Alte Zeiten, als der abendliche Schoppen im Wirtshaus noch das Freizeitverhalten der Onstmettinger bestimmte, haben Elvira Menzer-Haasis und ihr Ehemann Friedhelm auf Einladung des Albvereins wieder aufleben lassen.
Das Publikumsinteresse hätte kaum größer sein können – gut und gern 80 überwiegend ältere Onstmettinger füllten die Ochsenscheuer; kein Platz blieb unbesetzt, als Elvira Menzer-Haasis und ihr Mann Friedhelm Haasis ihre Erkenntnisse über die Onstmettinger Kneipenlandschaft von einst, das Ergebnis intensiver Recherchen, zum Besten gaben.
Das Spektrum reichte von A wie „Anker“ bis Z wie Zollersteighof – „wenn du früher in jeder Wirtschaft eine Halbe Bier getrunken hättest, wärst Du nicht mehr heimgekommen, so groß war die Auswahl“, kommentierte Norbert Kühn vom Vorstandsduo der Onstmettinger Albvereins-Ortsgruppe launig den Sachverhalt.
Geselliges Miteinander gab es nur am Abend
Wie konnten so viele Gaststätten nebeneinander existieren? Ums Jahr 1900, so erfuhren die Zuhörer, sahen Freizeit und Freizeitgestaltung noch etwas anders aus als heute. Der Arbeitstag dauerte lange, die Bauernfamilien pflegten vom ersten Hahnenschrei bis zur Dämmerung zu arbeiten.
„‚Schaffa ond spara’ standen im Vordergrund“, stellten die Eheleute Haasis fest, die Gelegenheiten zur Geselligkeit hätten sich auf die Abende beschränkt – und auf den Sonntag: Der Kirchgang habe vor allem den Frauen Gelegenheit geboten, sich zu treffen; unterdessen garte der Braten in der Röhre.
Die Schankwirtschaften waren etwas Anderes
Und die Herren der Schöpfung? Hatten das Wirtshaus – wobei zwischen Gastwirtschaften, die auch Fremde beherbergten und verköstigten, und den Schankwirtschaften unterschieden werden muss. Mit letzteren, so die Referenten, verdienten sich die Arbeiter hinzu.
Der Stammtischbesuch diente nicht nur der Entspannung, sondern auch dazu, Probleme zu besprechen, Binokel und Skat zu spielen, gemeinsam zu singen und sich gegebenenfalls in die Haare zu kriegen. Der Alkoholismus breitete sich aus, weshalb 1914 das Blaue Kreuz gegründet wurde.
Eine Eröffnnung in Onstmettingen mit Kalkül
Dass es so viele Wirtschaften gab, lag auch an den auswärtigen Gästen – immerhin firmierte Onstmettingen bis zum Zweiten Weltkrieg als Erholungs- und Luftkurort. Alle vorzustellen, war nicht möglich, doch von einigen wurden Bilder gezeigt und die wechselnden Besitzer aufgelistet.
Der „Hirsch“ war 1908 vergrößert worden, doch wegen fehlender Genehmigung mussten die Zimmerleute den Anbau wieder abtragen. Die Wirtschaft „Zum Bahnhof“ wurde im März 1901 eröffnet, und zwar mit Kalkül: Vier Monate später nahm die Talgangbahn den Betrieb auf. Zur Einweihung, die groß gefeiert wurde, bekam jeder Gast eine Rote Wurst und eine Mutschel.
Gebrochener Fuß beim Mittagessen
In kulinarischer Hinsicht gab es auch Alleinstellungsmerkmale: Der „Anker“ hatte – stimmigerweise – Fisch aus der Dose im Angebot, in der „Krone“ lag ein wagenradgroßer Schweizer Käse auf der Theke.
Im Hotel Bär, einem der führenden Häuser im Talgang, trafen sich freitagabends die Fabrikanten zum Stammtisch; in der „Traube“, einem besonders beliebten Lokal, soll sich ein Gast beim Mittagessen den Fuß gebrochen haben, nachdem ihn ein Zimmermann hochhievte und fallen ließ. Kaffeehausatmosphäre herrschte im „Café Sturm“, dessen Wirtin Paula im Mai 1983 einem Verbrechen zum Opfer fiel.
Auch über das „Weiße Lamm“, die „Sonne“, die „Dorfmühle“, den „Adler“, das „Kreuz“ – später umbenannt in „Löwen“ – die „Rose“, das Turnerheim, das Nägelehaus und den Zollersteighof gab es Interessantes zu berichten. Und über den „Ochsen“, Hort der Gastlichkeit, den 70 Jahre lang, bis Dezember 2001, Familie Keller führte.
Die Linde ist noch übrig von der großen Zahl
„Es war eine Stub‘ vom Flecka“, heißt es in Eugen Conzelmanns Gedicht – ein weiteres, das dem Stammtisch in der „Linde“ gewidmet ist, trug er an Ort und Stelle vor. Die „Linde“, die seit 1987 Wirt Norbert Maute führt, gibt es natürlich noch – samt Stammtisch.