Es könnte ein Abschiedsgruß sein: Doch Sandra Galuppi winkt einer früheren treuen Kundin vor geschlossenen Läden zu. Foto: Gabriele Hauger

Mit dem Jahr 2025 endete auch eine Ära in Lörrach: Der Kiosk am Marktplatz hat geschlossen. Betreiberin Sandra Galuppi gibt auf – nach 13 Jahren. Warum?

Es ist eng in dem nur 17 Quadratmeter großen Kiosk-Gebäude am Marktplatz. Noch stehen Zigarettenschachteln im Regal, in durchsichtigen Boxen liegen bunte Gummischnecken. Ein leerer Aufsteller verengt den ohnehin schmalen Durchgang. Sandra Galuppi stapelt Zeitschriften in Kisten, die nicht verkauft wurden. Heidi Klum strahlt von einer Titelseite.

 

„Es lohnt nicht mehr“

Nach Strahlen ist der Kiosk-Betreiberin überhaupt nicht zu Mute. Denn es sind Retouren. Auf deren Rückzahlungen ist sie dringend angewiesen. „Ich bin total blank“, sagt sie, und man merkt ihr die Anspannung an. Das Geschäft lohnt sich nicht mehr – schon seit längerem. „Die Leute kaufen kaum noch Zeitschriften“, erklärt sie ihre Lage. Vom Zigarettenverkauf bekommt sie zehn Prozent, von Telefonkarten fünf, ansonsten geht viel Kleinteiliges über die Theke. Das ging lange gut. „Doch seit Corona ist der Umsatz eingebrochen.“

Zudem gebe es neue Konkurrenz in der Nähe, mit einer Poststelle ausgestattet. „Das kann ich hier nicht bieten.“ Und Zeitungen und Zeitschriften: „Die gibt es schon lange auch in den Supermärkten.“

Aufgabe nach 13 Jahren

13 Jahre lang betrieb sie den Kiosk. „Das waren richtig gute Zeiten“, erinnert sie sich im Gespräch mit unserer Redaktion. Im Schichtbetrieb mit Hilfe von Angestellten bot sie lange Öffnungszeiten. Und stets ein offenes Ohr. „Ich rede gerne mit den Menschen.“ Geduldig kramte sie der Rentnerin das passende Kleingeld aus dem Geldbeutel, oder half beim Ausfüllen von Formularen. „Ich habe bei der Arbeit so viele arme Menschen gesehen“, sagt sie nachdenklich. Da habe sie auch hin- und wieder helfen müssen. „Das machte ich auch gerne. Aber ich muss natürlich auch finanziell über die Runden kommen.“

„Hallo!“, ruft eine ältere Dame, die am Kiosk vorbeiläuft. „Wann krieg ich denn hier wieder meine Zeitschrift?“ fragt sie. Sandra Galuppi hebt die Schultern. „Ich weiß nicht, wie es hier weitergeht.“

Es wird ausgeräumt: Die Betreiberin schaut sich an ihrem beengten Arbeitsplatz um, was noch zu tun ist. Foto: Gabriele Hauger

„Der Januar ist sowieso immer ein schlechter Monat. Den hätte ich finanziell nicht überlebt“, sagt die 55-Jährige. Auch deshalb habe sie die Reißleine gezogen. Schließlich machen ihr die Arbeit in dem engen Gebäude und Schleppen der Kisten aufgrund ihres Rheumas schon lange Probleme. Im Sommer sei es extrem heiß, im Winter friere man. Die alte Nachtspeicherheizung funktioniere schlecht, in der Mini-Toilette hat sie wenigstens einen Boiler eingebaut. „Ich habe den ganzen Tag mit Geld zu tun. Da muss ich mir doch wenigsten die Hände gut waschen können.“ Ihrer Meinung nach müsse das Gebäude auf jeden Fall renoviert werden. Stattdessen sei nichts geschehen, die Miete indes gestiegen.

Darum wollte Sandra Galuppi einen Partner mit ins Boot nehmen. Geplant war, am Kiosk beispielsweise ein mediterranes Frühstück anzubieten sowie weitere Snacks. „Das hätte Kunden angelockt, und wir hätten uns die Miete teilen können“, erklärt sie.

Die Stadt habe ihr Konzept aber rundweg abgelehnt, ohne es überhaupt näher zu prüfen, erzählt sie. Nun ist sie vertraglich noch fast ein Jahr gebunden. „Wenn niemand den Mietvertrag übernimmt, kann ich Privatinsolvenz anmelden“, sagt sie.

Neue Geschäftsidee

Dabei hat sie das „Kiosk-Dasein“ quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Schon ihre Eltern führen einen Kiosk, einen Steinwurf entfernt an der Hochhauspassage.

Sie selbst arbeitete zehn Jahre lang am Kiosk am Bahnhofsplatz, ehe sie sich im Herzen der Stadt selbstständig machte. Und das mit viel Herzblut.

Das Kiosk-Gebäude hat schon bessere Zeiten gesehen. Foto: Gabriele Hauger

Müde und erschöpft

Ob sie traurig ist, den Kiosk aufzugeben? Eigentlich sei sie nur unglaublich erschöpft und müde, sagt sie resigniert. Der letzte richtige Urlaub liege acht Jahre zurück. Einfach mal ein wenig ausruhen. Und dann auf Jobsuche gehen. „Ich brauche eine Arbeit, die ich bis 70 machen kann. Sonst reicht die Rente nicht.“

Unterstützung bekommt sie via Aktionen auf „social media“. „Ich bekomme das gar nicht so richtig mit, ich bin da gar nicht aktiv.“

Thomas Nostadt von der Wohnbau Lörrach, die die städtische Immobilie verwaltet erklärt auf Nachfrage, dass man sich bei inhaltlichen Planungen zum Gebäude zurückhalte. Das sei Sache der Stadt.

Stellungnahme der Stadt

Die Stadt reagierte auf unsere Nachfrage wie folgt: „Die Stadt Lörrach ist Eigentümerin des Zeitungskiosk am Marktplatz. Sowohl der Zeitungskiosk am Bahnhofsplatz als auch der am Marktplatz werden seit dem Jahr 2001 von der Wohnbau Lörrach verwaltet. Beide Kioskbetreibenden bezahlen in etwa die gleiche Pacht.

Der Zeitungskiosk wurde zur Neuverpachtung bereits ausgeschrieben. Die bisherigen Anfragen konnten jedoch nicht weiterverfolgt werden, da es sich um gastronomische Konzepte handelte oder noch keine Selbstauskunft vorlag.

Der Vertrag mit der derzeitigen Betreiberin läuft Ende November 2026 aus. Sollte bereits vorher ein neuer Betreiber gefunden werden, würde der bestehende Vertrag aufgelöst werden. Es bestehen keine Einwände den Zeitungskiosk an einen neue/n Betreiber/in zu vergeben, sofern die derzeitige Betreiberin den Kiosk abgeben möchte.

Im Juli 2025 ging bei der Stadt Lörrach eine Anfrage zur Umnutzung des baurechtlich genehmigten Zeitungskiosk in einen Betrieb zum Verkauf von frisch zubereiteten Speisen und Getränken ein. Eine solche Umnutzung wäre baurechtlich genehmigungspflichtig und zudem mit zusätzlichen Umbaukosten (u. a. Fettabscheider, Küche, Elektroinstallationen, Vergrößerung der Lagerflächen) für die Stadt Lörrach als Eigentümerin verbunden, was aufgrund der angespannten Haushaltslage nicht zu leisten ist. Aus diesen Gründen wurde die genannte Anfrage abgelehnt.

Aufgrund der engen räumlichen Situation am Durchgang zwischen Alten und Neuen Marktplatz ist eine Vergrößerung des Kiosks kaum möglich. Die Stadt steht, in Absprache mit möglichen neuen Interessentinnen und Interessenten, sinnvollen baulichen Ertüchtigungen und Anpassungen offen gegenüber.“