Jörg Trippe, Vorsitzender des Fördervereins Kurtheater, zeigte sich beeindruckt von den Besuchermassen. Fotos: Kunert Foto: Schwarzwälder Bote

Kultur: Junge Pforzheimerin präsentiert ersten abendfüllenden Streifen / Gefühlskino mit 3500 Euro Budget

Fast 65 Jahre alt ist das Kino Kurtheater in Schömberg. Mehr als 10 000 Filme wurden hier gezeigt. Rund 1,3 Millionen Besucher haben sich diese Filme in all den Jahren angesehen. Aber eine waschechte Regisseurin einer dieser Filme war noch nie zu Gast. Bis vergangenen Montag.

Schömberg. Britt Abrecht heißt die junge Filmemacherin, die ihr abendfüllendes Drama "Im Schatten der Sonne" vorstellte – vor absoluter Rekord-Kulisse: 153 Plätze hat das Schömberger Lichtspielhaus; doch an diesem Abend fasste der historische Saal 170 zahlende Besucher. Und, wo die Regisseurin schon mal da war, übernahm Abrecht auch gleich den Job als Kartenabreißerin. Was eine schon fast familiäre Atmosphäre für die eigentliche Filmvorführung schuf.

Wobei das auch mit Ingrid Ostertag zusammenhängen könnte. Als rühriges Mitglied des "Fördervereins Kurtheater" und selbst begeisterte Cineastin hatte sie diesen Abend mit dem Spielfilm von Britt Abrecht organisiert. Auf einer Busreise nach Templin in den neuen Bundesländern hatte sie die Großeltern der Hauptdarstellerin kennengelernt, die von dem Film-Projekt der Enkelin stolz berichteten. "Da war mir sofort klar, dass ich den Film auch zu uns nach Schömberg holen musste." Und da Ostertag jahrzehntelang "die Kindergärtnerin von Schömberg" war, habe sie "auch noch eine gewisse Autorität", ihre längst erwachsenen Schützlinge von einst für ein solches "Ereignis" zu mobilisieren. "Ja, es sind schon viele meiner ›Kleinen‹ hier im Saal", lacht Ostertag – mit der Bekannte vorher wetten wollten, dass sie "nie mehr als 60 Zuschauer" zu dieser Vorführung zusammenbekäme. Was für ein Irrtum.

Förderverein für Erhaltung des Kleinods notwendig

Auch Jörg Trippe, Vorsitzender des Fördervereins Kurtheater, dessen Vater einst dieses Kino betrieb, zeigte sich tief beeindruckt von den Publikumsmassen. Und übernahm wohl auch deshalb gleich mal leibhaftig den "Werbeblock" vor dem eigentlichen Hauptfilm. Denn wer gerne zu so einem Anlass ins Kino kommt, den kann man ja sicher auch motivieren, ab jetzt öfter mal wieder einen tollen und unterhaltsamen Abend im Kurtheater zu verleben. Oder gleich als neues Mitglied auch noch den Förderverein des Kinos aktiv unterstützen. Um dieses Kleinod als Freizeitangebot in der Glücksgemeinde unbedingt auch für die Zukunft zu erhalten. Denn sich von selbst tragen – da müsste das Kurtheater häufiger so voll werden wie an diesem Abend.

Wobei der Film von Britt Abrecht und ihrer Mitstreiterin Hannah Jasna Hess (Hauptrolle "Sophie") tatsächlich auch etwas ganz besonderes ist. In mehrfacher Hinsicht: Zum einen bietet er sehr viel Lokalkolorit, spielt er doch in Pforzheim und Umgebung; unter anderem auch im Kreis Calw, wo für eine Schlüsselszene das Kloster Hirsau als Kulisse diente. Zum anderen präsentiert er als "No-Budget-Film" mit gerade einmal 3500 Euro aufgewendeter finanzieller Mittel (zum Vergleich: ein gleichlanger "Tatort" verschlingt 1,5 Millionen Euro) feine Filmkunst auf wirklich erstaunlich hohem professionellem Niveau. Und schließlich ist die erzählte Geschichte, beziehungsweise sind die eigentlich vier ineinander verwobenen Erzählstränge, mitreißendes und bewegendes Emotions-Kino, das auch in Schömberg niemand wirklich kalt ließ. Ohne die Handlung zu verraten (selber schauen; zum Beispiel am 13. Oktober im Kiwi Bad Wildbad): "Im Schatten der Sonne" ist ein bisschen "Ziemlich beste Freunde", ein bisschen "Coming of Age" (Geschichte vom Erwachsenwerden), ein bisschen "Rosamunde Pilcher" – immer wieder auch mal knapp oberhalb der Schmerzgrenze auch fürs Publikum, bei dem man dann die ein oder andere Träne des Mitgefühls oder der Rührung im Flackerlicht des Projektors im Augenwinkel glitzern sehen konnte. Aber immer unterhalb der Kitschgrenze, wo solches Emotionskino auch ganz schnell ziemlich peinlich und ein Ort zum Fremdschämen werden könnte. Handwerklich – und gerade das ist mit Blick auf das eigentlich nicht vorhandene Filmbudget das wirklich erstaunliche – ist dieser Film tatsächlich ganz großes Kino. Schnitt, Musik, Bildführung, Ton, auch Dramaturgie, Dialoge – alles absolut großartig. Manches ist vielleicht überspielt, aber das dürfte dem wahnsinnigen Drehplan mit nur zwölf "extrem dicht gepackten" Drehtagen, wie Filmemacherin Abrecht im Anschluss an die Vorführung in einer Fragerunde ihrem Schömberger Publikum von der Arbeit an ihrem Film berichtete, geschuldet sein. Auch das Duo Abrecht und Hess war mit großer Skepsis konfrontiert, als sie im vergangenem Jahr ihr Filmprojekt starteten. Am Ende zeigten sie der Fachwelt "was möglich ist" auch ohne große Filmförderung oder Gebühren-Millionen. Zur Premiere von "Im Schatten der Sonne" im vergangenen Juni im Kommunalen Kino Pforzheim (wo Filmemacherin Abrecht einst ihre Karriere eben als Kartenabreißerin begann) gab es dafür gar eine Video-Grußbotschaft von Berlinale-Direktor Dieter Kosslick – quasi als Ritterschlag für die herausragende Leistung ihres abendfüllenden Film-Erstlings.

Der aktuell auf seiner Website (www.isds-derfilm.de) durch eine Vielzahl von Dokumentationen rund um Film-Crew und der Geschichte des Films ergänzt wird. So wird hier der im Rollstuhl sitzende Schauspieler Joschka Kientsch ("Tom") vorgestellt, der in "Im Schatten der Sonne" ein Stück von seiner wahren Geschichte erzählt – wie er trotz Behinderung es an eine der renommiertesten deutschen Schauspielschulen geschafft hat.

Denn genau das sei die Botschaft ihres Films, so Britt Abrecht: "Man kann alle seine Träume realisieren, egal von welcher Situation aus man dazu startet." Abrecht selbst und ihr Film sind da allerdings ja letztlich das allergrößte Beispiel dafür.