Auf dem Friedhof in Balingen können Eltern ihrer totgeborenen Kinder gedenken. Foto: Silke Thiercy

„Sternenkinder“ – das sind Kinder, die vor, während oder kurz nach der Geburt sterben. Mila aus Balingen hat ihr Baby verloren. Die Sternenmama wünscht sich mehr Verständnis – auch von Männern.

„Ich hatte vier Schwangerschaften, aber nur drei Geburten“, sagt Mila. Sie senkt den Blick. Dass sie zwar drei putzmuntere Kinder hat, aber es vier Rabauken sein könnten, das tut weh, auch nach sechs Jahren noch.

 

Es war Milas Geburtstag 2019, als sie den Schwangerschaftstest machte. „Er war positiv“, berichtet sie und die Freude bei ihr und ihrem Mann riesig. Nur sieben Monate nach der Geburt des ersten Kindes hatte sich das Zweite angekündigt. „Bei den Untersuchungen war auch immer alles gut“, erzählt die junge Frau, die eigentlich anders heißt und anonym bleiben möchte.

Der Arzt hat geschallt und geschallt

Dann kam der Schmotzige Donnerstag. Mila und ihr Mann gingen zu einer Routineuntersuchung, sie freuten sich auf das erste Ultraschallbild des Babies. „Der Arzt hat geschallt und geschallt, er war ganz still.“ Dann dieser eine Satz, der sich bei Mila ins Gedächtnis und in die Seele eingebrannt hat: „Es tut mir leid, ich finde keinen Herzschlag mehr.“

Mila hat das im ersten Moment nicht begriffen. Sie war in der elften Woche schwanger. An die Worte des Arztes erinnert sie sich noch genau: „Das ist ganz normal, sowas passiert, einmal ist keinmal.“ Was vielleicht trösten sollte, klingt für die Dreifachmama noch heute wie blanker Hohn.

„Das Kind in meinem Bauch war tot“

„Das Kind in meinem Bauch war tot.“ Man bot Mila an, zwei bis drei Wochen abzuwarten, bis der Fötus von alleine abgeht. Sie entschied sich für eine Ausschabung. „Ich konnte nicht mit einem toten Baby im Bauch rumlaufen.“ Drei Tage später geht sie in die Klinik, wird von Schwangeren und Wöchnerinnen isoliert. Schon am Abend nach dem Eingriff darf sie nach Hause. „Körperlich war alles gut“, sagt sie.

Aber die Seele – die hat geweint. Und Mila hat funktioniert, sich um ihren Sohn gekümmert. Ihr Mann, erzählt sie, hätte nicht über das tote Baby gesprochen. Er habe das Thema „schon in der Arztpraxis abgehakt“, meint sie.

Am Tag nach dem Eingriff lädt Milas Mann – das Paar ist mittlerweile getrennt – Besuch ein. Ein Schock für die junge Frau. „Ich bin ins Bad gegangen und zusammengebrochen.“

Bis heute wisse niemand von der Familie, dass es diese vierte Schwangerschaft gab. Mila macht sich immense Vorwürfe, bis heute: „Was habe ich falsch gemacht? Habe ich falsch gegessen? Zu viel gemacht?“

„Mein Baby war medizinischer Abfall“

Als sie erneut schwanger wird, gerät sie in Panik. Alles verläuft komplikationslos, aber wenn sie das Baby in ihrem Bauch nicht strampeln spürt, dann bekommt sie in Angst. Bei dieser Schwangerschaft besteht sie darauf, einen neuen Mutterpass zu bekommen. „Für mich war der erste etwas spezielles.“

Diesen Mutterpass bewahrt sie in einer kleinen Kiste auf, mit dem Schwangerschaftstest und den Ultraschallbildern, die doch noch gemacht wurden. Ab und zu schaut sie hinein. Und sie geht zum Balinger Friedhof. Dort gibt es eine Gedenkstelle für Eltern, deren Kinder zu klein und zu jung waren, um bestattet zu werden. „Mein Baby war medizinischer Abfall“, sagt Mila. Ein Grab bekommen nur die Kinder, die nach der 23. Schwangerschaftswoche und mit einem Gewicht von mindestens 500 Gramm geboren werden.

„Es tut so unfassbar weh“

„Die Gesellschaft erwartet, dass man sofort wieder funktioniert“, meint Mila. Für Mütter wie sie gibt es keinen Mutterschutz. Einen Tag nach der Ausschabung sitzt sie wieder am Arbeitsplatz. Sätze wie „Das passiert so vielen“ seien zwar nett gemeint, aber: „Es tut so unfassbar weh.“

Mila hat eine Freundin, deren Baby vier Wochen vor dem errechneten Geburtstermin im Mutterleib starb. Die Nabelschnur hatte sich verknotet. „Sie musste das Kind auf natürlichem Weg zur Welt bringen“, erzählt Mila. „Das muss die Hölle gewesen sein.“ Aber wohl der richtige Weg, um loslassen zu können. „Da kannst Du als Frau sagen, ja, ich habe es zu Ende gebracht, vielleicht fällt so der Abschied leichter.“

Etwas ähnliches hätte Mila sich auch gewünscht. Der Abbruch unter Vollnarkose war für sie zu abrupt. Von der Klinik bekam sie damals Flyer mit Anlaufstellen. Sie hat keines der Angebote wahrgenommen. „Ich wollte nicht in einer Selbsthilfegruppe noch das Leid anderer sehen.“

Mila ist traurig um das Kind, das nie leben durfte. Aber sie ist froh um die drei anderen. Dennoch: „Ich werde mein Leben lang dieses vierte Kind nicht vergessen.“