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Schömberg "Ich, Mann, hab’ Essen besorgt"

Von
Fotos: Stiegler Foto: Schwarzwälder Bote

Ein prägendes Vater-Sohn-Erlebnis, die Schönheit von Eisvögeln auf Angelspitzen und der Traum vom riesigen Wels: Der Fischereiverein Schömberg-Balingen hat sein traditionelles Anfischen am Vorsee begangen.

Schömberg. Eine Regenbogenforelle hat angebissen. Die Angelrute beginnt zu zucken, und Michele De Luca holt die Leine ein. Der kleine Francesco steht aufgeregt am Ufer des Schömberger Vorsees. Der Achtjährige begleitet seinen Vater an diesem Sonntag zum traditionellen Anfischen des Fischereivereins Schömberg-Balingen. Schwungvoll befördert De Luca die Forelle ins Netz des Keschers und bringt das zappelnde Tier an Land.

Dann ein gezielter Schlag auf den hinteren Augenrand. Dort befindet sich das Gehirn. Das Tier verliert augenblicklich das Bewusstsein. Francesco bringt seinem Vater das Messer. Aufmerksam lässt er sich zeigen, was als Nächstes zu tun ist. Ein schneller Schnitt, das Messer dringt zwischen den Kiemen ein und durchtrennt die Schlagader. Hellrotes Blut rinnt ins feuchte Gras. Heute Abend gibt‘s fangfrische Forelle. "Oder heute Mittag", freut sich der kleine Francesco.

Michele De Luca und sein Sohn werfen die Angel erneut aus und setzen sich auf ihre moosgrünen Klappstühle. Jetzt heißt es wieder warten. Francesco ist warm eingepackt in seiner kleinen Daunenjacke. Die Mütze hat er über den Kopf gezogen und die Füße stecken in bunten Gummistiefeln. Es ist noch frisch, an diesem Vormittag im April.

De Luca ist seit vier Jahren Mitglied im Fischereiverein. Kindern ist das Fischen gesetzlich erst ab dem zehnten Lebensjahr erlaubt. Ihm ist es wichtig, dass sein Sohn ihn begleitet. Es gehe nicht darum, den Fang seines Lebens zu machen, sagt er, sondern um die Ruhe und die Natur: "Wir haben jetzt eine kleine Forelle gefangen und gut ist‘s." Er möchte, dass sein Junge lernt, respektvoll mit den Tieren umzugehen. "Früher auf dem Bauernhof hat man die Hühner geschlachtet, aber jetzt soll es schlimm sein, wenn ein Kind sieht, wie eine Forelle betäubt wird?", hinterfragt De Luca die gesetzliche Altersgrenze. "Wenn man die Kinder nicht frühzeitig an die Natur gewöhnt, dann haben sie mit 14 oder 15 auch keine Lust mehr und hocken nur vor der Playstation."

"Die Jugend ist die Zukunft unseres Vereins", freut sich der Vorsitzende Karl-Heinz Seybold über das Interesse des kleinen Jungen. Sein eigener Vater habe ihn schon zum Angeln mitgenommen, als er erst fünf Jahre alt war. Seybold ist fertig für heute – er hat am Morgen bereits fünf Forellen gefangen. Das Anfischen hat um 8 Uhr begonnen.

Dutzende Vereinsmitglieder haben sich um den gesamten Vorsee verteilt. In dem geschlossenen Gewässer tummeln sich Forellen, Karpfen, aber auch Rotaugen, Rotfedern, Döbel, Schleien und ein Restbestand an Aalen. Im Stausee gibt es auch noch Welse. Einer, so munkelt man, soll zwei Meter lang und 70 Kilo schwer sein. Den zu fangen ist Seybold Traums. Den Kopf würde er präparieren und an die Wand vdes Vereinsheims hängen.

Normalerweise dürfe man am Tag nur drei Fische fangen, aber beim Anfischen gilt eine Ausnahme. Ansonsten sind die Regeln, die vor Überfischung schützen sollen, streng: Pro Woche sind maximal drei Forellen erlaubt. Im gesamten Monat nicht mehr als zwölf Fische. Fischen darf nur, wer den Lehrgang und die Prüfung absolviert hat und den Angelschein besitzt. Der Fang darf nicht verkauft werden und ist allein für den Eigenbedarf bestimmt. Geködert wird mit Maden, Mais, gekochten Kartoffeln oder neongrellem Angelteig aus kleinen Döschen. Der Austausch mit anderen Anglern, das Gemeinschaftsgefühl sei wichtig, so Seybold. "Aber nichts ist schöner, als ganz allein in der Natur zu sein, wenn sich ein Eisvogel auf die Spitze deiner Angel setzt. Das ist affengeil." Er vergleicht das Angeln mit der Nahrungsbeschaffung der Vorfahren, der Jäger und Sammler. Die Leute würden immer von "Sportanglern" sprechen, doch Seybold sieht das Angeln nicht als Sport: "Es geht um das Nahrungsmittel und um den Naturschutz."

Klaus Schlaich ist der Naturschutzbeauftragte des Vereins. Dieser sei nicht vorgeschrieben. Jeder Verein müsse selbst wissen, wie er sich ausrichte. "Man muss mit der Natur leben", so sieht es Schlaich: "Das Angeln ist die Ernte." Und wie ein Bauer, der sät und hegt und pflegt, so kümmere sich auch der Verein um die Natur. Die Mitglieder sammeln den Müll an den Gewässern ein – darunter Einkaufswagen, Mopeds oder Fernseher, hängen Nistkästen für Eisvögel, Stare, Wasseramseln, Meisen oder Bachstelzen auf, helfen beim Umsetzen der Fische und Ausbaggern der Seen und entfernen illegal ausgelegte Angelschnüre der Schwarzfischer, in die sich auch schon mal ein Fischreiher gefährlich verwickeln kann. Hinzu kommen die Sichtprüfung am Gewässer und das Messen des pH-Werts oder auch das Aufstellen eines Krötenzauns. "Wir machen mehr Naturschutz als mancher Naturschutzverband", findet Seybold.

Vater und Sohn De Luca ziehen die leere Angel aus dem Wasser. "Ich hoffe, dass es heute doch noch zwei oder drei Fische werden", gibt sich der Familienvater optimistisch. "Angeln ist ein Lotteriespiel." Im Sommer nimmt er die Familie für einige Tage zum Zelten nach Bayern mit. "Nicht mal eine Toilette gibt es da." Mitten in der Natur, ohne Handy, Whatsapp, Facebook. "Heute ist immer doch alles stressig, stressig, stressig", gibt Michele De Luca zu bedenken, der in seinem Berufsalltag als Service-Manager 30 Angestellten vorsteht. Aber in der Natur, beim Angeln, "da kann man das alles hinter sich lassen."

Was ist das für ein Gefühl, wenn man dann tatsächlich einen Fang nach Hause bringt? "Ich, Mann, hab’ Essen besorgt", ruft De Luca lachend aus und trommelt sich dabei scherzhaft mit den Fäusten auf die Brust.

Ihre Redaktion vor Ort Balingen

Steffen Maier

Fax: 07433 901829

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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