Die Nobelfamilie des Oberst (Lukas Berger, von links) mit Gattin (Ramona Haenel), Tochter (Colleen Sever) und Schwiegersohn (Steve Jaburek) ist misstrauisch gegenüber Gast Beckmann. Fotos: Herzog Foto: Schwarzwälder Bote

Theater: Karlsruher Studenten bringen eindrückliches Nachkriegsdrama auf die Bühne des Pater-Huber-Saals

Theater im Pfarrer-Huber-Saal einmal anders: Die Besucher hatten wahrlich nichts zu lachen, waren aber von der Leistung der Darsteller des Nachkriegsdramas "Draußen vor der Tür" höchst beeindruckt.

Schiltach. Der evangelischen und katholischen Kirchengemeinde war es in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Schiltach erstmals gelungen, das Geistsoz-Theater der Hochschule Karlsruhe, bei dem auch die Schiltacherin Patricia Schillinger mitwirkt, in die Flößerstadt zu holen.

Einführend informierte Stadtarchivar Andreas Morgenstern darüber, dass Autor Wolfgang Borchert das Drama 1946 mit dem Untertitel "Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will" geschrieben habe. Da sei er von den Folgen des Kriegs schon schwer krank gewesen und habe die Uraufführung im Februar 1947 nicht mehr erleben können. Das Drama sei eines der meist gespielten Stücke in der deutschen Nachkriegszeit gewesen, sagte Morgenstern.

Die 15 Theater-Akteure brillierten unter der Regie von Désirée Iwanicka und Jessica Lebherz mit gestenreicher Mimik und unglaublicher Textsicherheit, insbesondere Stefan Kordas in der Rolle des Beckmann.

Letzterer muss nach drei schlimmen Kriegsjahren in Sibirien mit gebrochener Seele, kaputter Kniescheibe und steifem Bein bei der Rückkehr in seine Heimatstadt Hamburg feststellen, dass er nicht mehr derjenige ist, der er einmal war. Er ist ein Fremder in einer ihm fremd gewordenen Heimat.

Beim Versuch, sich wieder in der von Not und Hunger gezeichneten Gesellschaft, in der über das Vergangene geschwiegen und die Wahrheit verdrängt wird, zurechtzufinden, scheitert er jäh. Der "Andere", das letzte kleine Stück Hoffnung des eigenen Ichs, ist ein ständiger Begleiter. An Gott glaubt er nicht mehr. Der hat genug mit sich selber zu tun, da dessen Kinder (Menschen) sich von ihm abwenden.

Von dem "Anderen" wird Beckmann immer wieder nach einem weiteren Schicksalsschlag aufgefordert, nicht zu träumen, aufzuwachen und die Straße des Lebens zu gehen. Seine Frau erkennt ihn nicht mehr, an ihrer Seite lebt bereits ein anderer, fremder Mann. Seinen Sohn, als Einjähriger in den Trümmern ums Leben gekommen, lernt er nicht mehr kennen. Damit steht Beckmann mit alberner Gasmaskenbrille und Stoppelfrisur in der Kälte "Draußen vor der Tür" und wirft sich in die Fluten der Elbe.

Er wird jedoch an Land gespült. Die Elbejungfrau schimpft ihn einen Feigling. Eine junge vorbeikommende Frau bietet ihm an, zu ihr nach Hause zu gehen, um trockene Kleider anzuziehen. Dort taucht plötzlich deren einbeiniger Mann auf und wieder steht Beckmann draußen vor der Tür. Nicht anders ergeht es ihm, als er seinen Oberst und dessen Nobelfamilie aufsucht und diesen für den Tod von 20 000 Soldaten zur Rechenschaft ziehen will. Beckmann wird verhöhnt und verspottet und als überzeugender Schauspieler betitelt, der sein Glück besser beim Kabarett suchen soll.

In der Not lässt er einen Laib Brot und eine Flasche Rum mitgehen. Aber auch beim Schauspiel-Direktor bekommt er als Anfänger nur die Chance zum Vorsingen und steht erneut draußen vor der Tür.

Auch ein letzter Versuch, bei seinen Eltern Glück und Geborgenheit zu finden, scheitert. Sie sind tot und in seinem Elternhaus wohnt längst jemand anders, eine Frau Kramer. Plötzlich fühlt Beckmann sich auf einer Bank sitzend im Himmel, in dem er wieder auf Gott trifft. Er wendet sich von ihm ab und wirft ihm vor, nicht dagewesen zu sein, als die Menschen ihn brauchten. Beckmann begegnet dem Tod, der sagt, für ihn immer eine Tür offen zu halten.

Sämtliche vorherige Begegnungen wiederholen sich wie in einem Kurzfilm und als alle verschwunden sind, auch der "Andere", ist Beckmanns trauriges Leben verhungert und erfroren zu Ende.

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