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Schiltach Lehrerverse bleiben im Gedächtnis

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Georg Ruckelshausen hinter dem Lehrerpult, um 1940Foto: Stadtarchiv Foto: Schwarzwälder Bote

Wenn es in der alten Volksschule oft vielstimmig jubilierte, dann war "der Lehrer Ruckelshausen" am Werk: Nach immer derselben Melodie, dem "Schiltacher Schuljubel" ließ er selbstgedichtete, pädagogisch wertvolle Verse schmettern, die im Gedächtnis blieben.

Schiltach. So setzten sich Sprüche wie "Nur nicht mit der Nase schreiben, sondern immer aufrecht bleiben" und "Lese immer laut und deutlich, der geneigte Hörer freut sich" bei den Schülern fest.

1920 kam Ruckelshausen im Alter von 37 Jahren aus Nordbaden nach Schiltach. Ein Jahr später war er "Oberlehrer" und machte bald von sich reden: Erstmals setzte er "Lichtbilder" und Filme ein und hielt Vorträge für die "Freunde der Natur, des Wissens und der Kunst". Ungewohnt war auch, dass er sich mit den Schülern "außerunterrichtlich" beschäftigte: Er organisierte Skitouren zum Fohrenbühl, ließ sie Modellflugzeuge bauen, Wanderwege anlegen, den Stadtgarten pflegen, am Häberlesberg eine schwefelhaltige Heilquelle fassen.

Ruckelshausen war ein großer Schmetterlingssammler, vor der Klassentür hing eine Tafel mit aufgespießten Exemplaren. Seine Strafen waren "Kopfnüsse", nach dem Motto: "Der Kerl muss seine Hibbe haben." Mit den Abschlussklassen machte er dreitägige Fahrten an den Bodensee, doch blieben die daheim, die zu viele "Zeichen" (Strafarbeiten) gesammelt hatten. Den anderen bezahlte er Fahrt und Jugendherberge aus eigener Tasche.

Die Schüler nannten ihn "Bodel", nach Pastor Friedrich von Bodelschwingh, den er als Vorbild pries. Tätig als Wanderführer, machte er 1931 eine Ausstellung über Naturdenkmäler im Kinzigtal, darunter die Lehengerichter Welschfelsen. Damals drehte er auch den beliebten "Schiltachfilm".

Stets in Parteiuniform

Politisch war er Mitglied der "Deutschen Demokraten" und des republiktreuen Reichsbanners, das sich im März 1933 auflösen musste. Im April verließ Ruckelshausen die DDP, weil es "für Beamte gegenwärtig ratsam ist, Neutralität zu üben". Im Mai war er dann schon Mitglied der NSDAP. Keine Frage: Er richtete sich im "Dritten Reich" ein und zeigte sich, so das Urteil der braunen Funktionäre, "aufbauwillig".

Dies bewies er auch, als er in Schiltach die nazifreundlichen "Deutschen Christen" begründete. In der Schule trug er, so Zeitzeugen, "fast immer Partei-Uniform und brachte den Arm nicht hoch genug": "Morgens strammstehen und ›Heil Hitler‹ brüllen war Pflicht. Ein Schweizer Junge, der sich weigerte, musste deshalb viel leiden."

Ein Mädchen, die ob des Soldatentods ihres Bruders weinte, schalt er "eine dumme Kuh" – für ihn war er "ein deutscher Held, der sich für das Vaterland opferte". Ansonsten galt er als "Naturmensch", der mit Botanisiertrommel und Schmetterlingsnetz unterwegs war. In der NS-Ortsgruppe "politischer Leiter", geriet er auch ins Visier des Systems: Die Gestapo verwarnte ihn, weil er nach dem Fiasko in Stalingrad 1943 die Parteiuniform abgelegt hatte.

Dennoch war seine Nähe zum Nationalsozialismus zu groß, als dass er nach 1945 hätte Lehrer bleiben können. Vor dem Urteil, dass er "seine Ämter nazistisch ausübte" und "im Unterricht nazistische Propaganda betrieb", verblassten Verdienste und Spenden, die er – zeitlebens unverheiratet – der Schule gemacht hatte: Filmgeräte, Projektoren, Fotoapparat, Mikroskop, Radio, Fernrohr, Gesteinssammlung, Chemikalien, Bücher, Wanderausrüstung und 20 Paar Ski. Wohl hinterließ er auch die Farbdias der frühen 1940er-Jahre, die kürzlich im Museum am Markt zu sehen waren.

Er wurde aus dem Schuldienst entlassen, mit gekürztem Ruhegehalt, wogegen er ankämpfte, bevor er, verbittert, 1950 Schiltach verließ und in seine Heimat Ladenburg zog. 76-jährig verstarb er 1959 – ein Lehrerleben zwischen Idealismus und Verstrickung.

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