Marianne Schumann (Zweite von rechts) mit Eltern und Geschwistern an Weihnachten 1954.Foto: Privat Foto: Schwarzwälder Bote

Heimatgeschichte: Erinnerungsstücke von Marianne Schumann / Nach vielen Wirrungen schließlich im Schwarzwald gelandet

Aus dem Umfeld des Historischen Vereins Schiltach/Schenkenzell gibt es ein spannendes Zeitzeugengespräch mit Marianne Schumann, geborene Kanning.

Schiltach/Lauterbach. Sie erinnert sich an ihre Flucht gegen Ende des Zweiten Weltkriegs als Fünfjährige aus Königsberg in Ostpreußen. Ohne je in ihre alte Heimat zurückgekehrt zu sein oder Fotos von ihrer Flucht zu haben, kann sie ihre Erlebnisse heute noch teilen. Inseln ihrer Vergangenheit über die Flucht, sollen an dieser Stelle erzählt werden. Es sind Erlebnisse, welche besonders in Marianne Schumanns Gedächtnis verhaftet sind.

Flucht aus Königsberg

Alle Habseligkeiten in einen Holzkoffer gepackt, wollte Marianne Schumann mit ihrer Familie, bestehend aus Großmutter, Mutter und ihrem Bruder, die Flucht mit dem Schiff antreten. Ihren Koffer hatten sie bereits an Bord, als ihre Großmutter bemerkte, dass der gemeinsame Vogel auf dem Sammelplatz vergessen wurde. Nachdem sich die Mutter vergewissert hatte, dass es bis zum Ablegen des Schiffes noch zwei Stunden dauern würde, machte sich die Familie auf die Suche nach ihrem Haustier. Lange suchten sie, zu lange, denn mit dem Vogel in der Hand sahen sie nur noch, wie ihre Fluchtmöglichkeit mitsamt dem Koffer ohne sie in See stach: "Unser Holzkoffer drauf, und wir standen da."

Nachdem zunächst das NS-Regime die Flucht der Zivilbevölkerung verhinderte, ordnete sie am 23. Januar 1945 die Evakuierung Ostpreußens an. Der Bevölkerung, die vor dem Krieg 2,4 Millionen betrug, wurde von der vorrückenden Sowjetarmee die Landverbindung ins westliche Reichsgebiet abgeschnitten. Die Flucht sollte geschätzt 300 0000 Zivilisten das Leben kosten.

Das zugefrorene Haff

Aus der langen Flucht nach Westen im kalten Winter sind es einzelne Erlebnisse, welche in der Erinnerung von Marianne Schumann aufblitzen. Nachdem die Überfahrt mit dem Schiff nicht gelungen war, sattelte die Familie um und fuhr mit Pferdekutschen über das zugefrorene Haff. Nachdem die Landverbindung unterbrochen war, erfolgte die Flucht auf dem Seeweg.

Der Seehafen von Königsberg, Pillau, war ein Ausfalltor. Viele Menschen flüchteten unter großen Gefahren über das Haff und die Frische Nehrung, eine schmale Landzunge, nach Danzig, um in Gotenhafen und anderen Küstenorten auf Schiffe zu steigen. Von dort brachen viele Schiffe nach Schleswig-Holstein oder auch Kopenhagen auf.

Die Versenkungen der "Wilhelm Gustloff" oder der "Goya" durch Torpedobeschuss alleine kosteten etwa 15 000 Menschenleben.

Umgestiegen sind sie später auf einen Zug. Im Viehanhänger war das Ziel Sachsen. Die Erinnerung eines Überfalls im Zug wird geweckt, der Versuch, der Mutter, die Finger abzuschneiden, wegen des Eherings.

Wiedersehen mit Vater

Im Februar 1945 erfolgten auf Dresden die schwersten Luftangriffe auf eine Stadt im Zweiten Weltkrieg. War die Stadt zuvor von Luftangriffen weitgehend verschont geblieben, warfen britische Bomber 650 000 Brandbomben über der Stadt ab. Ein Feuersturm zerstörte 80 000 Wohnungen. In den anschließenden zwei Tagen folgten weitere Angriffe von amerikanischen Bombern. Im mit Flüchtlingen überfüllten Dresden starben bis zu 25 000 Menschen in Folge der Bombardierungen.

Die Mutter hatte Nachricht darüber erhalten, dass Mariannes Schumanns Vater im Lazarett in Dresden liege. Zu zweit machten sie sich auf den Weg in die Kaserne. Sie sahen dort den Vater, er hatte einen Fuß verloren. "In dem Moment ist die Sirene losgegangen […], Fliegeralarm".

Sie gingen in Richtung Bahnhof, suchten jedoch nicht dort Schutz, sondern in einem Gewässer in der Nähe. Besonders der Phosphor ist in Marianne Schumanns Erinnerung geblieben. "Bomben sind geflogen und unten ist das Phosphor gelaufen, meine Mama hat mich […] als Kind immer so hochgelupft, damit ich nicht in den Phosphor reintrete".

Sie mussten Dresden ohne ihren Vater wieder verlassen. Als Marianne ihren Vater das erste Mal nach dem Krieg wiedersah, erkannte sie ihn nicht sofort. Sie spielte an ihrem derzeitigen Wohnort Demitz-Thumitz vor der Haustür. "Da steht ein Mann mit einem Fuß und zwei Krücken, ein Soldat, vor mir." Er fragte, ob sie Marianne hieße. Nachdem sie dies bejahte, sollte sie ins Haus gehen und ihre Mutter holen. "Dann ist meine Mama rausgekommen, schreit laut los, ›Ja Walter!‹ und umarmt ihn, lässt ihn los und sagt zu mir: ›Marianne, das ist dein Papa‹". Ihr Vater wurde entlassen und durfte bei seiner Familie bleiben. In Demitz-Thumitz wohnten sie gemeinsam noch einige Zeit, bevor sie nach Erfurt weiterzogen.

Das Leben in Erfurt

Die Familie Kanning lebte in Erfurt für wenige Monate in einer ehemaligen Kaserne, bevor sie in eine Wohnung zog. Diese wurde für mehrere Jahre ihr Zuhause. Ihre Großmutter verstarb, konnte aber nicht würdevoll bestattet werden. Mit ihrem Vater machte sie sich auf die Suche nach Arbeit. Marianne lernte Schuhstepperin in einer Schuhfabrik, bevor sie Erfurt wieder verließ.

Eine letzte Flucht

Der Gedanke der Eltern war, eine bessere Zukunft für die Kinder zu gewährleisten, weshalb sie aus der nun entstandenen DDR flüchteten. Die Mutter ging mit den drei jüngeren Kindern zuerst. Mit ihrem älteren Bruder und dem Vater warteten sie auf eine Meldung der Mutter. "Die ist durchgekommen und hat uns geschrieben, dass sie in Berlin-Marienfelde ist und wir sollen gucken, wann es am geschicktesten ist".

Aus Ostberlin gingen sie in der Nacht zu einem Bahnhof, um auf das Kommando des Vaters über das Gleis in den Westen zu springen. Sie gelangten in das Auffanglager Berlin-Marienfelde und wurden von dort aus in den Süden Deutschlands verteilt.

Die sowjetische Besatzungszone (SBZ) trug mit 25 Prozent im Verhältnis zur Bevölkerung relativ die größte Last bei der Aufnahme von Flüchtlingen zu und nach Kriegsende. In der frühen Nachkriegszeit war die Zonengrenze sehr durchlässig, was sich durch die Gründung der DDR 1949 und die Grenzschließung ab 1952 änderte. Es wurden durchgängige Grenzanlagen errichtet. Mit dem Mauerbau 1961 wurde die Flucht aus der DDR weiter erschwert.

Aufgrund der im Vergleich zum Westen zurückbleibenden wirtschaftlichen Entwicklung, politischen Repressionen und Versorgungskrisen begingen von 1949 bis 1961 2,8 Millionen DDR-Bürger Republikflucht. Ab 1953 existierte das Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde, über welches zwei Drittel der Republikflüchtigen eintrafen.

Heimat im Schwarzwald

Es dauerte sieben Jahre, bis Marianne Schumann eine neue Heimat im Schwarzwald gefunden hatte. Auch dort fing sie schnell mit Arbeiten an. In St. Blasien bediente sie und in St. Georgen verdiente sie Geld in einer Plattenspielerfabrik. Erst musste sie von Donaueschingen dorthin pendeln, bis die Familie nach St. Georgen zog. 1957 lernte Marianne Schumann bei einem Tanz in Lauterbach ihren künftigen Ehemann Karl Schumann kennen. Nach dreijähriger Partnerschaft heirateten sie 1960 und gründeten eine Familie.

Marianne Schumann, geboren 10. April 1939, in Königsberg, zog am Ende ihrer Flucht mit der Familie nach St. Georgen, wobei zuvor Stationen in Altenstadt, Raststatt, St. Blasien, und Donaueschingen zu nennen sind.

Viele Jahre bediente sie in Gasthäusern und arbeitete bei der Firma Junghans, bis sie mit ihrem Ehemann das Wirtshaus "Heuwies" erst pachtete und anschließend 1986 kaufte. Seitdem lebt die Familie Schumann auf der Heuwies in Schiltach. Ihre Tochter Angelika Bäuerle übernahm 2013 die Gaststube und führt sie weiter.

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