In Schiltach herrschte im Frühjahr 1934 der Gesinnungsterror, wie mehrere Ereignisse zeigen.
Im Mai 1934 staunten die Zeitungsleser nicht schlecht: Feierte die Regierung Hitler bisher nur „Erfolge“, so tönten die Schlagzeilen jetzt: „Kampf den Miesmachern, Kritikastern und Nörglern“ – wie, wenn es noch Menschen gäbe, die gegen die Nazis wären. Veranlasst von Minister Goebbels begann deutschlandweit ein Propagandafeldzug.
Grund war der Umschlag der Stimmung im Volk, das nach anfänglicher Begeisterung eher ernüchtert war. Auch im Kinzigtal gab es an 28 Orten Kundgebungen mit Parteirednern.
In Schiltach erschien Heinz Baumann, früherer evangelischer Pfarrer in Haslach, jetzt tätig im Propagandaministerium in Karlsruhe und vorgestellt als „unermüdlicher Kämpfer der NS-Bewegung“. Vor 500 Zuhörern im „Aberle“ (Saal und Garten) rechnete er ab mit „denen“, die „durch ihr reaktionäres Verhalten Sabotage am neuen Staate verüben“.
Zu ihnen zählte er auch „kirchliche Gruppierungen, deren Verhalten „energisch verurteilt werden müsse“. Baumann meinte die „Bekennende Kirche“ im Protestantismus, und wohl hatte er den Schiltacher Pfarrer Schropp im Visier, der dieser Richtung zuneigte.
Dann kam „sein großer Appell: Sich einzugliedern in die Gemeinschaft des Volksganzen und mit dem Führer sich für den Aufstieg des deutschen Volkes einzusetzen.“
Der politische Willen jedes Einzelnen müsse im Ganzen aufgehen, wenn nicht, sei man „ein schädliches Element“, gegen das „rücksichtslos“ vorgegangen werde. Hitler wolle „das Deutsche Reich der Freiheit, Größe und Herrlichkeit“, was „Dienst und Opfer“ von jedem verlange.
Versammlung im Pflug
In Vorderlehengericht war die Versammlung im „Pflug“. Es agitierten „Parteigenosse Stock“ (Wolfach) und Hauptlehrer Borel: Was „der Führer“ erreicht habe, sei „staunenswert“, nur „Menschen mit engem Horizont“ könnten dies nicht verstehen. „Unsere Aufgabe ist, diese Nörgler aufzuklären“, denn: „Wir haben kein Recht zu kritisieren, nur die Pflicht, uns einzugliedern und am Aufbau unseres Volkes und Vaterlandes mitzuarbeiten.“
Im „Löwen“ in Hinterlehengericht rechnete „Parteigenosse Hämmerle“ (Wolfach) mit den „Verrätern“ ab: „Entweder man ist deutsch, hat den festen Glauben an die Sendung unseres Führers und ist bereit, für ihn alles zu opfern, sogar das Leben“, oder „man ist gegen alles Deutsche und nörgelt als echter Spießer“. Erstere bilden Hämmerle zufolge das deutsche Volk, letztere seien „Schädlinge am Volkskörper“, gegen die „alle Mittel eingesetzt werden“. „Reicher Beifall für die zu Herzen gehenden Ausführungen des Redners“ beendete auch hier die Versammlung.
Viele mögen zufrieden heimgegangen sein. Andere, die 1932/33 die „braune Partei“ aus Frust über die Verhältnisse gewählt hatten, sahen sich jetzt ihr ausgeliefert: Die politische Freiheit war dahin, es gab nur noch bedingungslose Gefolgschaft. Wer dagegen redete oder handelte, fand sich ausgeschlossen, bis zur strafrechtlichen Verfolgung, mit der unverblümt gedroht wurde.
Schlusspunkt dieser „Miesmacher-Aktion“ war das „Heimtücke-Gesetz“ im Dezember 1934. Es stellte kritische Äußerungen unter Strafe und erzeugte allgemeine Furcht vor Denunziation und Verhaftung: Politischer Gesinnungsterror, der radikal durchgesetzt wurde. Ein erstes Todesurteil erlitt 1935 Rudolf Claus aus Braunschweig, der sich nicht einordnen wollte und als Kommunist in der „Roten Hilfe“ tätig war. Heute gilt er, geehrt mit einem Stolperstein, als „Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus“.