Im Schienennetz des vereinten Europas klaffen auch 80 Jahre nach dem Krieg zahlreiche Lücken. Nur ein Bruchteil von 51 grenzüberschreitenden Wunschprojekten ist bisher realisiert.
Missing Links – unter diesem Stichwort ließ die Europäische Kommission vor sieben Jahren untersuchen, wo es beim grenzüberschreitenden Schienenverkehr in Europa am meisten hakt. Die umfangreiche Studie listete damals 51 Zugstrecken zwischen EU-Ländern auf, bei denen eine Reaktivierung sinnvoll sein könnte, für verbesserte Mobilität ebenso wie für mehr Klimaschutz. Doch was ist daraus geworden?
Winfried Hermann wollte es genau wissen. Deshalb hat der Verkehrsminister Baden-Württembergs den Stand der Projekte untersuchen lassen. Das wichtige Thema bewegt den Grünen-Politiker seit langem: „Es ist schon verrückt, dass Bahnverbindungen, die einst zwischen den verfeindeten Ländern Deutschland und Frankreich oder Polen existierten und am Ende des Krieges zerstört wurden, 80 Jahre nach Kriegsende im gemeinsamen Europa immer noch nicht wieder aufgebaut sind.“
Die Ergebnisse der Zwischenbilanz seines Ministeriums liegen unserer Redaktion exklusiv vor und sind eher ernüchternd. Nur bei elf der 51 Projekte, die 2018 gelistet wurden, gibt es demnach inzwischen eine aktive grenzüberschreitende Zugverbindung. Bei 15 Lücken im Bahnnetz sind zumindest konkrete politische Bemühungen und teils Studien vorhanden, um die Projekte zu realisieren. Zu elf weiteren Missing Links gibt es zwar Gespräche, aber nichts Konkretes. Und bei den restlichen 14 fehlenden Angeboten hat sich seit 2018 so gut wie nichts getan.
Hermann mahnt daher mehr Tempo bei den Verantwortlichen an: „Grenzüberschreitende Bahnverbindungen sind im gemeinsamen Europa überfällig.“ Wenn Schienenverbindungen fehlen, bleibe Menschen in Grenzregionen oft nur die Nutzung des Autos. Bessere Bahnanschlüsse brächten auch „ein Plus beim Klimaschutz“.
Deutschland hat Lücken geschlossen
Die Bundesrepublik hat immerhin einige Verbindungen in Nachbarländer verbessert, die lange Zeit unterbrochen waren. Ein positives Beispiel ist der Regionalexpress zwischen Deutschland und den Niederlanden, der RE18 verbindet inzwischen Aachen und Maastricht. Richtung Frankreich gibt es mittlerweile zumindest am Wochenende auch eine Zugverbindung zwischen Trier und Thionville sowie Metz, die mit neuen Zügen bald auch wochentags angeboten werden soll.
Im vierten Jahrzehnt nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in Europa haben sich auch die Schienenverbindungen gen Osten verbessert. Zwischen Guben an der Oder und Czerwieńsk/Zielona Góra in Polen wurde eine weitere Lücke geschlossen. Dort fährt mittlerweile die Regionalbahn RB92, Pendler und Reisende können fünf Züge pro Wochentag und zwei am Wochenende nutzen.
Die EU-Liste der Missing Links wurde damals von den jeweils zuständigen nationalen Behörden bewertet. Von den vielen „eher positiv” eingestuften Projekten wurden bisher allerdings lediglich sechs umgesetzt und Lücken im Bahnnetz geschlossen. So werden Maubeuge in Frankreich und Charleroi in Belgien mittlerweile durch einen Regionalzug (TER) verbunden. Ebenso fahren inzwischen täglich zwei Züge zwischen dem slowenischen Ilirska Bistrica und Šapjane sowie Rijeka in Kroatien. Auch zwischen Deutschkreutz in Österreich und Sopron in Ungarn sind nun halbstündlich Regionalzüge (REX 6 und 93) unterwegs. Seit Februar verkehren zudem Passagierzüge zwischen Gorizia in Italien und Nova Gorica in Slowenien, Europas Kulturhauptstadt 2025.
15 Projekte mit Chance auf Umsetzung
Bei 15 weiteren Projekten der EU-Studie sei zudem „ein klares politisches Engagement und eine fortlaufende Machbarkeits- oder Bauplanung“ zu verzeichnen, bilanziert das Ministerium. Nur neun davon wurden zuvor von nationalen Behörden als eher positiv eingeschätzt, es wurden also zusätzliche Vorhaben angepackt. Als gutes Beispiel wird das grenzüberschreitende Abkommen für die Verbindung zwischen Charleville-Mézières und Givet in Frankreich sowie Dinant in Belgien genannt, das 2021 unterzeichnet wurde.
Wenig konkrete Fortschritte gibt es seit der EU-Studie bei elf dort genannten Projekten, über die lediglich weiter politisch debattiert wird. Drei davon wurden als positiv bewertet, kommen aber dennoch ebenfalls kaum voran. So liegen zum Lückenschluss zwischen Saint-Maurice in der Schweiz und Évian-les-Bains in Frankreich zwar fortgeschrittene Studien vor und es gebe grenzüberschreitendes Interesse, es fehle aber eine Finanzierungszusage seitens der Region Auvergne–Rhône-Alpes.
So gut wie keine sichtbaren Fortschritte gibt es schließlich bei 14 Projekten, von denen auch nur zwei von nationalen Behörden als „eher positiv“ bewertet wurden. Dazu gehört die Verbindung zwischen Rosenbach und Österreich und Jesenice in Slowenien. Der Regionalverkehr bleibe dort eingestellt, der 2021 modernisierte Karawankentunnel werde nur von internationalen Hochgeschwindigkeitszügen und Gütertransporten genutzt.
Hermann schlägt neue EU-Initiative vor
Das Verkehrsministerium in Stuttgart kritisiert, dass nach der EU-Studie zu wenig getan wurde: „Unserer Ansicht nach hätte die Identifizierung der vielversprechendsten Projekte durch koordinierte Unterstützung und Fortschrittskontrollen der Kommission ergänzt werden müssen. Darüber hinaus hätte ein Finanzierungsprojekt zur Reaktivierung dieser Strecken und zur Stärkung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit folgen müssen.“
Winfried Hermann schlägt daher eine erneute Initiative der Kommission vor, um nötige Impulse für die Umsetzung weiterer Lückenschlüsse über Grenzen hinweg zu geben: „Ich lade unsere europäischen Partner ein, diesen Weg gemeinsam zu gehen. Jede reaktivierte Strecke bringt uns einer vernetzten, nachhaltigen Mobilität ein Stück näher.“ So werde neben der regionalen Wirtschaft auch der Zusammenhalt gestärkt: „Europa wird buchstäblich erfahrbar.“