Sonja Balodis „Erfolg misst sich nicht in Arbeitsstunden“ – die Tipps der Schiesser-Chefin
Schiesser-CEO Sonja Balodis erzählt im Interview von ihrem Weg vom Schneideratelier bis an die Unternehmensspitze und gibt wertvolle Tipps für die eigene Karriere.
Vom Schneideratelier ins Chefbüro: Sonja Balodis hat einen ungewöhnlichen Weg an die Spitze der Traditionsmarke Schiesser zurückgelegt. Seit März 2025 leitet sie das Unternehmen mit Sitz in Radolfzell, bekannt vor allem für seine weißen Feinripp-Unterhemden. Warum ihre klassische Ausbildung zur Schneiderin bis heute ihr Führungsverhalten prägt – und was die 59-Jährige jungen Menschen mit Karriereambitionen rät.
Sie haben nach dem Abitur eine Schneiderlehre begonnen. Heute stehen Sie als CEO an der Spitze der Modemarke Schiesser – ein ungewöhnlicher Weg. Wie kam es dazu?
Nach dem Abitur war für mich klar, dass ich studieren möchte – aber zuerst wollte ich eine Ausbildung machen. Nach einem Jahr als Au-pair in Südfrankreich habe ich mit 20 meine Schneiderlehre begonnen. Anschließend studierte ich Bekleidungstechnik an der Fachhochschule Niederrhein. Ich wollte das Handwerk wirklich von der Pike auf verstehen. Diese Grundlagen haben mir in allen weiteren Karriereschritten sehr geholfen und prägen bis heute meinen Blick fürs große Ganze.
Können Sie ein Beispiel nennen, wie Ihnen Ihre Ausbildung heute im Alltag noch hilft?
Meine Ausbildung hat mir ein feines Gespür für Stoffe, Haptik und Passformen vermittelt. Für mich ist es immer wichtig, bei der Umsetzung bis hin zum fertigen Produkt darauf zu achten, dass Menschen sich darin wohlfühlen – nichts, das ständig hochrutscht oder unbequem sitzt. Ich könnte stundenlang über Hosen und Schnitte sprechen.
Sie haben in den vergangenen Jahren eine beeindruckende Karriere hingelegt: Produktmanagement, Geschäftsführerin, heute CEO – bei verschiedenen Marken und Unternehmen. Was treibt Sie an?
Das kommt aus meiner Grundhaltung heraus, etwas bewegen und verbessern zu wollen – immer mit dem Blick für das große Ganze. Ich habe eine starke intrinsische Motivation, Dinge zu gestalten. Schon in meiner Schneiderlehre war das so: 21 Auszubildende hatten sich beworben, drei durften ins Atelier – ich war eine davon. Das hat mich geprägt und angespornt. Mich motiviert bis heute, die Extrameile zu gehen.
In der eigenen beruflichen Karriere mal Überstunden machen und sich besonders anzustrengen, das machen bestimmt viele in ihrem Job. Aber die wenigsten kommen bis an die Spitze eines Unternehmens. Was ist aus Ihrer Sicht zentral?
Erfolg misst sich für mich nicht in Arbeitsstunden, sondern darin, unternehmerisch zu denken. Ich schaue nicht nur auf meinen Bereich, sondern frage stets: Wo können wir Prozesse verbessern, Hebel für Wachstum nutzen und Chancen ergreifen? Ich habe Dinge angeschoben, die einen absoluten Mehrwert fürs Unternehmen dargestellt haben – neue Produkte entwickelt, Abläufe optimiert und strategische Verbindungen aufgebaut, die nachhaltig Wirkung zeigten. So durfte ich Schritt für Schritt mehr Verantwortung übernehmen.
Gibt es einen zentralen Tipp, den Sie Menschen mitgeben können, die große berufliche Ziele haben?
Es hängt viel von der eigenen Haltung ab. Mein Rat: Komme immer mit einer Lösung. Wenn Du merkst, dass etwas im Unternehmen nicht funktioniert, sprich nicht nur das Problem an, sondern komme gleichzeitig mit einer konkreten Lösung. So zeigen man Initiative – das wird sehr geschätzt und eröffnet Chancen.
Frauen in Führungspositionen sind nach wie vor eher die Ausnahme. Woran liegt das, und wie können Frauen diese Hürden überwinden?
Frauen werden oft anders wahrgenommen als Männer, auch weil Führungsstile unterschiedlich bewertet werden. Wichtig ist, dass du immer bei dir selbst bleibst und deinen eigenen Stil findest. Ich habe den Eindruck, viele Frauen könnten beim Netzwerken und beim Finden von Vorbildern noch aktiver sein. Dabei gilt: nicht nur Frauen-Netzwerke nutzen, sondern offene, gemischte Netzwerke aufbauen. Offenheit, Neugier und die Bereitschaft, sich selbst keine Grenzen zu setzen, sind entscheidend.