Foto: Reiner Pfister/r

Das Rothko String Quartet und Amelie Schmidt bringen bei den Schlossfestspielen in Ludwigsburg Liebesbriefe zum Glühen.

Hier bebt die Erde! So hat der Komponist Leoš Janáček den dritten Satz seines zweiten Streichquartetts beschrieben, so erklingt das Stück am Samstagabend bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen, und so erlebt das Publikum im Ordenssaal ein Konzert, in dem die Herzen von Liebenden tief erschüttert werden.

 

Unter dem Titel „Intime Briefe“ führt der alte Janáček seine Zuhörer an extremem emotionalen Fieberkurven entlang durch Freude, Leid, Lust, Trauer und Sehnsucht seiner Beziehung zur jungen Kamila Stösslová. Das macht sich das Rothko String Quartet zur Herzenssache. Als Sprecherin vernetzt Amelie Schmidt die hochenergetische Musik mit Ausschnitten aus einem Briefwechsel, in dem die Energie allerdings mehr und mehr abnimmt: Ingeborg Bachmann schreibt an ihren Geliebten Max Frisch, und man erlebt die Schriftstellerin dabei als Zerrissene – hier die autonome, emanzipierte Künstlerin, dort das traditionelle Bild einer dienenden Frau, die sich dem Glück des Mannes bedingungslos unterordnet.

Amelie Schmidt liest mit Distanz und Engagement

„Ich möchte alle Steine aus dir herausoperieren, damit du lebendig wirst!“, schreibt Bachmann. Und später: „Ich bin erschöpft von zu vielen Verwundungen.“ Und: „Ich habe in der Liebe und durch die Liebe immer den Boden verloren und deshalb nie einen gehabt.“ Amelie Schmidt liest die sich verdunkelnden Briefe mit einer klugen Balance zwischen Distanz und Engagement.

Max Frisch hat geantwortet, aber seine Worte sind hier nicht zu hören. Auch Janáčeks Streichquartett erzählt nur aus einer Perspektive von der großen Liebe des Komponisten. So stehen große Gefühle ganz ohne Wenn und Aber im Raum. Das Rothko String Quartet lädt sie mit hoher Energie auf. Manchmal geraten deshalb Details in der Koordination und Intonation ein wenig aus dem Blick, aber die Begegnung mit den Gefühlswogen der Musik ist von hinreißender Unmittelbarkeit.

„Das Unglück trifft immer auf die Stelle, wo es mit dem tiefsten Schmerz rechnen kann“, schreibt Ingeborg Bachmann, und mit ebendiesem Schmerz fahren die Streicher in die Musik hinein. Das sticht, das ist heftig, das tut weh, das ist, gerade an diesem erfüllten Abend, voller Zärtlichkeit, und das ist hochlebendig, weil alles darin ist: Trauer, Hoffnung, Freude, Leid, Auf- und Abbruch.

Auch Zeitgenössisches erklingt

Janáčeks Quartett bleibt nicht allein. Zeitgenössische Klänge ranken sich um die vier Sätze herum, viele davon lohnen das Kennenlernen. Zum Beispiel „The Answers“ der US-Amerikanerin Julie Zhu: Die Gesten dieser Musik, die sich fast unerträglich lange umkreisen und aneinander reiben, stehen für Planeten.

Auf ähnlichen Umlaufbahnen haben sich wohl auch Bachmann und Frisch einander genähert und wieder voneinander entfernt – ein physikalisch erklärbares Problem, das mit jener Schuld, die Bachmann anklingen lässt (und die sie auf sich nimmt), rein gar nichts zu tun hat.

Das Spiel mit weiblichen und männlichen Projektionen und Perspektiven endet schlüssig mit dem Madrigal einer selbstbewussten Renaissance-Komponistin. In „Il vostro dipartir“ von Maddalena Casulana weint der Mann einer scheidenden Frau hinterher. Na, also!