Die FDP-Landtagsabgeordneten Christian Jung (Mitte) und Daniel Karrais (rechts) besichtigten mit Bürgermeister Bernd Heinzelmann im April den Schenkenzeller Bahnhof. Foto: Niklas Ortmann

Das Verkehrsministerium stellt Bahnfahrern in Schenkenzell und Loßburg zunächst keine weiteren Halte in Aussicht. Der FDP-Landtagsabgeordnete Daniel Karrais übt scharfe Kritik.

Zumindest für die Schnurranten hält der Zug in Schenkenzell noch. Unter Trommelwirbel fährt er in den Bahnhof ein, gefolgt von Blasmusik, als er zum Stehen kommt. Die Türen öffnen sich, die Trittbretter fahren aus, die Schnurranten heben ihre Hände in die Luft und wippen im Takt der Musik. Der Lokführer streckt seinen Kopf aus dem Fenster und winkt ihnen freudig zu. „Schenkenzell bekannt in aller Welt, weil bei uns kein Zug mehr hält“, steht unter einem Stoppschild, das eine Frau in der Hand hält.

 

Sie können es nur mit Humor nehmen, die Menschen in Schenkenzell und Loßburg, die seit nunmehr einem halben Jahr vom Bahnverkehr weitgehend abgehängt sind. Aber das, was der NDR mit seinem Format „extra3“ als „realen Irrsinn“ ausgemacht hat, ist für die beiden Gemeinden eine mittelprächtige Katastrophe. „Der Zug hält für die Schnurranten. Wieso soll das nicht öfters der Fall sein?“, kommentiert Schenkenzells Bürgermeister Bernd Heinzelmann zu seinem Video vom „Internationalen Schnurrantentreff“ am vergangenen Samstag.

Das fragen sich auch die Landtagsabgeordneten Daniel Karrais (Wahlkreis Rottweil) und Christian Jung (beide FDP), die das Verkehrsministerium bei einem Besuch in Schenkenzell im April scharf kritisiert und eine Verbesserung für Pendler gefordert hatten. Von den Antworten des Ministeriums auf ihre sogenannte Kleine Anfrage, bestehendend aus zehn Fragen, zeigen sich die FDP-Politiker aber enttäuscht. Denn viel Neues bringen diese nicht ans Licht.

Warum die Halte entfallen? Zeitlicher Mehraufwand durch das Ausfahren der Trittbretter, der nur durch eine „überschlagende Wende“ am Freudenstädter Hauptbahnhof kompensiert werden kann; die dafür benötigte Weiche kann die DB InfraGo aber erst 2026 einbauen. Das Fazit zum Busersatzverkehr? Positiv. Alternativen dazu? Wurden geprüft, jedoch verworfen. Das Konzept werde aber „kontinuierlich beobachtet“.

Karrais: Ein Scheinargument

Karrais kritisiert: „Das Verkehrsministerium lässt die Menschen in Loßburg und Schenkenzell weiter im Stich. Statt seinen Planungsfehler zu beheben, verharrt es lieber auf dem eingeschlagenen Weg.“ Hierfür verstecke sich das Ministerium hinter eine EU-Richtlinie zur Barrierefreiheit, die Karrais als Scheinargument bezeichnet.

Denn auf seine Nachfrage erklärt das Ministerium, ein Nicht-Ausfahren der Trittbretter sei keine Option, da dies dem Ziel eines „inklusiven Angebots“ im Schienenverkehr zuwiderlaufe. Gefragt nach der Barrierefreiheit der Busse heißt es dann aber, dass in den Abendstunden Kleinbusse ohne barrierefreie Ausstattung eingesetzt werden.

Kein Pragmatismus?

„Es wäre doch sicherlich leichter gewesen die Schiebetritte bis zur Fertigstellung der Weiche nur bei Bedarf auszufahren statt diesen Irrsinn weiterzuverfolgen. Das Land macht sich in der Öffentlichkeit lächerlich“, ärgert sich Karrais. Verkehrsminister Winfried Hermann traue sich nicht, pragmatisch zu sein.

Die neuen Züge sollen aber nicht nur Barrierefreiheit bieten, sondern auch umweltfreundlich sein. Denn diese fahren mit Ökostrom, statt wie bisher mit Diesel. Die Tatsache, dass nun ersatzweise Dieselbusse eingesetzt werden, stieß nicht nur bei Einwohnern auf Unverständnis, sondern wurde auch als Aufhänger für den Satire-Beitrag im NDR genommen. Hier hält das Ministerium auf Nachfrage der FDP-Politiker Zahlen entgegen: Während die alten Dieselzüge etwa 2000 Liter pro Tag verbraucht hätten, würden für den Ersatzverkehr nur circa 145 Liter täglich benötigt.

Feste Zusage für Einbau der Weiche?

Die für Pendler in Schenkenzell und Loßburg wichtigste Frage: Hat das Ministerium eine feste Zusage für den Einbau der Weiche 2026 erhalten? Die DB InfraGO hat laut dem Ministerium den Einbau bis Ende 2026 „zugesagt“. Das Ministerium hoffe, dass dieser Termin eingehalten werden könne und würde einen früheren Abschluss der Baumaßnahme sehr begrüßen, heißt es abschließend. Dann würden wohl nicht nur die Schnurranten in Schenkenzell jubeln.