Der Gedenkstein am Friedrich-Ebert-Platz wurde 2015 eingeweiht. Foto: Lienhard

Eine Rednerin berichtet vom Vorfall bei einer Gedächtnisveranstaltung zur Reichspogromnacht am Lahrer Friedrich-Ebert-Platz.

„Der Schock steckt mir noch in den Knochen“, sagt Doris Gerteis am Montagmorgen. Die Lahrerin war am Sonntag Teil der Gedenkveranstaltung, die in einen Polizeieinsatz mündete. Der Fall hat überregional für Aufsehen gesorgt, Medien wie „Spiegel“ und „Welt“ berichteten.

 

Eine Gruppe aus 15 Menschen hatte sich anlässlich der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 an einem Gedenkstein am Friedrich-Ebert-Platz eingefunden. Einige aus der Gruppe hatten israelische Fahnen mitgebracht. Veranstaltet worden war die Gedenkveranstaltung vom Arbeitskreis Israel der Evangelischen Allianz Lahr, Doris Erb zeichnete für den Verein verantwortlich.

Nach einem Mann wird noch gefahndet

Eine Gruppe junger Männer störte die Zusammenkunft laut Polizei durch Rufe und Beleidigungen. Ein 17-Jähriger soll eine Fahne entwendet und versucht haben, sie anzuzünden, er wurde vorläufig festgenommen. Ein 32-Jähriger soll Teilnehmer beleidigt haben, auch er wurde vorläufig festgenommen. Nach einem dritten Mann, der eine weitere Fahne beschädigt haben soll, wird gefahndet.

Gerteis hat in den vergangenen Jahren viele Gedenkveranstaltungen begleitet – doch etwas wie am Sonntagnachmittag habe sie in mehr als zehn Jahren nicht erlebt, wie sie im Gespräch mit der LZ betont. Die Lahrerin hat schon mehrere Stolpersteine für Lahrer Opfer des Nationalsozialismus verlegt. Zur Gedenkveranstaltung am Friedrich-Ebert-Platz war sie eingeladen worden, um etwas zum Gedenkstein für die nach Gurs Deportierten zu berichten. Der Stein wurde vor zehn Jahren eingeweiht. Gestaltet hat ihn eine zehnte Klasse des Max-Planck-Gymnasiums in Zusammenarbeit mit Pfarrer und Religionslehrer Frank Heck.

„Ich hatte gerade die Namen der 21 jüdischen Bürgerinnen und Bürger Lahrs vorgelesen, die am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert worden waren. Eigentlich sollte danach eine Gedenkminute folgen“, erinnert sich Gerteis. „Doch dann ging der Radau los.“ Sie sei schockiert, über Jahre habe man an dem Stein gestanden und es sei nie etwas vorgefallen. Sie gehe davon aus, dass nicht das Gedenken selbst, sondern die Israel-Flaggen der Stein des Anstoßes gewesen seien. „Aber das macht mich nicht weniger schockiert.“ Sie selbst hatte im Park keine Flagge dabei.

Polizei hat mehrere Zeugen befragt

Stand Montagmorgen geht die Polizei nicht davon aus, dass der Angriff geplant war. Bisherige Erkenntnisse ließen darauf schließen, dass die Gruppe aus Jugendlichen zufällig auf die Veranstaltung aufmerksam geworden sei. Die Ermittlungen zum Vorfall hat der Kriminaldauerdienst übernommen. Nach Abschluss der ersten Maßnahmen führt die Kriminalinspektion für Staatsschutzangelegenheiten die weiteren Ermittlungen fort.

Eine LZ-Nachfrage bei der Polizei ergibt, dass momentan politisch motivierte Beleidigung, Diebstahl und Sachbeschädigung gegen die mutmaßlichen Täter im Raum stehen. Ob sich noch weitere Straftaten ergeben, bleibe abzuwarten. Vor Ort seien die Personalien mehrerer Zeugen aufgenommen worden.

Am Montagnachmittag meldete sich auch Lahrs OB Markus Ibert zu Wort. „Der Vorfall, bei dem während des Gedenkens an die Reichspogromnacht am Friedrich-Ebert-Platz versucht wurde, eine israelische Flagge in Brand zu setzen, hat mich tief erschüttert“, wird er in einer städtischen Pressemitteilung zitiert. Eine solche Handlung sei nicht nur ein Angriff auf ein Staatssymbol, sondern im Falle der israelischen Flagge auch auf ein Symbol des Judentums – und nicht zuletzt ein Angriff auf das friedliche Zusammenleben in Lahr.

OB Ibert: „Kein Platz für Hass, Hetze und Gewalt“

„Wir in Lahr verurteilen jede Form von Extremismus, Antisemitismus, Diskriminierung und Feindseligkeit“, so Ibert weiter. Wer Symbole von Nationen oder Religionsgemeinschaften angreife und versuche, Gedenkveranstaltungen zu stören, überschreite damit eine Grenze, die man als Gesellschaft nicht akzeptieren dürfe. „Das ist kein Ausdruck freier Meinungsäußerung, sondern eine Provokation“, betont der OB. Wer das Existenzrecht Israels leugne, der wende sich gegen die grundlegenden Werte der Bundesrepublik Deutschland. Er begrüße daher ausdrücklich, dass der Staatsschutz die Ermittlungen aufgenommen habe.

„Lahr steht für Vielfalt, Respekt und Zusammenhalt“, so Ibert. „Deshalb sage ich klar: In unserer Stadt ist kein Platz für Hass, Hetze und Gewalt“. Dass sich diese Gewalt gegen die israelische Flagge richtete und damit einen deutlichen antisemitischen Grundton habe, sei besonders verachtenswert. „Zugleich mussten die Menschen, die diese Flagge trugen und eine Botschaft am 9. November verbreiten wollten, sich selber angegriffen fühlen. An keinem anderen Tag im Jahr spüren wir Deutsche die Verantwortung, die wir aus unserer Geschichte übernommen haben, stärker und verpflichtender“, erklärt der OB. Deshalb dürfe man einen Vorfall wie den am Friedrich-Ebert-Platz nicht ignorieren. „Es ist unsere Aufgabe, hinzusehen und die Stimme zu erheben.“

In wenigen Tagen wird der Volkstrauertag begangen

Ibert sei bewusst, dass die derzeitige weltpolitische Lage viele Menschen bewege. Auch ihn bedrücken die globalen Folgen von Krieg, Terror und Gewalt. Diese Emotionen dürften aber niemals in Handlungen münden, die andere bedrohen, herabwürdigen oder verletzen. „Gerade in solchen Zeiten müssen wir Haltung zeigen. Wir müssen Brücken bauen, nicht Gräben vertiefen“, wird Ibert in der Mitteilung zitiert.

In wenigen Tagen begehe man den Volkstrauertag – einen Tag, an dem der Opfer von Krieg und Gewalt gedacht werde und man sich bewusst mache, welche Verantwortung man für den Frieden trage. Die Ereignisse vom vergangen Sonntag führen laut Ibert schmerzhaft vor Augen, wie wichtig es sei, sich nicht nur an solchen Tagen, sondern jeden Tag aktiv für ein friedliches Miteinander einzusetzen.

Reichspogromnacht

Der Begriff bezieht sich auf die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Dabei wurden deutschlandweit Synagogen in Brand gesteckt und mehrere Hundert Juden ermordet.