Trotz des angestrebten hohen Gehaltszuwachses ist noch nicht klar, wie die Gewerkschaftsbasis auf die Schlichterempfehlung im öffentlichen Dienst reagiert. Der Druck auf die Verdi-Führung wächst, meint Matthias Schiermeyer.
Vor frühzeitiger Erleichterung sei gewarnt: Die geglückte Schlichtung bedeutet nicht das Ende des Tarifkonflikts im öffentlichen Dienst. Arbeitgeber und Gewerkschaften müssen die Empfehlung der Schlichtungskommission am nächsten Wochenende noch in ein Tarifabkommen gießen. Trotz eines mutmaßlich historischen Volumens erscheint es in diesen extremen Zeiten nicht sicher, dass die Mehrheit der Arbeitnehmer mit dem Schiedsspruch einverstanden ist.
Kein Programm gegen den Fachkräftemangel
Immerhin, für die unteren Entgeltgruppen, von der Inflation maximal geplagt, würden zweistellige Zuwachsraten herausspringen. Allerdings gibt es nicht die geforderte Mindesterhöhung von 500 Euro, und die Laufzeit beträgt auch stattliche 24 Monate – dies könnte Enttäuschungen auslösen. Auch den besser bezahlten Berufsgruppen winkt ein Attraktivitätsgewinn – der Fachkräftemangel wird damit aber nicht behoben.
Für die Städte und Gemeinden wiederum würde es ein sehr teurer Tarifabschluss auf Kosten der Steuer- und Gebührenzahler – aus kommunaler Sicht allenfalls zu rechtfertigen mit dem Argument, noch Schlimmeres verhindert zu haben. Zudem können sich Arbeitgeber wie Gewerkschaften hinter den Schlichtern verstecken, deren Empfehlung ihnen auch ein Stück Gesichtswahrung bringt, sofern der Konflikt auf dieser Grundlage rasch befriedet wird.
Auf die Basis kommt es an
Verdi hat die Basis mit Emotionen aufgeladen, weshalb sie sich so entschlossen zeigt wie nie zuvor. Kommt nun die Retourkutsche? Wenn die Belegschaften in den kommenden Tagen ihre mehrheitliche Ablehnung signalisieren, wäre es auch ein Beleg des Misstrauens gegenüber der Verdi-Führung, die ja in Person der stellvertretenden Vorsitzenden Christine Behle am Tisch der Schlichter gesessen und sehr wahrscheinlich der Empfehlung zugestimmt hat.
Das Risiko der Eskalation
Insofern dürfte ihr Vorsitzender Frank Werneke nun genau in die Belegschaften hinhören, inwieweit die eingeschlagene Richtung auf Widerstand stößt. Lassen die Gewerkschaften die finalen Verhandlungen platzen und steuern die Urabstimmung an, laufen sie Gefahr, später nicht spürbar mehr herauszuholen. Je größer der Aufwand, desto mehr könnte der Rückhalt in der Bevölkerung und in den eigenen Reihen sinken. Der Druck wächst mit jedem weiteren Schritt.