Lyonel Feininger gilt als einer der ganz großen Bauhaus-Künstler. Eine Retrospektive in der Frankfurter Schirn enthüllt jetzt neue Seiten des Deutsch-Amerikaners.
Wer weiß, ob heute noch jemand seinen Namen kennen würde, wenn er Frühaufsteher gewesen wäre. So aber liebte es Lyonel Feininger, nächstens durch die Stadt zu streifen, vorbei an Häusern mit beleuchteten Fenstern, durch Gassen, in denen sich der Schein der Laternen bricht. Vor allem bei Regen scheint Feininger die Schatten, Spiegelungen und sich überlagernden Lichtkreise förmlich aufgesogen zu haben. Dafür kennt und liebt ihn das Publikum bis heute – für seine magisch leuchtenden und kristallin zerlegten Stadtansichten.
So gibt es kaum ein Nachschlagewerk zur Kunst, in dem nicht eine seiner feierlich wirkenden Kathedralen abgebildet wäre. So ist es umso überraschender, Feininger in einer großen Sonderschau in der Frankfurter Schirn auch auf andere Weise kennenzulernen. Denn er war auch ein Witzbold, der sich über Jahrzehnte mit Karikaturen sein Geld verdiente. Der Sarkasmus, mit dem er die Tagespolitik aufs Korn nahm, nannte er seine „rettende Stachelhaut“. Die schütze ihn, der sich als „tief empfindend“ einschätzte.
Ein erfolgreiches Werk voller Widersprüche
Es ist eine durchaus widersprüchliche Künstlerpersönlichkeit, die einem in der Retrospektive in der Schirn Kunsthalle begegnet. Geboren wurde Lyonel Feininger 1871 in New York. Die Eltern waren erfolgreiche Musiker mit deutschen Wurzeln – und so zog er nach Deutschland, um Violine zu studieren, landete aber doch bei der Kunst. Er wurde Karikaturist, um mit Mitte dreißig die Malerei für sich zu entdecken. Er fühlte sich als Weltbürger und malte am liebsten eine kleine Dorfkirche in der Nähe von Weimar. Auch in seinen Werken stecken Widersprüche, oft sind sie fortschrittlich und rückwärtsgewandt zugleich.
Die Gegenwart interessierte Feininger nur bedingt
Modern war, was er bei den Kubisten gelernt hatte – nämlich Motive zu zerlegen in einzelne Flächen. Anders als die Kubisten, die versuchten, damit mehrere Ansichten in ein Bild zu bringen, ging es ihm eher darum, ein „andächtiges, tief religiös empfundenes Werk“ zu schaffen, weshalb er seine stimmungsvollen Ansichten mit viel Pathos auflud. Während sich seine Kollegen der Gegenwart zuwandten, schlug Feiningers Herz für die Architektur des Mittelalters und der Renaissance, weshalb er bevorzugt Kirchen malte, die bei ihm wie riesige Kathedralen wirken. Wie die Menschen dabei von der Monumentalität der Bauten zu winzigen schematisierten Gestalten degradiert werden, hat einen durchaus unangenehmen Beigeschmack. Umso schöner, dass man in der Frankfurter Ausstellung vereinzelte Entdeckungen machen kann und Fotografien gezeigt werden, die bisher kaum bekannt waren. Anders als seine Kollegen am Bauhaus, wo er als Meister lehrte, wollte Feininger zunächst nichts wissen von der damals neumodischen Technik der Fotografie. Seine beiden fotobegeisterten Söhne waren es, die ihn schließlich neugierig machten, sodass er fortan bei seinen nächtlichen Streifzügen durch Dessau die Kamera mitnahm und die kunstvollen Lichtreflexionen bei Schnee, Regen und Nebel festhielt.
In der Schirn kann man Entdeckungen machen
An die 20 000 Fotos hat er hinterlassen – und besonders schön ist ein Gemälde, das deutlich von einem dieser Fotos inspiriert ist: Die „Beleuchtete Häuserzeile“ von 1932 zeigt eine Wohnsiedlung am Abend, bei der nur durch einzelne Fenster Licht dringt und für aufregende Effekte sorgt. Motiv wie auch die Umsetzung sind beeindruckend modern.
In New York malt er Hochhäuser statt Kirchen
Die in Prismen zerlegten Bauten und Kirchen, die zu seinem Markenzeichen wurden, das bis heute an ihm festklebt, führten aus künstlerischer Sicht dagegen in eine Sackgasse. Diese in die Höhe wachsenden Straßenschluchten boten wenig Entwicklungspotenzial. 1937 kehrte er nach New York zurück, weil sein Werk in Deutschland als entartet diffamiert wurde. Auch hier malte er wieder Straßenschluchten, jetzt sind diese von Hochhäusern flankiert. New York, frohlockte er, sei „ein wundervoller Ort“, seine bisherigen Motive wirkten daneben „flach und abgedroschen“. Von der prismatischen Zerlegung hat er sich längst verabschiedet, wirklich überzeugende neue malerische Ansätze findet er aber nicht mehr.
So kann man sich noch an Strand- und Seebildern ergötzen, denen in der Schirn ein Kapitel gewidmet wird, oder nettes Holzspielzeug entdecken, das er schnitzte. Feiniger, der 1956 in New York starb, hinterließ ein Werk mit Widersprüchen und Brüchen, das in der Frankfurter Ausstellung obendrein etwas wirr präsentiert wird. Mal wird eine Technik, mal ein Thema, dann wieder Stilistisches ins Visier genommen, letztlich bleibt die Figur Feininger in der Fülle des Materials nicht richtig greifbar.
Ein Amerikaner in Deutschland
Person
Nachdem Lyonel Feininger seine Eltern auf Konzertreise in Europa begleitet hatte, zog er schließlich nach Deutschland. Von 1893 an war er in Berlin als Karikaturist tätig. Als er mit der Malerei begann, hatte er schnell Erfolg und wurde 1919 zur Gründung des Staatlichen Bauhauses als erster Bauhaus-Meister von Walter Gropius nach Weimar berufen.
Ausstellung
„Lyonel Feininger. Retrospektive“. Schirn Kunsthalle Frankfurt. Bis 18. Februar, geöffnet Di – So 10 bis 19 Uhr, Mi, Do bis 22 Uhr.