Beim Infoabend zur Schließung des Seelbacher Pflegeheims St. Hildegard im brechend vollen Bürgerhaus kochten die Emotionen mitunter hoch. Foto: Endrik Baublies

Der Infoabend der Caritas, Betreiber des Pflegeheims St. Hildegard in Seelbach, endete mit Ernüchterung. Die Verbandschefs konnten die Welle der Empörung nicht stoppen.

Die von der Caritas für Ende des Jahres geplante Schließung des Pflegeheims St. Hildegard hat im Schuttertal für Wut und Enttäuschung gesorgt. Am Montagabend beim Infoabend der Caritas machten mehr als 300 Seelbacher und Schuttertäler Bürger ihrem Ärger Luft.

 

Das Publikum: Schon zehn Minuten vor Beginn waren fast alle der gut 200 Stühle im Bürgerhaus besetzt. Punkt 19 Uhr war der Saal brechend voll. Auf der seitlichen Tribüne sowie im hinteren Bereich standen die Leute dicht gedrängt.

Unter den Anwesenden waren auch die beiden Bürgermeister Michael Moser (Seelbach) und Matthias Litterst (Schuttertal) sowie Seelbachs Alt-Bürgermeister Klaus Muttach, der mit großem Applaus von den Bürgern empfangen wurde.

Besucher quittieren Ausführungen mit Pfiffen

Die Atmosphäre: Die Stimmung im Saal war von Anfang an sehr aufgeheizt. Stets wurde getuschelt, die Enttäuschung und die Wut der Bürger waren geradezu greifbar. Als die vom Caritasverband Lahr engagierte Moderatorin Benita Frei eingangs erwähnte, dass mehr Menschen gekommen seien, als von der Caritas erwartet, gab es das erste Mal lautes Gelächter.

Moderatorin Benita Frei (von rechts) vermittelte zwischen dem Publikum und den Caritas Vorständen Mireille Ochalek Starzetz und Mirko Poetzsch. Foto: Baublies

Über den ganzen Abend quittierten die Besucher Ausführungen der Caritas-Vorstände mit Pfiffen oder Buh-Rufen, während Wortbeiträge, Fragen und Forderungen der Bürger mit lautem Applaus bedacht wurden. Auch Zwischenrufe aus dem Publikum gab es einige. Frei war darauf bedacht, die Emotionen aus den Beiträgen etwas zu glätten, bevor sie die Fragen an die Verbandschefs weitergab. Das kam nicht gut an. Poetzsch behielt stets einen ruhigen, sachlichen Ton, Ochalek-Starzetz ging zum Teil auf Konfrontationskurs.

Caritas wollte Insolvenz vermeiden

Die Sicht der Caritas: Bevor es in die Fragerunde ging, legten die Verbandschefs die Sicht der Caritas dar. Poetzsch wiederholte, dass die Entscheidung, das Heim zu schließen, mit Blick auf nötige, aber finanziell nicht zu stemmende Investitionen und den drohenden Personalmangel gefallen ist.

Zudem müsse man immer den Gesamtverband im Blick behalten. Er sprach auch den Verband Breisgau-Hochschwarzwald an, der Insolvenz anmelden musste. Das wollte man für den Lahrer Verband vermeiden.

Alt-Bürgermeister Muttach fordert Übergabe für einen Euro

Die Finanzierung: Der erste Redebeitrag kam von Moser. Sichtlich angefasst von der Menge der Anwesenden nahm er darauf Bezug, dass das Pflegeheim ein – auch finanziell – gemeinschaftlich getragenes Projekt mit den Gemeinden sei. Er appellierte an die Caritas, bei ihren künftigen Entscheidungen, was aus dem Heim werden soll, die Gemeinden miteinzubeziehen und „uns die Gelegenheit zu geben, wieder eine Pflegeeinrichtung zu ermöglichen“.

Unter den Gästen und Fragenstellern war auch Seelbachs Altbürgermeister Klaus Muttach. Foto: Endrik Baublies

Mosers Vor-Vorgänger Klaus Muttach ging noch einen Schritt weiter. Er legte, wie zuvor schon in der Presse, die finanziellen Modalitäten vom Bau des Heims dar. „Die Caritas hat nur rund ein Viertel der Investitionskosten getragen“, so Muttach. Heißt drei von zwölf Millionen Mark. Poetzsch bestätigte später diese Zahlen. Muttach fragte daher: „Ist es fair, wenn eine Einrichtung sich das Haus zu drei Vierteln fremdfinanzieren lässt und dann den Erlös zu 100 Prozent einsackt?“ Er rief daher die Caritas zu einem „Akt der Fairness“ auf: das Haus für einen symbolischen Euro an die Gemeinde zu überreichen. Eine Forderung, die im Laufe des Abends mehrmals wiederholt wurde, auf die die Caritas-Vertreter aber nicht eingingen.

Ex-Mitarbeiterin erhebt schwere Vorwürfe

Die Vorwürfe: Eine ehemalige Mitarbeiterin des Pflegeheims, die auch Mitglied der Mitarbeitervertretung war, sprach einige Misstände an, etwa Risse in Bädern oder Blasen in Fußbodenbelägen. „Und zum Personalproblem: So wie es in den Wald hineinschallt, hallt es auch wieder zurück“. Mitarbeiter und Bewohner seien nie ernst genommen, Investitionen nie umgesetzt worden. „Deswegen habe ich mich entschieden, zu kündigen.“

Pfarrerin Anke Doleschal sprach aus, was viele denken: „Sie sind doch Caritas! Sie haben einen Auftrag von Christus bekommen und das sind nicht die Finanzen. Sie sind den Menschen moralisch verpflichtet. Seelbach und Schuttertal haben der Caritas vertraut!“ Die Vorstände ließen dies unkommentiert.

Vieles unklar bei Grundstückssuche

Die Suche nach einem neuen Grundstück: Einige fragende Gesichter hinterließen Äußerungen von einstigen Plänen für einen Neubau. So erklärte Poetzsch, man habe sich 2018 mit der Gemeinde auf die Suche nach einem Grundstück begeben. Dabei sei das Bolzplatz-Grundstück auserkoren worden. Es habe eine Absichtserklärung des Gemeinderats gegeben, diese Fläche für einen Neubau zur Verfügung zu stellen.

Laut Poetzsch gab es im Jahr darauf jedoch eine „mündliche Absage“, worauf man sich – erfolglos – auf die Suche nach einem neuen Grundstück gemacht habe und stattdessen einen Neubau in Ettenheim in Angriff genommen hätte. Jenen Neubau, in den die Mitarbeiter und Bewohner aus Seelbach nun umsiedeln sollen. Rätin Stefanie Scharffenberg sagte später, dass eine Absage für das Grundstück nie Thema im Gemeinderat gewesen sei.

Die Bindungsfrist: Eine weitere Äußerung von Poetzsch ließ die Zuhörer die Ohren spitzen: Er erklärte, dass es beim Bau eine 25-jährige Bindungsfrist gab, während der die Caritas im Falle einer Schließung die Fördermittel hätte zurückzahlen müssen. Das hinterließ im Saal einen sehr schlechten Eindruck, denn St. Hildegard ist nun 26 Jahre alt: „Man hat jetzt die Zweckbindung abgewartet, bis man ein Jahr danach ist. Es stinkt zum Himmel“, sagte etwa Marco Himmelsbach. Altgemeinderat Michael Haid kritisierte, diese Bindungsfrist so „unverfroren“ zu kommunizieren und unterstellte Absicht, die Frist abgewartet zu haben.

Bürgermeister widersprechen den Verbandschefs

Die Informationsstrategie: Kritik gab es erneut an der Strategie der Caritas, so spät über die Pläne informiert zu haben. Eine Bürgerin, Angehörige einer Pflegeheim-Bewohnerin, beklagte sich, aus der Zeitung vom Aus erfahren zu haben. Der Brief sei erst eine Woche später angekommen. Während Poetzsch einräumte, dass es ein Fehler gewesen sei, nicht per E-Mail zu informieren, schob Ochalek-Startetz der Post die Schuld in die Schuhe. Sie erklärte zudem, dass man auch die Bürgermeister nicht vorab informiert habe, aus Angst, die Nachricht könnte durchsickern, was gegenüber den Bewohnern nicht fair gewesen wäre. „Auch ein Angebot von Herrn Moser hätte an der Schließung nichts ändern können“, meinte sie.

Das wollten die Rathauschefs so nicht stehen lassen. Moser kritisierte, dass er in „keinster Weise“ einbezogen worden sei und nur ein paar Tage vor den Bewohnern von den Plänen erfahren habe. Litterst, der aus der Zeitung von der Schließung erfahren hatte, ergänzte: „Wären Sie auf uns zugekommen, hätten wir versucht, gemeinsam eine Lösung zu finden. Ich schließe nicht aus, dass es uns nicht geglückt wäre. Aber Sie haben es nicht versucht und das werfe ich Ihnen vor.“

Das Fazit

Als Moderatorin Benita Frei den Bürgerdialog gegen 21.20 Uhr – nach mehreren gescheiterten Versuchen – schließlich beendete, hagelte es Buh-Rufe. Gerne hätten die Seelbacher und Schuttertäler weiter diskutiert. Auch die Bürgermeister zeigten sich im Nachgang enttäuscht. Litterst sprach etwa von einem „völlig empathielosen“ und „unvorbereiteten“ Auftritt.