Eine besonders perfide Variante des Schockanrufs musste eine Witwe aus Oberreichenbach erleben. (Symbolfoto) Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Nur einen Tag nach Erscheinen der Traueranzeige für ihren verstorbenen Mann versuchen Betrüger, eine Witwe aus Oberreichenbach auszunehmen. Die Täter sind bestens über die familiären Verhältnisse informiert. Die Geschichte eines besonders perfiden Schockanrufs.

Das Telefon klingelt. Die Ende 80-Jährige nimmt ab. Am anderen Ende der Leitung weint ein Mann. Anscheinend der verzweifelte Schwiegersohn. Seine Frau habe einen Unfall verschuldet, bei dem jemand gestorben sei, schluchzt er ins Telefon. Es müsse sofort eine Kaution gestellt werden, andernfalls drohe seiner Frau eine mehrjährige Haftstrafe.

 

Näher ausführen kann der vermeintliche Schwiegersohn die Geschehnisse nicht mehr. Denn nun übernimmt ein angeblicher Behördenvertreter das Telefonat, fordert einen hohen fünfstelligen Betrag als Kaution und fragt auch direkt nach eventuell vorhandenen Goldbarren.

Soweit, so bekannt - könnte man meinen. Was diesen Schockanruf jedoch von anderen unterscheidet, ist das Wissen der Betrüger um die familiären Verhältnisse ihres Opfers. Denn der falsche Schwiegersohn meldet sich mit dem Vornamen des echten. Den Namen der Tochter hat er ebenfalls parat und auch den Namen ihrer Schwester lässt er noch in das Gespräch einfließen.

Betrüger haben Namen aus Traueranzeige

Wie die Betrüger an diese Informationen gekommen sind? Aus der Todesanzeige für ihren Vater, vermutet die Tochter der Oberreichenbacherin. Sie ist die angebliche Unfallfahrerin und wendet sich an die Öffentlichkeit, um vor der besonders perfiden Variante der Betrugsmasche zu warnen. Die Todesanzeige sei am Montag, 4. November, in der Zeitung erschienen, erzählt sie. Nur einen Tag später hätten die Betrüger ihre Mutter angerufen.

Nur so lasse sich erklären, wie die Betrüger an die Namen der Familienmitglieder gekommen seien, sagt die Tochter. In der Traueranzeige seien, wie üblich, der Name der Witwe und die Vornamen der Töchter, Schwiegersöhne und Enkelinnen genannt worden.

Anruf verunsichert Witwe zutiefst

Zwar stünden die Eltern seit Jahren nicht mehr im Telefonbuch, in älteren Ausgaben oder digitalen Verzeichnissen könne man Adresse und Telefonnummer aber vermutlich noch finden.

Ihre Mutter sei rechtzeitig misstrauisch geworden, die Nennung der Namen ihrer Familienmitglieder habe sie jedoch zutiefst verunsichert. „Man kann sagen, sie fühlt sich traumatisiert“, erzählt die Tochter. Nicht so sehr wegen des versuchten Betrugs, sondern wegen der vermeintlichen familiären Tragödie, die durch den Anruf so kurz nach dem Tod des Ehemannes auf sie einstürzte. „Der Schreck sitzt tief.“

Dass die Betrüger offenbar gar keine Grenzen mehr kennen und sogar Traueranzeigen durchforsten, um Opfer in besonders vulnerablen Lebenssituationen zu finden, entsetzt sie. „Das ist das Schlimme.“ Sie habe den Vorfall der Polizei gemeldet, der Verbraucherzentrale und auch dem örtlichen Bestattungsinstitut, um möglichst viele Trauernde vor der neuen Betrugs-Variante zu warnen.

Die Pressestelle des Polizeipräsidiums Pforzheim bestätigt den Schockanruf. Die Kriminalbeamten hielten auch den Zusammenhang mit der Todesanzeige für wahrscheinlich, bestätigt die Behörde. Es sei bekannt, dass Betrüger immer wieder auch Todesanzeigen oder Soziale Medien studierten, um an Informationen über mögliche Opfer zu kommen. Deswegen solle man sich besser zweimal überlegen, welche privaten Informationen man auf Sozialen Netzwerken teile.

Generell ist im Kreis Calw aktuell besondere Vorsicht geboten, wenn das Telefon klingelt. Betrügerische Anrufe haben derzeit wieder Hochkonjunktur. Glücklicherweise, so der Sprecher des Polizeipräsidiums, seien alle Angerufenen rechtzeitig misstrauisch geworden, sodass die Betrüger keine Beute gemacht hätten.