Interessierte konnten sich bei Führungen ein Bild vom Rottenburger Schlachthof machen. Foto: Baum

Sollte der Schlachthof in Rottenburg nach 118 Jahren schließen, könnte das nicht nur Folgen für das Tierwohl, sondern auch für die gesamte Landwirtschaft in der Region haben. Zwei Landwirte erzählen, was jetzt auf dem Spiel steht.

Rottenburg - Vier Fahrten hat jeder Landwirt zu erledigen, wenn er ein Tier im Schlachthof schlachten lässt: Die Fahrt mit dem Tier, der Nachhauseweg sowie hin und zurück zur Abholung des zerteilten und zerlegten Fleisches beim Schlachthof. "Da macht es dann schon etwas aus, ob ich nach Rottenburg oder nach Gärtringen fahre", sagt die Ergenzinger Landwirtin Christa Richter, die gemeinsam mit ihrem Mann Peter den Schönblickhof bewirtschaftet. "Wir wollen den Schlachthof Rottenburg behalten, er funktioniert, und wir hatten keine Skandale wie damals in Gärtringen, der im Jahr 2020 schließen musste", betont Richter im Gespräch mit unserer Redaktion. "Rottenburg ist klein und wie für uns gemacht." Auch gebe es heute in Rottenburg keine Wartezeiten mehr für die zur Schlachtung angelieferten Tiere. "Alles ist entspannter und damit besser als noch vor einem Vierteljahr", erklärt die Landwirtin.

Existenzen sind bedroht

Der Schlachthof in Rottenburg sei sowohl für die Landwirte als auch für die Metzger sehr wichtig. "Einige Landwirte würden aufhören, wenn der Schlachthof in Rottenburg geschlossen wird" ist sich Christa Richter sicher. "Nach Gärtringen wäre für die Rottenburger Landwirte die dreifache Strecke." Kurze Wege dienen dem Tierwohl und sorgen auch für eine stressfreiere Anfahrt für die Tiere – diese schütten bei Stressfaktoren Stresshormone aus, was eine Verschlechterung der Fleischqualität bewirkt.

118 Tiere pro Woche

In Rottenburg werden durchschnittlich 118 Tiere pro Woche geschlachtet, und der Metzger Egeler, der im Rottenburger Schlachthof schlachtet, schlachtet in Rottenburg auch Tiere vom Schönblickhof Ergenzingen. Alle Tiere – Rinder, Schweine und Kälber – kauft er von Landwirten mit den höchsten Tierhaltungsformen drei und vier. Diese werden auf Stroh gehalten, bekommen genfreies Futter – also kein Soja aus Südamerika. Alle Tiere, die Egeler vermetzgert, werden im Rottenburger Schlachthof handwerklich geschlachtet – etwa Bioland-Schweine vom Heuberger Hof in Rottenburg, Bioland-Rinder aus Waldhausen oder Lämmer von der Schäferei Bodelshausen oder Rinder aus Hemmendorf von Wolfgang Narr.

Das Thema Nachhaltigkeit und Regionalität bewegt die Metzgerei Egeler aus Ammerbuch und auch die Rottenburger Landwirte und Metzger. Egeler etwa beliefert nicht zuletzt die "Tante M Läden", die auch in den Rottenburger Stadtteilen eröffnet haben. "Dies ist eine Struktur, die funktioniert", sagt Christa Richter.

Schafe vom Wurmlinger Kapellenberg

In Rottenburg werden auch Schafe und Ziegen vom Wurmlinger Kapellenberg geschlachtet, ebenso auch welche aus Weiler. "Wer soll dann die Flächen beweiden, wenn der Schlachthof Rottenburg und der eine oder andere Schäfer aufhören muss, da die weite Fahrt nach Gärtringen für ihn dann zu unwirtschaftlich wird?", fragt Christa Richter.

"Gärtringen darf aber gerne kommen, ich bin nur für den Erhalt des Rottenburger Schlachthofes", sagt die Landwirtin. "Gärtringen stellt für uns Rottenburger Landwirte und andere, die in Rottenburg schlachten lassen, keine Konkurrenz dar." Und: "Wenn es in Gärtringen auf die Rottenburger Tiere ankommt, die dann ab 2024 in Gärtringen geschlachtet würden, so der Rottenburger Schlachthof schließen würde, machen die in Gärtringen etwas falsch." "Wir wollen die Rottenburger Schlachtstätte erhalten – wir hatten in all den Jahren keine Skandale, es ist eine funktionierende Struktur und er funktioniert an diesem Standort seit 118 Jahren", erklärt die Landwirtin abschließend.

7000 Bürger sollten mindestens abstimmen

Für Volkmar Raidt, Landwirt in Kiebingen, ist es wichtig, dass mindestens 7000 Bürger im Januar zur Abstimmung über die Zukunft des Rottenburger Schlachthofes gehen. "Es ist ein Bürgerentscheid, der Bürger entscheidet, und weder die Stadt, noch die Presse, noch die Verwaltungsspitze", so Volkmar Raidt im Gespräch mit unserer Redaktion. Es sei einfach wichtig, zur Wahl zu gehen am 22. Januar.

Raidt lässt pro Jahr drei bis vier Stück Rinder aus Mutterkuhhaltung in Rottenburg schlachten – er hält derzeit 30 Rinder, junge und alte. "Zudem gibt es bei uns den Ochsen Willi, der bis zum Lebensende bei uns das Gnadenbrot bekommt", sagt Raidt. Der Kiebinger Landwirt im Nebenerwerb schätzt die kurzen Wege zum Rottenburger Schlachthof – es sind nur drei Kilometer. Die kurze Fahrt diene dem Tierwohl. "Rinder mögen keine Bedrängnis und Enge – je weiter die Fahrt ist, desto aufgeregter werden die Tiere", weiß Raidt. Rinder laufen auf der Weide frei herum. Wenn der letzte Tierweg für die Tiere in Stress ausartet, "macht man zunichte, was man bei der Aufzucht gut gemacht hat".

Im weiter entfernt liegenden Gärtringen sei der Anfahrtsweg und Heimweg so weit, dass er eventuell dann überlegen würde, ob und wie er weiter macht mit seiner Rinderzucht. "Und andere Landwirte und Schäfer würden sicherlich auch überlegen, ob sie die weite und für die Tiere stressigere Strecke in Kauf nehmen würden", so Raidt.

Regional und biozertifiziert

Der Rottenburger Schlachthof sei regional, biozertifiziert, die Praktikabilität stehe im Vordergrund ebenso wie Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit, so der 56-Jährige. "Heute, nach und in der vielfältigen Krisenzeit sehen wir, dass es falsch war, etwa kleine Läden zu schließen oder kleinförmige Strukturen zu zerstören und aufzugeben", sagt Raidt. Wenn der Rottenburger Schlachthof schließen würde, gefährde dies die kleinen Betriebe und Metzger vor Ort. "Eine Zentralisierung, wie etwa am geplanten Schlachthof Gärtringen ist immer mit langen Wartezeiten verbunden."

Aber der Schlachthof Gärtringen sei nicht auf Rottenburg angewiesen. Raidt kann sich eine Erhaltung des Rottenburger Schlachthofes mit einer Koexistenz des geplanten Gärtringer Schlachthofes vorstellen.

Kritik am Infotag

Was ihn an dem Informationstag zum Gärtringer und Rottenburger Schlachthof am Samstag auf dem Rottenburger Schlachthofareal etwas aufregte, sei die Tatsache, dass er da zum ersten Mal die Pläne für den Gärtringer Schlachthof zu Gesicht bekommen habe – ebenso wie die anderen Gemeinderäte auch.

Weitere wichtige Punkte sind für Raidt, dass sich vielleicht einige Bürger in Krisenzeiten und Zeiten sinkender Lebensstandards überlegen, eigene Schweine zu halten. "Und wie können die dann schlachten?"