Mit Knut Kircher leitet der Chef der deutschen Elite-Referees die November-Schulung der Schiedsrichtergruppe Calw. Der 51-Jährige hat in Gültlingen einige Tipps parat.
So gut besucht war eine Schiedsrichterschulung im Gültlinger Sportheim noch nie. Sogar die Trennwand muss zur Seite geschoben werden, weil der Platz im eigentlichen Veranstaltungssaal einfach nicht ausreicht. Referent Knut Kircher, der seit 2024 Geschäftsführer der DFB Schiri GmbH und damit Chef der deutschen Elite-Referees ist, braucht dennoch kein Mikro, um sich bis in die hintersten Reihen Gehör zu verschaffen. Es reicht seine kräftige Stimme – und vor allem seine Ausstrahlung. „Das ist für mich ein Heimspiel. Ich wohne inzwischen nur zehn Kilometer von hier entfernt“, sagt Kircher zum Erstaunen der rund 120 Anwesenden, unter denen sich nicht nur Schiedsrichter, sondern auch Vertreter von Calwer Fußballvereinen befinden, die im Rahmen des Vereinsdialogs von der Schiedsrichtergruppe Calw eingeladen wurden.
Keine Überraschung also, dass Kircher zur Calwer Schiedsrichtergruppe – inzwischen die viertgrößte in Württemberg – ein besonders gutes Verhältnis hat und sich gerne bereiterklärte, die November-Schulung in Gültlingen zu leiten. „Viele bekannte Gesichter hier“, sagt der Chef-Schiri beim Blick in die Runde und ruft seinen Kollegen von der Basis zu: „Es ist ein Privileg, Entscheidungen treffen zu dürfen.“
Worte wie diese gibt Kircher in den kommenden zwei Stunden den Calwer Schiedsrichtern immer wieder mit auf den Weg. „Jeder von uns macht Fehler. Das ist normal“, zeigt er etwa auf. Wichtig sei aber, positive Energie aus den vielen richtigen Entscheidungen zu ziehen, die man trifft.
In Libyen fliegt ein Dolch
Besonders in seinen Bann zieht der 1,96 Meter große Hüne das Gültlinger Sportheim, wenn er von Erlebnissen seiner Karriere erzählt. Zum Beispiel vom Pokalfinale in Libyen, das er einmal leitete. Nach einer strittigen Abseitsentscheidung flog ein Dolch aufs Spielfeld. „Da hat die Einlasskontrolle nicht funktioniert“, merkt Kircher mit seinem trockenen Humor an. Oder von einer Gelben Karte, die er einmal Oliver Kahn gezeigt hat – mit den Worten: „Bitte nicht beißen.“
Nicht Hartliner sein
Besonders ermuntert der 51-Jährige die Calwer Schiedsrichter, Fingerspitzengefühl zu zeigen. Er erinnert an das Relegationsspiel von 2015 zwischen 1860 München und Holstein Kiel, das er leitete. Dass er dort dem Spieler Christoph Schindler die Faust auf die Brust drückte, sorgte damals für Diskussionen. „Er kam sehr öffentlichkeitswirksam auf mich zugestürmt. Da wollte ich etwas Öffentlichkeitswirksames entgegensetzen“, scherzt Kircher. Den vom 1860-Kapitän geforderten Elfmeter gab er allerdings nicht, denn gerade bei so einem Spiel sei es wichtig, die Balance zu halten und als Schiedsrichter nicht zu sehr im Mittelpunkt zu stehen – sonst sei das eigene Gesicht immer mit dem Abstieg des jeweiligen Vereins verbunden. „Man muss nicht immer Hartliner sein, aber man muss klar sein“, wirbt der deutsche Chef-Schiri in Gültlingen und vergleicht: „Trikot ausziehen, Gelbe Karte. Danach mit den Fans auf dem Zaun feiern, wieder Gelbe Karte und damit Gelb/Rot. Mach das mal in einem WM-Finale und stelle einen Nationalhelden wie Cristiano Ronaldo vom Platz. Dann kannst Du Portugal als Urlaubsland vergessen. Dann hängt Dein Foto an jedem Grenzübergang.“ Sein Credo: „Emotionen gehören zum Fußball, wenn sie nicht überpacen.“
Weizenbier in der Hand
Nicht nehmen ließ es sich Kircher, auch immer mal ein Amateur-Spiel in der Region zu pfeifen – etwa in Rohrdorf, wo der TSV Weitingen zu Gast war. Bei einer strittigen Situation suchte der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter instinktiv Blickkontakt zu seinem Assistenten. „Da stand aber nur ein Auswechselspieler. Nackter Oberkörper, Fahne unter dem Arm, Weizenbier in der Hand“, lacht Kircher und unterstreicht: „Ich beneide Euch nicht. Ihr leistet auf den Sportplätzen absolute Schwerstarbeit.“ Ganz wichtig sei, immer nah am Geschehen zu sein, denn: „Geringe Entfernung schafft Akzeptanz.“
Gemähtes Wiesle verlassen
Viel Persönliches ist von Kircher immer wieder in Gültlingen zu hören. Von seinen Söhnen, die in der Region Fußball spielen, weshalb auch er immer wieder auf den Sportplätzen anzutreffen ist. Von seinem früheren Job beim Daimler, wo er zuletzt Abteilungsleiter bei der Tuning-Sparte AMG war, ehe er Geschäftsführer der 2022 gegründeten DFB Schiri GmbH wurde. Warum er dieses „gemähte Wiesle“ mit sicherer Rente verlassen habe? „Man kann gestalten“, sagt der gebürtige Tübinger über seinen neuen Job, bei dem er unter anderem federführend die Schiedsrichter für jede Bundesliga-Partie einteilt.
Mit der DFB Schiri GmbH wollen DFB und DFL das Schiedsrichterwesen in Deutschland professionalisieren. Zu ihr gehören alle 150 Referees der ersten drei Ligen. Kircher verrät: Für das Bewältigen von Stresssituationen auf dem Feld werden sie inzwischen von Piloten geschult. „Fitness ist kein Thema. Fit sind die Schiedsrichter heute alle. Das war zu meiner Zeit und vor meiner Zeit noch anders“, sagt Kircher und macht deutlich: „Woran wir arbeiten müssen, ist Persönlichkeit, Kommunikation und Feldentscheidungen.“
Nach zwei Stunden endet in Gültlingen ein spannender Blick hinter die Kulissen des deutschen Profifußballs und seinen Schiedsrichtern. Eine Fragerunde noch, dann endet die bislang am besten besuchte Schulung der Schiedsrichtergruppe Calw. Schwer begeistert ist am Ende nicht nur Obmann Benjamin Haug. Er lobt Kircher: „Wenn man da vorne jemanden stehen hat, der so viel Autorität ausstrahlt, dann kommt das alles natürlich ganz anders rüber.“