Videoinstallationen, Lichtkunst und Skulpturen – Kunst- und Kulturschaffende präsentieren ihre Werke in Schaufenstern, auf Wänden und im öffentlichen Raum. Eine Auswahl der Projekte von White Noise bis Oper.
Stuttgart - Kunst und Kultur auch in der Pandemie stattfinden zu lassen ist schon fast eine Kunst für sich geworden. Viele digitale Angebote sind dadurch entstanden. Kunst vor Ort direkt zum analogen Anschauen gibt es nicht mehr nur wieder nach Voranmeldung in Museen, sondern auch in einigen Stuttgarter Schaufenstern und auf Fassaden. Etwa die Fotoausstellung von Lutz Schelhorn im Leonhardsviertel .
Ein Teil des Fotoprojekts „Stuttgart trotz(t) Corona“ wird derzeit im Garten des Stadtpalais gezeigt. Ein paar Schritte weiter, an den Fenstern des White Noise in der Eberhardstraße, erinnert seit wenigen Tagen eine Videoinstallation an die Club- und Ausgehkultur aus vergangenen Zeiten.
Videoinstallation am White Noise
„Walk by Dancing“ heißt das Projekt von Clubbetreiberin Ninette Sander, Ulrich Lasar und Roland Batroff. Gelöst tanzende Menschen flirten mit der Kamera und ziehen Passanten zu Sounds der achtziger Jahre in ihren Bann. „Wir wollen mit der Installation auf uns aufmerksam machen, aber nicht in einem negativen Sinne. Wir wollen ein warmes, positives Gefühl mit dieser Installation vermitteln. Jeder, der hier vorbeikommt, kann sich etwas von der Stimmung und dem Gefühl auf einer Tanzfläche abholen“, so Ninette Sander. Die Aufnahmen stammen aus einer Disco in San Diego in den achtziger Jahren, sagt sie. Gemeinsam mit ihrem Freund Ulrich Lasar hat sie das 30-minütige Video zusammengeschnitten, dazu läuft ein Soundmix sanft aus einem Lautsprecher.
„Durch den Lockdown haben wir uns weiterentwickelt“
Heraus kam ein Rückblick auf ein Nachtleben, der auf berührende Art an gemeinsames Feiern und Tanzen, an vorpandemische Leichtigkeit und Wärme erinnert. Zu sehen ist die Videoinstallation bis Ende März von 18 bis 1 Uhr in Dauerschleife. Wann Tanzen und Feiern wieder in ihrem Club gehen wird, weiß Sander derzeit nicht. Doch für das Comeback nach einem Lockdown hat sie neue Ideen parat. „Durch den Lockdown haben wir uns weiterentwickelt und können es kaum erwarten, das umzusetzen.“ Details behält sie bislang lieber noch für sich.
Trio präsentiert Werke in Schaufenster
Positiv gestimmt trotz Lockdown ist auch Hannah Zenger. Die 32-jährige Künstlerin gehört zu dem interdisziplinären Trio, das den Werkraum 18 im Stuttgarter Westen führt. Die Bildhauerin stellt hier mit ihren Mitstreiterinnen in den Schaufenstern des Ateliers Kunst und Kunsthandwerk aus. Zenger arbeitet mit Keramik und fertigt etwa neonrote Skulpturen, die mit bildhauerischen Prinzipien und deren Brüchen spielen. Das Ergebnis sieht geschmeidig aus, obwohl es aus harter Keramik besteht. „Wir wollen trotz des Lockdowns ernsthafte Kulturarbeit leisten und unsere Werke selbstbewusst präsentieren“, so Zenger.
Förderung des Kunstministeriums
Für ihr Projekt „Vitrine“ haben die Macherinnen eine Förderung des Kunstministeriums bekommen. Derzeit wechseln sie sich mit der Bespielung der Fenster wöchentlich ab. Neben der Kunst von Hannah Zenger sind auch Textilarbeiten von Sarah Schrof und Schmuckstücke von Anja Schimers zu sehen. Von Mai an wollen die drei mit der Förderung auch an dem Projekt „Kunst trotz Abstand“ teilnehmen und haben Beiträge von Gastkünstlern, wie etwa eine Ballettperformance im Schaufenster, geplant. „Mit der Förderung und den Schaufenstern können wir auch in dieser schwierigen Zeit ganz eigenständig unsere Sachen präsentieren, das ist ein tolles Gefühl“, sagt Zenger.
Projektionen und Innenansichten
In der Galerie AK 2 an der Lorenzstaffel haben sich die Macher ebenfalls etwas überlegt, um in diesen Zeiten sichtbar zu bleiben. Seit dem vergangenen Winter bespielen verschiedene Künstler die Schaufenster der Galerie mit Projektionen und Lichtkunst, die von außen erlebbar sind und teilweise Einblicke in die Galerie geben. „Wir wollten nichts Digitales machen, keine digitale Ausstellung, sondern etwas vor Ort“, sagt der Kurator Winfried Stürzl.
Derzeit läuft „Josh von Staudach – Digitale Dystopien“ – eine Art Kontrast zwischen digitaler und analoger Welt. „Der Künstler hat Drohnenflüge durch die virtuelle Welt von Google Earth 3D produziert, und diese treffen hier auf echte Straßenrealität. Dieser Gegensatz ist in der aktuellen Zeit sehr spannend, wo wir uns fast nur noch im digitalen Raum bewegen“, so Stürzl. Zu sehen ist die Projektion an der Lorenzstaffel 8 noch bis zum 25. März von 19 bis 21.30 Uhr. Danach wird die Lichtkünstlerin Sigrid Sandmann die Bespielung der Fenster übernehmen.
Blick ins Innere an der Oper
„Alles, was schweigt, geht irgendwann kaputt“ nennt sich das Video von Johannes Müller und Philine Rinnert, das noch bis zum 4. April täglich ab 19 Uhr auf die Fassade des Opernhauses projiziert wird. Zurzeit schweigt die Kultur – zumindest live. Und ja, durch dieses Schweigenmüssen könnte vieles kaputt gehen. Zunächst aber blicken wir mit den Bildern der beiden Künstler, die mit ihrer Projektreihe „Orpheus Institut“ das Phänomen (Opern-)Stimme umkreisen, ins Innere des geschlossenen Hauses, auf eine Projektion, die sich exakt den Säulen, Fenstern und Türen der Opernfassade einpasst. Ein Vorhang hebt sich. Dazu Wörter über Artikulationsformen: schreien, krächzen, heulen – und am Ende immer wieder der Klang der Zerstörung: klirren. Eine Video-Endlosschleife, schön, aber schrecklich stumm. Die Türen bleiben zu.