Schläge, Demütigungen und Kontaktverbote: Im Landratsamt in Villingen-Schwenningen wird an das Leid vieler Jungen und Mädchen erinnert.
Noch bis zum 31. Juli ist die Ausstellung im Eingangsbereich des Landratsamtes zu sehen.
Sie ist Ergebnis eines Projektes, in dessen Rahmen sich das Landesarchiv Karlsruhe mit dem wochen- und manchmal monatelangen Martyrium etwa einer Million Kinder in Baden-Württemberg beschäftigte.
So viele von elf Millionen Heranwachsenden lernten in der genannten Zeit in 485 Kinderheimen und -sanatorien in Baden-Württemberg – davon 56 im Schwarzwald-Baar-Kreis und acht in Villingen-Schwenningen - das „Arsenal der schwarzen Pädagogik“ kennen, wie Landrat Sven Hinterseh bei der Ausstellungseröffnung das Projektergebnis bezifferte.
Er selbst und sein Bruder haben hingegen nur gute Erfahrungen gemacht, so Hinterseh.
Früher Ursprung
Was als „Kinderverschickung“ in den Geschichtsbüchern steht, seinen Ursprung bereits im 19. Jahrhundert hat, von den Nationalsozialisten auf die Spitze getrieben wurde und für den Nichtwisser überraschenderweise bis 1980 andauerte, nahm für viele Kinder aber traumatische Ausmaße an und wird in Comic-Zeichnungen der Künstlerin Birgit Weyhe dargestellt.
Kreisarchivar Clemens Joos beschäftigte sich im Vorfeld der Ausstellung mit dem Thema und weiß von Kindern, die mit physischer und psychischer Gewalt diszipliniert wurden, nach dem Einnässen den Rest der Nacht im Stehen beenden oder ihr Erbrochenes essen mussten. Dazu kam das Heimweh, das durch ein Kontaktverbot der Eltern forciert und nicht ernstgenommen wurde. Briefe an Zuhause wurden zensiert.
Betroffene kontaktiert
Er habe im Vorfeld der Ausstellung Kontakt mit heute erwachsenen Betroffenen bekommen, sagte Joos. „Ich wurde mit dem Holzteil des Handfegers geschlagen, nur, weil ich meinen Teddy mit an den Essenstisch brachte“, lautete dabei eine Erzählung.
Am Dienstag, 30. Juni, findet im Sitzungssaal des Landratsamtes um 18 Uhr eine Podiumsdiskussion zum Thema statt. Mit dabei sind Menschen mit eigenen schlimmen Erinnerungen (Anmeldung bis 19. Juni über Kreisarchiv@Lrasbk.de).
Es habe sie freilich auch gegeben, die freundlichen und liebevollen „Schwestern“ und die Kinder, die rüde Behandlungen gut wegsteckten, so Joos. Doch die Ausstellung samt Heimverzeichnis zeigt, dass die damalige Grundhaltung der Erziehung, den Willen des Kindes zu brechen, in den Heimen besonders stark ausprägt war.
Hinzu kam überfordertes und nicht ausgebildetes Personal. Die Mehrzahl der Häuser waren privat geführt und auf Gewinnmaximierung konzentriert.
Das Ende des Systems kam schließlich „aus unerwarteter Ecke“: Das Kultusministerium in Stuttgart gab den Kindern für ihre Aufenthalte im Reiz- und Heilklima von Bad Dürrheim, Königsfeld, Donaueschingen und Villingen-Schwenningen nicht mehr schulfrei, die Heime konnten nicht mehr wirtschaftlich geführt werden und schlossen.
Proteste als Auslöser
Christian Keitel vom Landesarchiv begrüßte, dass die Ausstellung im Landratsamt seine erste Wanderstation erreicht habe und das Interesse dafür auch in anderen Städten und Gemeinden groß sei.
Seit 2012 beschäftige sich das Landesarchiv mit dem Thema, erst 2019 sei durch Proteste von Betroffenen aber das Ausmaß der Misshandlungen in den öffentlichen Blick geraten.
Bis heute gebe es Fragen dazu, was das Fragezeichen im Ausstellungstitel Freude und Erholung?“ andeuten solle. Umso wichtiger sei es, vor allem für die Betroffenen, weiter zu recherchieren.