Berthold Schuß zeigt an seinem Wohnhaus das Straßenschild "Alte Hauptstraße". Hier verlief die ehemalige Handelsstraße bergab in Richtung Palmbühl. Fotos: Visel Foto: Schwarzwälder Bote

Heimatgeschichte: Berthold Schuß beschreibt die "Schweizerstraße" im Wandel der Jahrhunderte / Ortsplan weckt Interesse

Aufschlussreiches über die Schweizerstraße in Schömberg hat Heimatforscher Berthold Schuß herausgefunden. Er hat sich intensiv mit der Geschichte dieser alten Handelsroute beschäftigt.

Schömberg. Schuß, der von 1982 bis 2002 Vorsitzender des Albvereins gewesen war, hatte 2005 im Schömberger Heimatbuch über die örtliche Kirchengeschichte berichtet. Im Rahmen dieser Recherchen war er im Pfarrarchiv auf einen Stadtplan aus dem Jahr 1790 gestoßen. In der Legende ist von einer "alten Fahrstraße" und von einer "neuen Straße" die Rede. "Das hat mich stutzig gemacht", sagt der 81-Jährige. So befasst er sich seit etwa zehn Jahren mit der Geschichte dieses Handelswegs im Wandel der Jahrhunderte: "Da tauchen immer wieder neue und interessante Fakten auf."

Schon im Mittelalter, so Schuß, führte ein Handelsweg von Cannstatt nach Schaffhausen. Er war jahrhundertelang die wichtigste Fernverbindung von Württemberg nach Süden, der zunächst wohl unbefestigt gewesen war. Um 1490 fuhr eine Landkutsche von Cannstatt nach Schaffhausen. Vorher waren solche schon von Cannstatt zu den Knotenpunkten nach Frankfurt und Augsburg unterwegs. Jetzt waren befestigte Straßen gefragt. Deren Bau war Aufgabe der Kleinstaaten. Der Markgraf von Baden war laut Schuß einer der Ersten, die diese Idee aufgriffen, auch um sich die Zölle nicht entgehen zu lassen.

Um 1750 wurde der Bau einer Straße in Richtung Schaffhausen beschlossen. Ihr Name war: "Schweizer Straße". Ab Cannstatt führte sie über Waldenbuch und Tübingen und ums Jahr 1770 auch nach Balingen. Bis Schömberg erreicht wurde, dauerte es bis 1784. Kurz vor Schömberg begannen die Vorderösterreichischen Lande, also Habsburger Gebiet. Schuß: "Um die Streckenführung der Straße wurde oft gerungen. Anstelle der Trasse der heutigen B 27 über Rottweil nach Schaffhausen wurde die Strecke über Wellendingen und Spaichingen nach Tuttlingen geführt." An eine der Stellen, an denen für den Warentransport bezahlt werden musste, erinnere in Schömberg das "Zollhaus".

Wie war nun der Verlauf der Straße in Schömberg vor 1784? Schuß zitiert die Chronik von Ignaz Eha (1864): "Die ›Alte‹ Schweizerstraße führte vor der Palmbühlkirche vorbei und steil hinab zur Unteren Mühle und im Tal hinter der Mauer, unterhalb der Kirche und außerhalb der Friedhofsmauer vorbei. Nach der Friedhofsmauer führte sie Richtung Neuhaus und Wellendingen. Durchs Dorf ging eine Abzweigung (Weg) nach Rottweil."

Über die Brücke bei der "Unteren Mühle" führte der einzige Weg, bevor die Schweizerstraße 1784 in Betrieb ging. Schuß erinnert auch daran, dass 1980 die Schlichem aus Hochwasserschutzgründen verlegt wurde. Die Gebäude und die alte Brücke wurden abgerissen.

Der Weg zwischen der Palmbühl- und der Stadtkirche sei für die Fuhrleute schwierig gewesen. Er war steil, und oft gab es Hochwasser. Ein zuverlässiger Transport von Waren war nicht möglich. "Spätestens um 1750, als Postkutschen nach einem bestimmten Fahrplan unterwegs waren, musste gehandelt werden", sagt Schuß und verweist auf die Chronik von Eha: "1780 bis 1784 wurde die Schweizerstraße von Dotternhausen gegen Wellendingen vom Staate erbaut. Die Gemeinde gab nicht bloß die Allmand unentgeltlich dazu her, sondern entschädigte auch diejenigen Eigenthümer, welche Theile ihres Feldes zur Straße abgaben, mit Allmandplätzen."

"Der Ort ist voller Mist"

Zwischen der Ebene beim Palmbühl und dem Schlichemtal wurde eine neue Trasse angelegt. Unten im Tal wurde vor der Unteren Mühle ein Damm aufgeschüttet und über die Schlichem eine Bogenbrücke gebaut. Ab 1784 führte die Schweizerstraße über diese hinauf nach Schömberg und mitten durch die Stadt. Schuß: "Die Brücke erfüllt bis heute ihre Funktion." Die Strecke sei aber genau so steil gewesen wie die hinter der Kirche, Hochwassergefahr habe aber nicht mehr bestanden: "Die Straße führt bis heute von der Altstadt zum Palmbühl", betont der Heimatforscher.

Wie beschwerlich das Reisen gewesen sei, habe Johann Wolfgang von Goethe in seinem Tagebuch beschrieben. Am 16. September 1797 berichtete er über seine dritte Reise in die Schweiz: "Schömberg, starker Stieg, den vor einigen Jahren ein Postwagen hinunterrutschte. Der Ort ist schmutzig und voller Mist, er ist wie Balingen enge gebaut und in Mauern eingezwengt und wird von Güterbesitzern bewohnt, die nun keine Höfe haben." Und weiter: "Abfahrt früh 4 Uhr aus Tübingen. Es ward Nacht, 8 ½ in Tuttlingen." Die Fahrt hat also mehr als 16 Stunden gedauert.

Ab 1784, so fand Schuß heraus, hatte Schömberg durch die neue Strecke der Schweizerstraße eine Hauptstraße durch die Stadt. Das steile Stück hinauf nach Schömberg sei aber irgendwann umgangen worden und ein Weg im Grünbühl angelegt und in etwa so wie die heutige B 27 weitergeführt worden: an der Alten Schule vorbei zum Zollhaus. Ab 1844 ist die Straße laut Schuß grundlegend geändert worden. Um die Strecke über den Palmbühl zu umgehen, wurde kurz nach Dotternhausen eine neue Straße nach rechts Richtung Fuchsloch gebaut: "Die Überquerung der Schlichem war jetzt einfacher." Der Trasse durch das Fuchsloch und hinauf nach Schömberg folgt bis heute die B 27. Diese Straße sei nach ihrer Fertigstellung 1844 "Neue Straße" genannt worden. Seither, so Schuß, gebe es in Schömberg die "Alte Hauptstraße".

An den ehemaligen Handelsweg in die Schweiz erinnern heute in Schömberg noch der Straßenname "Schweizerstraße" und ein Stein vor dem neu erbauten Zollhaus mit eingemeißelten Orts- und Kilometerangaben aus der damaligen Zeit. Auf einer Stirnseite ist die Straßennummer 83 angegeben und dazu die Kilometerzahl "70 ½". Das dürfte die Entfernung bis zur Schweizer Grenze bei Schaffhausen gewesen sein, mutmaßt der Heimatforscher.

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