Das Kino Atelier am Bollwerk hat sein 25-jähriges Bestehen gefeiert mit dem Regisseur Volker Schlöndorff und dessen brisantem Dokumentarfilm „Der Waldmacher“.
Volker Schlöndorff („Die Blechtrommel“) möchte nichts sagen vor dem Film, er winkt nur, als der Kinobetreiber Peter Erasmus ihn vorstellt. Der Regisseur ist eigens zur 25-Jahr-Jubiläumsfeier des Kinos Atelier am Bollwerk nach Stuttgart gekommen, um seinen Dokumentarfilm „Der Waldmacher vorzustellen.
Schlöndorffs Robert Musil-Verfilmung „Der junge Törless“ (1966) habe dafür gesorgt, „dass aus mir kein Anwalt wurde“, sagt Erasmus. Er dankt seinem Sohn Simon, der mit 17 Jahren als „Platzanweiser angefangen“ habe und nun die Geschicke der Arthaus-Kinos Atelier am Bollwerk und Delphi bereits weitgehend bestimme. Einen besonders großen Applaus bekommt im gut gefüllten großen Saal „Fellini“ der vielen Stuttgartern bekannte Theaterleiter Miro Staroveski – „Mr. Bollwerk“ nennt ihn Erasmus.
Der Australier Tony Rinaudo hat für ein grünes Wunder gesorgt
Schlöndorffs „Waldmacher“ ist ein Film über den australischen Agronomen Tony Rinaudo. Der reiste 1981 in die Sahelzone in den Norden des Niger, wo ihm nach einigen Rückschlägen bei der Wiederaufforstung ein kleines Wunder gelang: Er entdeckte, dass unter der Wüste der riesige Wurzelstock der früher dort stehenden Bäume überlebt hatte, dessen Triebe bei richtiger Behandlung schnell wachsen, Wasser an die Erdoberfläche zurückziehen und Schatten spenden.
Schlöndorff begleitet Rinaudo Jahrzehnte später bei seiner Rückkehr nach Niger und nach Äthiopien, wo er ebenfalls Bauern geschult hat. Rinaudos Methode erklärt der Film nur im Ansatz, Schlöndorff interessiert sich mehr für die Menschen. Er reiht lose Porträt-Miniaturen aneinander, thematisiert die Abwesenheit der Männer und die tragende Rolle der Frauen, zeigt eine junge Generation, die lieber „im Sitzen“ arbeiten möchte, als auf den Feldern zu schuften. Jugendlich sägen auch heimlich Bäume ab, verkaufen das Holz und gehen mit dem Geld in die Stadt – als er das hört, steht Schmerz im Gesicht des stets freundlichen Rinaudo.
Schlöndorffs erster Dokumentarfilm
Er habe in Afrika mit einheimischen Kamera- und Tonleuten gearbeitet und so auch als „alter weißer Mann“ Zugang zu den Menschen bekommen, sagt bei der anschließenden Fragerunde der 83-jährige Regisseur, der topfit wirkt. Es ist sein erster vollständiger Dokumentarfilm. Für den Episodenfilm „Deutschland im Herbst“ (1978) hat Schlöndorff 1977 immerhin die aufgeheizte Stimmung beim Begräbnis der RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Karl Raspe auf dem Stuttgarter Dornhaldenfriedhof dokumentarisch festgehalten.
In 26 Ländern werde Tonys Methode inzwischen erfolgreich angewendet, sagt er, auch in Indien, Indonesien und Südamerika. „Einfache Methoden haben es schwer, sich durchzusetzen. Viele Leute wollten lieber Großprojekte wie die ,Great green Wall‘, einen 5000 Kilometer langen Waldgürtel quer über den Kontinent, um die Sahara zu stoppen. Aber das ist totaler Unsinn, das muss im Kleinen passieren. Bei solchen Projekten fließt viel Geld, und das verschwindet dann in tiefen Taschen.“
Ein Aufruf ans Publikum
Schlöndorff reist mit seinem Film durch 44 Kinos in 35 Städten. „Mich an die Politik zu wenden, ist mir zu mühsam“, sagt er, „ich wende mich lieber an Sie, und Sie können sich dann an die Politik wenden!“ Ob Filme die Welt verändern? „Dieses Rätsel habe ich in 55 Jahren nicht gelöst“, sagt Schlöndorff. Mit seine früheren Frau, der Regisseurin Margarethe von Trotta, habe er immer Hölderlin zitiert: „Nicht Mächtiges ist unser Singen, aber zum Leben gehört es.“