Siemens liefert nicht nur Züge, Güterloks und moderne Infrastruktur nach Ägypten, sondern übernimmt auch 15 Jahre lang die Wartung. Foto: dpa/Sebastian Kahnert

Der Siemens-Konzern hat den größten Auftrag seiner Geschichte abgeschlossen. Der Konzern hat mit Ägypten einen Vertrag über den Bau eines 2000 Kilometer langen Bahnsystems geschlossen – für 8,1 Milliarden Euro.

Der Siemens-Konzern hat den größten Auftrag seiner Geschichte abgeschlossen und wird für 8,1 Milliarden Euro in Ägypten das weltweit sechstgrößte Bahnhochgeschwindigkeitsnetz mit einer Länge von 2000 Kilometern errichten. Unter anderem liefert der Münchner Konzern 135 Züge und 41 Güterloks, moderne Infrastruktur und übernimmt die Wartung für 15 Jahre. Das gab Siemens jetzt bekannt.

 

Die erste Phase des Megageschäfts wurde im September 2021 abgeschlossen, der Anteil von Siemens im Konsortium hat sich nun auf 8,1 Milliarden Euro exakt verdreifacht. Das dreiteilige Projekt soll 60 Städte des Wüstenstaates mit bis zu Tempo 230 verbinden. Dazu gehört eine 660 km lange Strecke von Ain Sokhna am Roten Meer zu den Hafenstädten Marsa Matrouh und Alexandria am Mittelmeer, genannt „Suezkanal auf Schienen“.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Schleppende Elektrifizierung

Teil zwei und drei, die nun vereinbart wurden, sind 1100-km-Highspeed-Strecken von der Hauptstadt Kairo gen Süden nach Abu Simbel im Niltal nahe der Grenze zum Sudan sowie 225 km quer durch die Wüste zwischen den Tourismuszentren Luxor am Nil und Hurghada am Roten Meer. Zudem soll der Gütertransport vom Hafen Safaga am Roten Meer ins Landesinnere effizienter gemacht werden. Die Projekte sollen 40 000 Arbeitsplätze vor Ort schaffen, 500 Millionen Bahnfahrten pro Jahr ermöglichen und die CO2-Emissionen um 70 Prozent senken gegenüber dem bestehenden Bus- und Autoverkehr.

Am Vertragsabschluss nahmen nach Siemens-Angaben Ägyptens Präsident und Militärmachthaber Abdel Fattah al-Sisi und Premierminister Mustafa Madbuli teil. Bundeskanzler Olaf Scholz habe eine Videobotschaft geschickt. Der Vertrag mit der nationalen ägyptischen Tunnelbehörde NAT wurde von Kamel al-Wazir, dem Verkehrsminister Ägyptens, und Siemens-Chef Roland Busch unterzeichnet sowie den arabischen Partnern im Konsortium, Orascom Construction und Arab Contractors.

Der Auftrag war lange Zeit hart umkämpft

Es sei „der größte Auftrag in der Geschichte von Siemens“, und er habe „historische Bedeutung“, betonte Busch nach der Unterzeichnung. Die erfolgreiche Sparte Siemens Mobility soll ein modernes, sicheres und integriertes Bahnsystem errichten und dafür unter anderem 41 achtteilige Velaro-Hochgeschwindigkeitszüge liefern, die auch die Plattform für den ICE 3 der Deutschen Bahn AG sind, der in Krefeld gebaut wird. Außerdem hat Ägypten 94 vierteilige Regionalzüge des Modells Desiro bestellt und 41 Vectron-Güterloks. Der Vertrag beinhaltet auch die Bahnstromversorgung, das Signalsystem ETCS Level 2, acht neue Betriebs- und Güterbahnhöfe sowie einen Wartungsvertrag über 15 Jahre.

Den Angaben zufolge sollen mit dem Großprojekt rund 90 Prozent der ägyptischen Bevölkerung an das Bahnnetz angeschlossen werden. Es sei „der Beginn einer neuen Ära für das Eisenbahnsystem in Ägypten, Afrika und im Nahen Osten“, erklärte Präsident Abdel Fattah al-Sisi. Das Konsortium hatte im Januar 2021 eine erste Absichtserklärung mit der staatlichen Behörde NAT (National Authority for Tunnels) unterzeichnet. Der Auftrag war lange hart umkämpft. Zunächst hatten Chinesen die Nase vorn, doch dann schwenkte Ägyptens Militärregierung um. Auch der französische Bahnkonzern Alstom, der mit dem einstigen Weltmarktführer Bombardier fusioniert hat, hoffte vergeblich auf den Zuschlag.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Bahn vergibt Milliardenauftrag

Ägypten ist stark vom Tourismus abhängig und erlebte wegen Terroranschlägen und zuletzt Corona immer wieder sehr heftige Rückschläge. Das Militärregime treibt nun neue Großprojekte voran, um die Wirtschaft und Infrastruktur zu modernisieren und nachhaltiger zu machen. So wird Kairo an die derzeit entstehenden neuen Ballungsräume angebunden. Die Bevölkerung der Metropole hat sich seit 1980 verdoppelt und inzwischen eine Größenordnung von 20 Millionen erreicht. Verkehrsstaus sind ein gewaltiges Problem, der Bau mehrerer Nahverkehrsbahnsysteme soll Linderung bringen und die Schadstoffbelastung senken.

Siemens Mobility ist einer der international führenden Anbieter von Hochgeschwindigkeitssystemen und nach eigenen Angaben seit den 1960er Jahren eines der führenden Unternehmen im ägyptischen Verkehrsmarkt. Das Unternehmen hat viele Bahnprojekte im Nahen Osten und in Afrika realisiert.