Spielt demnächst die Ophelia in „Hamlet“: Pauline Großmann Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Pauline Großmann ist die neue Teamplayerin im Ensemble des Stuttgarter Schauspiels. Nun hat sie den Nestroy-Preis gewonnen. Demnächst ist sie als Ophelia im „Hamlet“ zu sehen.

Man sieht sie zwar, aber man erkennt sie nicht. Ununterscheidbar taucht Pauline Großmann im uniformierten Chor der sechs Spieler unter, die in ihren Wamsen alle gleich ausschauen, weitgehend stumm bleiben und keine eigene Identität besitzen. Eine Identität, gar eine multiple, besitzt aber der Autor Thomas Melle: Mit seiner autobiografischen Krankengeschichte „Die Welt im Rücken“ hat das Stuttgarter Schauspiel im September die Saison eröffnet – und Großmann verkörpert einen seiner Doppelgänger, nicht den Maniac Melle selbst, den Paulina Alpen spielt. Neid? „Was Paulina leistet, ist nicht von dieser Welt“, sagt sie, „einfach großartig! Trotzdem hätte ich gerne die Rolle gehabt, alles andere wäre gelogen. Ja, gesunder Neid ist schon mit im Spiel, auch wenn ich mit der Nebenrolle ganz und gar glücklich bin.“

 

Nestroy-Preis für ihre Darstellung des „Gabriel“ am Salzburger Landestheater

Aber sie kann auch Hauptrollen. Und zwar so, dass sie dafür prominent ausgezeichnet wird. Am Wochenende hat sie in Wien den Nestroy-Preis gewonnen, Österreichs wichtigste Theater-Auszeichnung. Prämiert wurde sie für ihre Darstellung des Titelhelden „Gabriel“ nach dem gleichnamigen Roman von George Sand, aufgeführt im Salzburger Landestheater.

Für Großmann, 24 Jahre alt und neu im Ensemble des Intendanten Burkhard C. Kosminski, zählt nicht nur das Rampenlicht. Sie glaubt an eine Theater-Utopie, selbst wenn sie das große Wort nicht in den Mund nimmt. Sie spricht lieber vom „Teamgeist, von dem Theater immer träumt“ – und nirgendwo finde er einen idealeren Ausdruck als in einem Chor, weil einer genau auf den anderen hören müsse, damit das kollektive Sprechen funktioniert.

Mehr noch: bei Melle, toll inszeniert von Lucia Bihler, leiste der die Seelen-Achterbahn illustrierende Doppelgänger-Chor den „Support für Paulina“, die sonst den schweren Psycho-Abend allein stemmen müsste. Denn das steht für Großmann fest: Die Kunstform Theater ist immer eine Gemeinschaftsanstrengung, weshalb keine Rolle zu gering ist, um sie nicht ernst zu nehmen. „Ich bin eine Teamplayerin“, sagt die gebürtige Leipzigerin, die sich ja auch beim Gespräch so zeigt: offen, kooperativ, absolut mannschaftstauglich.

Pauline Großmann ist unverdorben, geradlinig

Ihr muss man nichts aus der Nase ziehen. Die Worte sprudeln nur so aus der neuen Nestroy-Preisträgerin heraus und sind doch überlegt, ohne im Geringsten den abgenutzten Theaterjargon zu bedienen. Doch, doch, man spürt eine Unverdorbenheit und Geradlinigkeit, die sich in ihrer ganzen Person ausdrückt: im wachen Gesicht, im hellen Lachen, in der lässig-unprätentiösen Kleidung aus abgewetzter Lederjacke, schwarzen Nadelstreifenhosen, weißen Adidas-Sportschuhen. Eine natürliche, wie von einer Sommerwiese herbeigewehte Freundlichkeit legt sich über die Begegnung im Schauspielhaus.

Jury lobt: „Vor den erfahrenen Kollegen muss sie sich wahrlich nicht verstecken“

Man ahnt: mit Frauen wie Großmann könnte man sich auf den Weg in die Utopie machen, hin zu einem solidarischen Theater ohne Hierarchie. Und schon deshalb kann man gar nicht anders, als sich über ihren Nestroy-Preis in der Kategorie Nachwuchs zu freuen. Die Jury zeigte sich überwältigt von ihrem Gabriel in der Salzburger George-Sands-Dramatisierung. „Kaum mit dem Studium fertig“, so die Begründung, „meistert sie eine der komplexesten Rollen des klassischen Repertoires. Vor den erfahrenen Kollegen muss sie sich wahrlich nicht verstecken.“

Was für ein Lob! Das geht jedem Jungschauspieler runter wie Öl, erst recht, wenn es einer Arbeit gilt, in die man sich mit Leidenschaft geworfen hat. Sands 1839 erschienener Dialogroman handelt von Geschlechterrollen, in die man gepresst wird, auch wenn es nicht dem eigenen Empfinden entspricht. „Ein Text über Genderpolitik, lange bevor der Begriff geboren war“, schwärmt Großmann, die sich auf der Bühne von einem Gabriel in eine Gabrielle verwandelt, Gefühlswirren inklusive. „Aber wenn ich einen Menschen liebe, liebe ich ihn. Egal ob Mann oder Frau oder alles dazwischen und darüber hinaus“ – in diesem Statement gipfelt ihr schwungvoll vorgetragenes Plädoyer für einen fast vergessenen, überraschend modernen Roman.

Festengagement in Stuttgart ließ nicht lange auf sich warten

Die Frau, die weiß, wofür sie auf der Bühne einsteht, erregte freilich schon Monate vor der Nestroy-Nominierung die Aufmerksamkeit des Stuttgarter Intendanten. Mit Gespür für Qualität holte er sie im Frühjahr in sein Haus, damit sie in „Willkommen am Ende der Welt“ der ukrainischen Autorin Maryna Smilianets mitwirkt, einer Szenenfolge über den Alltag im Schatten des Kriegs. Als Gast gab sie drei aus der Bahn geworfene Frauen – und überzeugte. Das Festengagement ließ nicht lange auf sich warten, so wenig wie die größere Rolle, die sie derzeit probt: Ophelia in „Hamlet“. Regie führt der Theaterchef selbst, es ist sein vierter Stuttgarter Shakespeare, den fünften, „Lear“, überließ er Falk Richter.

Großmanns Ophelia ist rebellisch

Und wie nähert sich Großmann der liebenden Ophelia, die, vom Dänenprinzen Hamlet verstoßen, ins Wasser geht? Die alles andere als eine moderne, selbstbewusste Frau ist? „So, wie Shakespeare sie sieht, verträgt sie sich nicht mit meinem Frauenbild“, sagt sie und schiebt eine Ansage hinterher: „Im Rahmen der Regievorgaben möchte ich die Figur aus der klassischen Opferrolle holen und ihr etwas Rebellisches geben.“ Bei ihr werde Ophelia von der Erkenntnis geprägt, dass es nicht allein Hamlet ist, der sie in den suizidalen Wahn treibt. „In einer Gesellschaft, die Frauen unterdrückt, führt der Weg in die Freiheit zum Tod.“

„Hamlet“ hat am 6. Dezember mit der frisch gekürten Nestroy-Preisträgerin Premiere. Ein anderer Sieger steht schon länger fest: das Stuttgarter Publikum. Pauline Großmann ist ein Gewinn für jedes Theater.

Am Anfang war Snoopy

Hund
Pauline Großmann stammt aus einer Theaterfamilie und begann mit fünf Jahren, Ballett an der Leipziger Musikschule zu tanzen. Ihr Bühnendebüt gab sie bei ihrer Mutter, die als Regisseurin kurzfristig Ersatz brauchte – für eine Figur, die der kleinen Pauline sowieso ans Herz gewachsen war: Snoopy, den besten Freund von Charlie Brown in den „Peanuts“.

Film
Großmann steht auch vor der Kamera. In der ZDF-Neo-Serie „High Stakes“ spielt sie Britta, die beste Freundin von Ayla, die zur Nasa will, dafür Geld braucht und vom Reich des Glücksspiels verschluckt wird.

Termine
„High Stakes“ wurde im September ausgestrahlt und ist in der ZDF-Mediathek verfügbar. „Hamlet“ hat am 6. Dezember Premiere im Stuttgarter Schauspielhaus.