Kinzigtäler, die am Wochenende einen Arzt brauchen, werden demnächst weiter fahren müssen: Die Kassenärztliche Vereinigung will die Notfallpraxis in Wolfach schließen. Bürgermeister Thomas Geppert und „Gesundes Kinzigtal“ sind entsetzt.
Wie die dpa berichtet, plant die kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) die Schließung mehrer Notfallpraxen – darunter auch die in Wolfach. Die KVBW hält es demnach für zumutbar, dass mindestens 95 Prozent der Menschen im Südwesten innerhalb von 30 Fahrminuten eine Notfallpraxis erreichen können und dass alle anderen maximal 45 Minuten fahren müssen.
Madeleine Renyi, Geschäftsführerin von „Gesundes Kinzigtal“ zeigt sich auf Anfrage unserer Redaktion erbost, auch wenn sie der Vorgang nicht sonderlich überrascht. „Es war ja schon länger im Gespräch, dass die Notfallpraxis geschlossen wird“, sagt sie. Auch wenn es jetzt erst einmal abzuwarten bleibe, welche Auswirkungen die Schließung insgesamt haben werde, äußert sie sich kritisch: „Das wird die ohnehin schon angespannte Lage hinsichtlich der medizinischen Versorgung noch verschärfen“, ist sie sich sicher. Patienten würden so wohl noch länger mit einem Arztbesuch warten und sich nicht rechtzeitig versorgen lassen. „Die Hausärzte bekommen dann noch mehr Arbeit“, meint sie.
Auch die langen Fahrtzeiten findet sie nicht hinnehmbar. „Aus Hornberg können das durchaus mal 50 Minuten sein – und ich rede hier von der Innenstadt, nicht von den Außenbereichen“, so Renyi.
Auch sieht sie ein Problem in der Besetzung der Notfalldienste, denn viele der hiesigen Ärzte seien nicht bereit, für diese einen längeren Anfahrtsweg auf sich zu nehmen. Renyi zeigt sich frustriert: „Wir bemühen uns, in der schon schwierigen Lage, die Region für Ärzte, gerade junge Ärzte, attraktiv zu machen und dann wird einem auch noch dieser Stein in den Weg gelegt.“ Renyi kritisiert, dass der Vorgang wieder ein gutes Beispiel dafür sei, wie der ländliche Raum vernachlässigt werde. „Da wird zentralisiert und aus der Statistik heraus der Schluss gezogen, dass die Menschen hier ja mal weiter fahren können“, sagt sie.
Ähnlich empört äußert sich Wolfachs Bürgermeister Thomas Geppert. Er bezeichnet die beabsichtigte Schließung von 18 Standorten in Baden-Württemberg – darunter Wolfach – als „massive Fehlentscheidung, deren Tragweite sich die Verantwortlichen im Land überhaupt nicht bewusst sind“. Er moniert außerdem: „Die betroffenen Kommunen werden mehr oder minder vor beinahe vollendete Tatsachen gestellt und die Bürger in der Versorgungsfläche sind, völlig zu Recht, verunsichert und vor allem vor den Kopf gestoßen.“
Für Wolfach wäre der Vollzug dieses Vorhabens ein fataler Rückschlag in der Notfallversorgung mit einem breiten Umlandeinzugsgebiet von Triberg über Schramberg, dem Wolftal bis hinab nach Hausach/Haslach und ins Harmersbachtal. Verlässliche, funktionierende Notfallstrukturen abbauen zu wollen und dies unter Effizienzaspekten als „attraktiv“ darstellen zu wollen, wie die KVBW es in ihrer Begründung tue, gleiche einer Farce. „Und das lassen wir uns hier nicht einfach geräuschlos bieten“, zeigt er sich kämpferisch.
Er gibt deutlich zu verstehen, dass das letzte Wort noch nicht besprochen ist – und dass die Bürgermeister des Tals gemeinsam Front gegen die Entscheidung machen wollen. „Wir, die Standortbürgermeister stimmen uns aktuell ab, was einen gemeinsamen offenen Brief in den überregionalen Medien betrifft“, gibt er bekannt.
Der Bereitschaftsdienst
Der ärztliche Bereitschaftsdienst hilft immer dann weiter, wenn der Hausarzt nicht geöffnet hat, etwa am Wochenende, an Feiertagen oder abends. Erreichbar ist der Dienst unter der Telefonnummer 116117. Dort erfahren die Patientinnen und Patienten, wo die nächste Notfallpraxis sich befindet, bei nicht mobilen Patienten kommt auch ein Arzt oder eine Ärztin nach Hause. Im Land Baden-Württemberg sind die zentralen Notfallpraxen häufig auch an Krankenhäuser angegliedert.