich wie alle weiteren Beteiligten froh, "dass bei dem schrecklichen Vollbrand niemand ernsthaft verletzt wurde". Mit den jungen Leuten des Sportvereins in der Nähe von Gengenbach (Ortenaukreis), die am Wochenende das "Unterhaus" gemietet hatten, sprachen Riehles noch im Schein des Flammenmeers. "Sie standen alle unter Schock", schildert Riehle.
Die 17 Jugendlichen und Heranwachsenden, großteils im Alter zwischen 18 und 21 Jahren, die sich am Brandabend zum Glück selbst in Sicherheit bringen konnten, wurden wegen der starken Rauchentwicklung vorsorglich untersucht. Sie konnten laut Pressestelle des Polizeipräsidiums Tuttlingen zwischenzeitlich alle wieder das Krankenhaus verlassen.
Den beim Brand entstandenen Sachschaden schätzt die Polizei auf 300.000 bis 400.000 Euro. Aufgrund dieses relativ großen Schadensausmaßes und des Verdachts, dass das Feuer durch eine fahrlässig weggeworfene Zigarettenkippe verursacht wurde, wird ein Brandsachverständiger noch diese Woche im Auftrag der Staatsanwaltschaft die Ruine untersuchen.
Förster von Stemm: Erst muss die Schadensregulierung geklärt werden
Ob tatsächlich Hoffnung besteht, dass das "Unterhaus", welches 1992 in die Denkmalsliste aufgenommen wurde als "typisches Gutachtäler Haus", wieder aufgebaut wird, steht laut Johannes von Stemm noch in den Sternen. Der Förster aus Schonach ist vor Ort der Ansprechpartner vom Standort Triberg des Kreisforstamtes Villingen-Schwenningen. Wie er bemerkt, "muss erst einmal alles in Sachen Schadensregulierung geklärt werden". Er erwähnt auch, dass es noch weitere solcher Objekte im Kreisgebiet gibt, die zum Teil fremdvermietet werden und auch schon verkauft wurden, "wenn sie erschlossen sind".
Ungern erinnert sich von Stemm, wie viele Schonacher und Mieter, an den frühen Samstagmorgen des 23. Februar 2008, als das ebenfalls im Staatsbesitz befindende und als Ferienhaus genutzte rund 300 Jahre alte Kajetanshaus am Herrenwälder Berg 1 in Schonach lichterloh brannte und die im Schlaf vom Feuer überraschten zehn Feriengäste aus dem Heidelberger Raum sich in letzter Sekunde, teilweise durch einen Sprung aus dem Fenster des ersten Obergeschosses, retten konnten. Sie wurden dabei zwar verletzt, glücklicherweise aber nicht lebensgefährlich.