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Schenkenzell Nach Unwetter noch immer fassungslos

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Von da ist es gekommen: Rudolf Armbruster ist immer noch fassungslos, dass der kleine Bach hinter dem Stockhof zum reißenden Fluss werden konnte. Foto: Rath

Schenkenzell - Der Schenkenzeller Stockhof liegt sauber da. Die Dächer glitzern in der Frühlingssonne, drüber stehen dunkle Schwarzwaldtannen, ums Haus stapfen Kinder in Gummistifelchen. Hinten, am Hang, murmelt ein Bächlein aus dem Wald, so klein und unbedeutend, dass es nicht mal einen Namen hat. Ein Urlaubsidyll. Bis am Montag. Dann kam die Flut. "Jetzt trau ich dem Bach nicht mehr", sagt Bauer Rudolf Armbruster.

Den Stockhof hat es beim Gewitter mit sintflutartigem Regen und Hagel, das kurz vor 17 Uhr über Schenkenzell wütete, am härtesten getroffen. Das Bächlein schwoll zum reißenden Strom an "Hab ich noch nie erlebt, so was", sagt Armbruster. Der Landwirt und Waldarbeiter, 59 Jahre alt, kennt die Natur hier. Aber was er gesehen hat, macht ihn fassungslos. Armbruster steht auf einem Hügel aus Sand und Geröll. 200 bis 300 Kubikmeter, schätzt die Baufirma. Das war mal das Bachbett. Die Flut hat es innerhalb von zehn Minuten direkt vor die Heubühne des Stockhofs gespült. Oben, im Wald, klafft dafür jetzt eine drei Meter tiefe Schlucht.

Der Schutt blieb vor der Tenne liegen, das Wasser schoss weiter – zum Heuboden hinein, durch die Decken und Wände in den Wohntrakt drunter, von dort hinunter ins Erdgeschoss und durch den Stall auf der anderen Seite wieder raus. Wie sieht es im Haus aus? "Älles hi", sagt Heike Armbruster, die Bäuerin, trocken. Aus den Lampen und Steckdosen sei das Wasser gekommen. "De grade Weg hätt’s g’nomme", so Armbruster. Alle Zimmer sind kaputt, samt Bad und Toilette. In der Melkküche riecht die Luft jetzt modrig, eine Mischung aus Wasser, Schlamm und dem Kalk feuchter Wände. Die beiden Gefriertruhen hängen am Notstromkabel. Nur das Wohnzimmer hat es halbwegs unbeschadet überstanden. Heike Armbruster schaffte es gerade noch, einen Teppich vor die Tür zu rollen und sie abzudichten. Jetzt wohnen sie und ihr Mann im Leibdinghaus nebenan, beim Sohn. Ein provisorischer Holzsteg führt dorthin, damit man auch ohne Gummistifel trockenen Fußes rüberkommt.

Erste Schätzung: eine halbe Million

Denn der Bach läuft immer noch den weißen Sandsäcken entlang ums Gebäude, die geteerte Zufahrt hinunter. Die Feuerwehr hat ihn umgeleitet, noch am Unglücksabend. Das Geröll hatte die Dolen verstopft. Auf der Unterseite des Hofs brummen Dieselmotoren. Die Gemeinde Schenkenzell hat eine Kanalisationsfirma aus dem Kreis Emmendingen angefordert. Der Kettenbagger einer Baufirma holt den Dreck aus dem Loch, Wasser stürzt bei jedem Hub aus der Schaufel. Erst muss der Hof trockengelegt werden. Dann sehe man weiter.

Überhaupt ist schwer was los aus dem Stockhof. Nachbarn sind da, auch Kinder, auf dem Holzstisch in der Sonne stehen Kaffee und ein Imbiss. Ein Bub isst. Auch der Versicherungsvertreter ist wieder vor Ort. Man kennt sich, duzt sich. Erste Schätzung des Schadensausmaßes auf dem Stockerhof: "Eine halbe Million", sagt Armbruster, "Totalschaden."

Tags zuvor waren Rudolf Armbrusters Kameraden von der Freiwilligen Feuerwehr Schenkenzell da. Auch er gehört den Einsatzkräften an. Sie waren gekommen, um zu helfen, obwohl sie tags davor bis in die Nacht im Dorf unterwegs waren, um vollgelaufene Häuser und das Werk von Duravit leerzupumpen. "40 Mann, einfach so", sagt der Bauer. Er musste sie wieder nach Hause schicken. Im Moment konnten sie nichts tun. Aber die Armbrusters wissen die Solidarität zu schätzen. Überhaupt zeigen sich die Schenkenzeller hilfsbereit in der Stunde der Not. Nachbarn hätten dem Paar angeboten, bei ihnen zu wohnen, sogar für ein halbes Jahr. Hadern die Hofbesitzer? Rudolf Armbruster zuckt mit den Schultern. "Weiß nicht." Im Moment sei so viel zu tun, man komme nicht zur Ruhe und nicht groß zum Nachdenken. Die Bilder und Erlebnisse der letzten Tage waren gewaltig. Was geschehen ist, habe sie "noch gar nicht realisiert, so die 53-jährige Bäuerin.

Dass was Dickes im Anmarsch ist, hatten die Armbrusters am Montag kommen sehen. Sie standen grade unter dem Vordach des frisch renovierten Leibdings, als der Himmel schwarz wurde und der erste Hagel und Regen niederprassselte. Rudolf Armbruster rannte schnell hoch, fuhr das Auto in die Garage. Dann brach die Hölle los. Der Wagen hat die Flut überstanden. Der Dreckrand am Garagentor, knie- bis hüfthoch, bildet jetzt so etwas wie eine Hochwassermarke. Danach versuchte die Familie, zu retten, was zu retten war. Das Vieh – 20 Kühe, sieben Kälber und zwei Schweine – waren im Stall. Sie haben es heil überstanden. Irgendwann sei dann der Strom weggewesen. Mit Handlampen gingen sie in den Stall, die Kälber standen im Wasser. "Die Decke war nass, das war wie in einer Tropfsteinhöhle", beschreibt Rudolf Armbruster. Bis 1 Uhr morgens hätten sie getan, was getan werden musste, auch die Tiere versorgen. Den Viehtransporter, der bereits gerufen war, konnten sie wieder abbestellen. Immerhin.

Es war nicht das erste mal, dass der Stockhof von einem Hochwasser heimgesucht wurde. Zuletzt hatte es 1987 eine Überschwemmung gegeben, schon seinerzeit ausgelöst vom Bach. Daraufhin wurde er verdolt. Genutzt hat es am Montag wenig. "Das war zehnmal schlimmer als damals", sagt Heike Armbruster. Das sieht auch ihr Mann so: "Das hat zugenommen mit den schweren Unwettern in den letzten Jahren."

Wie es jetzt weitergeht, werde sich in den nächsten Tagen zeigen. Aber es soll weitergehen, wenn das Geld von der Versicherung kommt. "Wir bauen auf jeden Fall wieder auf", sagt Heike Armbruster ohne Zögern, "einen jahrhundertealten Hof gibt man nicht einfach auf." Außerdem wolle der Sohn den Hof übernehmen. Dann können sie und ihr Mann wieder ins Leibding ziehen, als Alt-Bauern, wie es der Brauch im Schwarzwald ist. Bis dahin liegt aber noch viel Arbeit vor ihnen, noch mehr als sonst. Rudolf Armbruster ist ganztags im Wald, der Hof will ebenfalls bewirtschaftet werden. In den Gebäuden muss wohl alles rausgerissen werden. Bis alles wieder fertig ist, kann es dauern. Wie lange? "’s Johr isch wohl rum", glaubt Rudolf Armbruster.

 

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