Polina Rodionova aus der Ukraine war sportlich erfolgreich, der Traum von Olympia greifbare Realität. Der russische Angriff auf ihre Heimat zerstörte ihren Traum.
Die 30-jährige Frau stammt aus der ukrainischen Stadt Sumy, war früher Weltmeisterin im Bogenschießen, zählte somit zur absoluten Weltspitze im Bogenschießen. Vor Augen hatte sie als großes sportliches Ziel die Olympischen Spiele in Paris.
Der völkerrechtswidrige Überfall Russlands im Februar 2022 änderte alles und stellte das Leben der Spitzensportlerin, für die sich in den 20 Jahren zuvor im Grunde alles nur um das Bogenschießen drehte, komplett auf den Kopf, wie sich bei ihren Ausführungen zu Beginn des Frauengesprächs zeigte.
Bürgermeister Martin Ragg hatte Rodionova eingeladen und gebeten in der kommunalpolitischen Frauenrunde über ihr neues Leben in Deutschland zu berichten.
Seit März 2025 ist Rodionova, die in der Ukraine Internationales Business-Management und Sportwissenschaften studiert hat, beim Steinbeis Transferzentrum in Villingen-Schwenningen im Bereich der Wirtschaftsförderung tätig.
Seit März beim EGON-Team
Bekanntlich arbeiten die drei Gemeinden Niedereschach, Dauchingen und Deißlingen über die Existenzgründungsoffensive Neckar-Eschach (EGON) bei der Wirtschaftsförderung eng mit dem Steinbeis Transferzentrum zusammen.
Seit März gehört Rodionova zum EGON-Team und so kam auch der Kontakt zu Bürgermeister Martin Ragg und die Einladung zum Frauengespräch zustande. Ragg hat die junge Frau eingeladen, über ihre ganz persönlichen Erfahrungen seit Kriegsbeginn und über ihr neues Leben in Deutschland zu berichten.
Rodionova erledigte diesen Part in beeindruckender Weise und in deutscher Sprache, die sie in den vergangenen drei Jahren erlernt hat.
Lebensentwurf vernichtet
Bis zum Februar 2024 war ihre Welt noch in Ordnung. In Slowenien hatte sie bei der Hallen-EM mit der ukrainischen Mannschaft Gold geholt und bei ihrer Heimkehr nach Sumy, einen Tag vor Beginn des russischen Überfalls, dachte sie an vieles, nur eben nicht an Krieg.
Als dieser ausbrach, kamen sie und ihre Familie zwei Wochen lang nicht mehr aus der bis April von Russland besetzten Metropole im Nordosten der Ukraine heraus und die erfolgsverwöhnte Sportlerin fand sich plötzlich im schützenden Bunker wieder, um den schweren Bombardements zu entgehen.
Flucht über Polen
Es folgte die Flucht über Polen und von dort durch bestehende gute Kontakte aus der Bogensportszene nach Dauchingen, wo sich aus Sicht von Radionova auch die weltbeste Bogenschießanlage befindet. Damals standen bei der Sportlerin noch die sportlichen Ziele im Vordergrund. Doch das hat sich im Laufe der vergangenen drei Jahre geändert.
Seit den Schrecken in den Bunkern, hat sie für sich immer öfter den Sinn des Lebens hinterfragt und dabei festgestellt, dass es neben dem Sport auch Freude macht für andere da zu sein.
Weiterhin Bogensport
Sie betreibt zwar weiterhin ihren geliebten Bogensport doch ihre Beschäftigung bei Steinbeis und im Egon-Team wo auch bei Start-Ups hilft, soll der berufliche Start für ihre neues Leben in Deutschland sein und sie hofft, dass sich dies alles positiv weiterentwickelt.
Das Leben im vor dem Krieg rund 340 000 Einwohner zählenden Sumy gewohnt, war es für Rodionova zunächst fast schon ein Schock sich plötzlich auf dem Dorf wiederzufinden, wo alles viel ruhiger und abends und an Wochenenden die Geschäfte geschlossen haben.
Von der Großstadt ins Dorf
„Was soll ich auf dem Dorf“, dachte die junge Frau anfangs. „Der Anfang war schwierig und ich wollte mich nie als Flüchtling fühlen“, erinnert sich Rodionova. Doch zwischenzeitlich hat sich das geändert. „Ich genieße dieses ruhige Leben hier und mir gefällt es im Schwarzwald“, betont sie, auch wenn es ihr sehr schwergefallen sei, alles zurückzulassen.
Zu Hause in Dauchingen
Zu ihrer Mutter und ihrer Familie in der Ukraine hält sie Kontakt. Und obwohl sie sich früher nie hätte vorstellen können in einem anderen Land zu wohnen, fühlt sie sich im Schwarzwald nun richtig wohl, zumal „die Menschen hier sehr freundlich und hilfsbereit sind“.