Reduzierte Farbauswahl, grüne Wand auf der gegenüberliegenden Anhöhe: Blick aus dem neuen, alten Wohn- und Essbereich der Doppelhaushälfte in Stuttgart-Heslach. Foto: Oliver Rieger Photography/Rieger

Von wegen Nachkriegstristesse: So hell und großzügig kann eine Doppelhaushälfte aus den 50er Jahren nach dem geglückten Umbau sein. Zu Besuch bei einer stilsicheren Familie auf der Halbhöhe in Stuttgart-Heslach.

Die Sanierung eines Hauses aus den 50ern kann eine echte Herausforderung sein. Kleine Räume, niedrige Decken und mitunter ein Baurecht, das Veränderungen am Haus an sich verhindert, manchmal auch dann, wenn der Bau kein geschütztes Denkmal ist – damit sehen sich einige Bauherren konfrontiert.

 

Wie aus einem solchen Objekt nach einem sensiblen Umbau dennoch ein Haus werden kann, das mit einem zeitgenössischen Design überrascht, ist beispielhaft an einem Projekt im Stuttgarter Süden zu bestaunen, im Stadtteil Heslach. In den dicht bebauten, oft steil abfallenden Halbhöhenzügen der Heslacher Wand steht ein bunter Mix von Villen, Einfamilien- und Mehrfamilienhäusern aus allen Jahrzehnten.

Viele Bauten unter dem üppigen Grüngürtel der Landeshauptstadt sind schon saniert, manche warten noch darauf, dass sich jemand ihrer annimmt. Architektonisch interessierte Stadtwanderer und die lokalen Immobilienmakler wissen meist, welche der wenigen vernachlässigten Häuser aus den 50er, 60er oder 70er Jahren in den repräsentativen Halbhöhenlagen rein äußerlich Potenzial besitzen und gerettet werden wollen. Meist fehlt es aber am nötigen Kapital, auch am Mut – und einem erfahrenen Architekturbüro, welches sich beim Bauen im Bestand auskennt.

Architekturbüro mit Expertise

Ein Doppelhaus in der Baumreute war genau so ein Rettungsfall, ein Haus aus den 50ern, in das sich eine junge vierköpfige Familie verliebt hatte. Sie wohnte zu diesem Zeitpunkt in einer Neubauwohnung, suchte aber bewusst wieder das Wohngefühl eines Altbaus, das sie von früheren Adressen kannte. Und so war auch schnell klar, dass es für die diffizile Sanierung der Doppelhaushälfte ein erfahrenes Architekturbüro brauchte, schließlich wollte man ja den Charakter des Hauses erhalten.

Jan Endemann plant und realisiert seit 2006 mit seinem Team von Endemann Architekten hauptsächlich Wohnbauten in allen Dimensionen. In letzter Zeit nimmt der 56-jährige gebürtige Stuttgarter ein verstärktes Interesse an Umbauten wahr, etwa bei Einfamilienhäusern.

Abriss und Neubau sind nicht mehr der Weisheit letzter Schluss, der Klimawandel führt zum Umdenken. „Abreißen und neu bauen ist glücklicherweise nicht mehr selbstverständlich. Sanierungen im Bestand sind eine immens wichtige und spannende Aufgabe für alle Architekturbüros“, erklärt Jan Endemann beim gemeinsamen Rundgang durchs Haus, das Vorbildcharakter hat.

Alles ist stimmig gelöst, alles fügt sich. Ganz allmählich werden angesichts solcher gelungenen Realisierungen auch die lange Zeit als bieder empfundenen Häusertypen aus der Nachkriegszeit attraktiv, von denen in ganz Westdeutschland noch Hunderttausende stehen und auf eine zweite Chance warten.

Zur ökologischen Bauwende gehört nun unbedingt die Vermeidung von unnötigem Ressourcenverbrauch, die energetische Sanierung, der Einsatz rezyklierfähiger Baumaterialien sowie die Bewahrung grauer Energie. Der Bauherrschaft in Heslach waren diese Aspekte ebenfalls wichtig. Gleichzeitig ging es aber nicht nur um eine energetische Sanierung und eine möglichst günstige Aufhübschung im Inneren.

Das Ganze sollte auch architektonisch und formal überzeugen. Projektleiterin vor Ort war die Architektin Stefanie Vogel, die mit Jan Endemann für die Doppelhaushälfte die komplette Grundsanierung plante. Dabei wurde äußerlich wenig verändert, neue bodentiefe Fenster und ein Stellplatz für das Elektroauto waren die größten sichtbaren baulichen Eingriffe.

Allein diese Maßnahmen wirken schon immens: Die Räume sind hell, die großdimensionierten Fenster zum Tal hin lassen weit blicken, auf den Wald auf der gegenüberliegenden Anhöhe, auf das urbane Gewusel im Stuttgarter Talkessel, ja sogar das Wahrzeichen der Landeshauptstadt, den Fernsehturm sieht man in der Mittagssonne funkeln.

Anders schaut es im Inneren aus, hier wurde alles angefasst: weil die Raumaufteilung nicht zu den heutigen Bedürfnissen einer Familie mit zwei Kindern passt, musste das ganze Haus modernisiert, kernsaniert und alle Technikleitungen neu installiert werden.

Aber nicht nur technisch, sondern auch räumlich gab es grundlegende Verbesserungen. Im Erdgeschoss entstand durch den Rückbau von Wänden aus den typischen kleinteiligen, separaten Räumen ein weitläufiger offener Wohn-, Ess- und Kochbereich.

Die Küche im Obergeschoss wiederum wurde zu einem luftigen Elternbad umgestaltet, im Dachgeschoss bekamen die beiden Jungs einen tollen Spielbereich mit einer Empore. Die Verwandlung wirkt wie aus einem Guss, geradezu einfach, war in Wahrheit aber eine ziemlich verzwickte Bauaufgabe. „Überraschungen sind bei solchen Projekten völlig normal. In diesem Fall war die Badsituation kompliziert, dasselbe galt für den Kamin. Aber wir fanden in konstruktiven Gesprächen mit den Eigentümern stets praktikable und ästhetisch ansprechende Lösungen“, sagt die Architektin Stefanie Vogel.

Der Bauherr erinnert sich noch mit einem leichten Gruseln an die Phase, als Haus komplett ausgehöhlt dastand. „Da hatte man schon diese Momente . . . da fragten wir uns, ob das nicht alles ein Riesenfehler war.“ Doch diese Panikgefühle gibt es bei jeder Altbausanierung. Da muss man mit Hilfe der Bauleitung durch. Am Ende wird alles gut – meistens jedenfalls, falls man ein gutes Architekturbüro und fähige Handwerker hat. Sowie „Fantasie und Spielgeld“, wie der Bauherr noch lächelnd ergänzt.

Von Bäuchen und rechten Winkeln

Wenn all das zusammenkommt, geht übrigens auch das begehrte Altbaufeeling nicht verloren. Das liegt zum einen an der liebevollen Aufbereitung des ursprünglichen Holzgeländers der Treppe. Zum anderen ist ein solcher Umbau nichts für Wasserwaagenfetischisten. „Man schafft nicht das Niveau eines Neubaus“, erklärt Jan Endemann selbstkritisch. „Eine Wand hat schon mal einen Bauch. Doch genau das macht den Charme eines älteren Gebäudes aus.“

Man darf dem erfahrenen Umbau-Spezialisten aber nicht alles glauben: Der Mann ist ein sympathischer Tiefstapler. Das Projekt ist bei allen Minibäuchen und zärtlichen Abweichungen vom rechten Winkel eine echte Blaupause für ähnliche epochensensible Haussanierungen ohne Denkmalschutzvorgaben.

Reduzierte Farbwahl

Dass die Bauherrin auch noch berufsmäßig viel mit dem Design von Inneneinrichtungen zu tun hat, kommt der großartigen Wohnatmosphäre zugute. „Man merkt sofort: Die Bauherrschaft hat einen hohen Gestaltungsanspruch“, fügt auch Jan Endemann an, was natürlich ein Glücksfall ist.

Was hilft eine zeitgemäße Sanierung, wenn nach dem Einzug der Kitsch die Architektenaugen tränen lässt? In Heslach aber ist alles stilsicher gewählt und aufeinander abgestimmt. Reduzierte Farbwahl, einige Designerstücke, ein guter Materialmix in allen Räumen, weniger ist mehr.

Dass das Haus auch energetisch auf dem technischen Stand der Zeit ist, merkt man gar nicht auf den ersten Blick. Gut so, denn so eine Luft-Wärmepumpe für Heizung und Warmwasser kann schon mal ein ästhetisches Ärgernis sein, zumal in eng bebauten Wohngegenden. Doch Endemann und Vogel fanden eine kaum einsehbare Ecke unterhalb des PKW-Stellplatzes für die Wärmepumpe. Und eine PV-Anlage versorgt die Anlage mit Strom.

Nach dem Besuch steht man nochmals auf der Straße, blickt zurück und sieht die eigentlich verpönte Baukultur der 50er Jahre mit völlig anderen Augen. Wie schön es wäre, wenn noch viel mehr Häuser aus dieser Zeit auf diese respektvolle Art und Weise für die Zukunft gerettet werden könnten.