Skispringer Ben Bayer: Wie gut ist die Perspektive? Foto: Imago/GEPA pictures

An der Spitze schwächeln Altmeister wie Karl Geiger und Andreas Wellinger – doch es gibt derzeit keine jungen deutschen Skispringer, die nachrücken. Ist das auch eine Frage des Systems?

Die Athleten körperlich und emotional ausgelaugt, die Verantwortlichen enttäuscht, ratlos, zweckoptimistisch: Die deutschen Skispringer landeten bei der Vierschanzentournee auf dem Boden der Tatsachen, und das war hart. Weil niemand weiß, wie es bis zu den nächsten Großereignissen, der Skiflug-WM in Oberstdorf (23. bis 25. Januar) und den Olympischen Spielen in Predazzo (6. bis 22. Februar), besser werden soll. Und weil es einer ganzen Sportart an der Perspektive zu fehlen scheint.

 

Nicht mal das Duo, das bei der Tournee überzeugt hatte, gab nach dem Ende in Bischofshofen Anlass zur Zuversicht. Felix Hoffmann (6.) wurde wegen anhaltender Knieprobleme zur MRT-Untersuchung geschickt, Philipp Raimund (8.) schwer erkältet ins Bett. Ein noch traurigeres Bild gaben die Altmeister ab. Pius Paschke (35/Rang 23) hatte wenigstens dreimal den Sprung in den zweiten Durchgang geschafft, Andreas Wellinger (30/ Rang 36) und Karl Geiger (35/Rang 45) scheiterten selbst daran. Die Chance, die sich durch diesen Absturz den Athleten aus der zweiten Reihe bot, ließen diese ungenutzt. „Ihre Auftritte“, sagte Horst Hüttel, der Sportdirektor im Deutschen Ski-Verband (DSV), „waren ernüchternd.“

Ben Bayer sorgt für den einzigen kleinen Lichtblick

Constantin Schmid (26), der mit dem deutschen Team Olympia-Bronze (2022) und WM-Silber im Skifliegen (2022) gewonnen hat, wurde in Oberstdorf auf Rang 49 Letzter des ersten Durchgangs und verpasste in Garmisch die Qualifikation. Luca Roth (25) aus Albstadt erging es nicht besser (44. und Aus in der Qualifikation). Max Unglaube (19) war in beiden Qualis chancenlos. Wenigstens einen kleinen Lichtblick bot Ben Bayer (21). Der Pfullinger schaffte in Oberstdorf den Sprung in den Wettbewerb zwar nicht, war in Garmisch als 27. der Qualifikation aber immerhin viertbester Deutscher. Beim Neujahrsspringen landete er dann auf Rang 43, danach war die Tournee für ihn und die anderen Athleten aus dem B-Kader beendet.

Ein gefragter Mann: DSV-Sportdirektor Horst Hüttel. Foto: Imago/Nordphoto

„Wir haben an Substanz verloren“, erklärte Hüttel mit Blick auf den Nachwuchs, „damit können wir nicht zufrieden sein. Bei uns müssen dringend ein paar Dinge hinterfragt und mit Nachdruck analysiert werden.“

Es ist eine interessante Aussage, schließlich klagt Horst Hüttel (57) sich mit diesen Worten auch selbst an – er ist seit einem Vierteljahrhundert in verschiedenen Positionen beim DSV für die Entwicklung der Nordischen Kombination und des Skispringens verantwortlich – und somit auch dafür, junge Athleten groß zu machen. Dazu kommt: Was die Förderung der Schanzen-Talente angeht, könnte der Verband besser kaum aufgestellt sein. Werner Schuster (56), der als Bundestrainer (2008-2019) eine Ära prägte, ist DSV-Chefcoach für den Skisprung-Nachwuchs, der Olympiasieger und viermalige Weltmeister Martin Schmitt (47) für den D/C-Kader (14 bis 17 Jahre) verantwortlich. Mehr Kompetenz? Geht kaum. Was an einem Thema aber nichts ändert. „Wir haben in Deutschland“, sagte Werner Schuster während der Tournee der „FAZ“, „sowohl ein Quantitäts- wie auch ein Qualitätsproblem.“ Im Gegensatz zu anderen Ländern.

Martin Schmitt: „In Österreich gibt es eine wahnsinnige Leistungsdichte“

In Polen ist Skispringen populär, in Österreich fast schon Volkssport. Der Tournee-Zwölfte Kacper Tomasiak (18) und der drittplatzierte Stephan Embacher (19) haben Superstar-Potenzial, die Alpenrepublik verfügt zudem über eine unglaubliche Breite: Zu den besten 16 Springern der Tournee gehörten sieben (!) Österreicher, darunter war Jonas Schuster (22), der Sohn des früheren Bundestrainers. Im Continental-Cup, der zweiten Liga des Skispringens, stehen derzeit acht Austria-Adler vor dem besten Deutschen, im drittklassigen Fis-Cup sind es sogar 13 Österreicher. „Dort gibt es eine wahnsinnige Leistungsdichte und einen außergewöhnlichen Talente-Pool“, meinte Martin Schmitt zuletzt, „doch Österreich ist die absolute Ausnahme.“ Und die Misere in Deutschland trotzdem nicht zu leugnen.

Mitte Dezember startete der Japaner Noriaki Kasai, Spitzname „Flugsaurier“, erstmals in diesem Winter im Continental-Cup. In Kuusamo sprang der 53-jährige Japaner auf die Plätze 14 und 18 – und lag damit vor den stärksten Deutschen Ben Bayer (17.) und Constantin Schmid (20.). Ein Offenbarungseid. Und auch eine Frage des Systems?

Werner Schuster schaut auf die Vorteile der Österreicher

Als Werner Schuster neulich gefragt wurde, was in Österreich besser laufe als beim großen Nachbarn, nannte er auch die Zentralisierung: „In Deutschland gibt es sieben auf den Wintersport spezialisierte Elite-Schulen, die viel weiter zerstreut sind als die drei Zentren in Österreich. Dort können Nachwuchstrainer gezielter und konzentrierter mit den jungen Leuten arbeiten.“ Und auch die Philosophie ist eine andere.

Am Skiinternat in Furtwangen kümmert sich Jens Deimel (53) um die Talente im Skispringen und der Kombination. „Unser Konzept ist besonders, denn bis zum Alter von 14 Jahren gibt es bei uns eine breite Ausbildung mit Skifahren, Langlaufen und Springen“, sagte der erfahrene Trainer, „wir spezialisieren die Talente später, deshalb dauert es zwei bis drei Jahre länger, ehe sie in den Continental-Cup und den Weltcup kommen. Für uns ist es trotzdem der richtige Weg. Wir haben weniger junge Sportler, und mit diesem System ist die Gefahr, Einzelne zu verlieren, geringer. Andere Länder sind viel rigoroser, zielen viel früher auf Top-Leistungen ab. Ich persönlich finde das teilweise grob fahrlässig – ein Zwölfjähriger gehört einfach nicht auf eine 120-Meter-Schanze.“

Dass es derzeit im deutschen B-Team an Potenzial fehlt, sieht auch Jens Deimel. Sorgen macht er sich deshalb nicht. „Die Österreicher haben alle überrollt“, sagte der Nachwuchscoach, „doch unter den 16- bis 19-Jährigen gibt es auch in Deutschland vier bis fünf Leute, die das Zeug haben, im Weltcup konstant unter die Top-15 zu springen. Was sie brauchen, ist Zeit.“ Und Geduld. „Um an die Spitze zu kommen, ist eine hohe Frustrationstoleranz nötig“, meinte Martin Schmitt auch mit Blick auf das Top-Material, mit dem der Nachwuchs irgendwann umzugehen lernen muss, „wir haben durchaus gute Jungs mit Potenzial. Aber der Weg ist weit und hart.“ Und der Druck groß.

„Wir waren schon mal in einer deutlich besseren Ausgangslage“, sagte Horst Hüttel in Bischofshofen, „wir müssen schauen, dass wir unsere Situation so schnell wie möglich verbessern.“ Um künftige Großereignisse weniger ernüchtert zu beenden.