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Schärfere Regeln der EU Den Bauern gehen die Spritzmittel aus

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Bauer beim Spritzen seines Feldes: Tausende Tonnen Chemikalien landen jährlich auf den Äckern Foto: dpa

Stuttgart - Zu wenig Forschung an neuen Wirkstoffen und schärfere Regeln der EU könnten den Zugang der Landwirtschaft zu wirksamen Pflanzenschutzmitteln gefährden. Bauern befürchten nun sinkende Ernten bei wichtigen Getreidesorten – auch in Deutschland.

Rostbraune Ähren, von Insekten durchlöcherte Kartoffeln und Äpfel mit schorfigen Schrunden – Deutschlands Bauern befürchten, im Kampf gegen Unkraut und Schädlinge an Boden zu verlieren.

Aufgrund strengerer EU-Pflanzenschutzbestimmungen sei die Versorgung mit wirksamen Spritzmitteln in der kommenden Saison empfindlich gestört, sagt Marco Eberle vom Landesbauernverband (LBV). Besonders betroffen seien Getreidesorten, aber auch Futtermittel wie Raps. Ohne Pflanzenschutzmittel könnten Schädlinge die Erträge um 30 bis 40 Prozent senken, sagt Eberle. Schon heute gebe es in bestimmten Fällen keinen Wirkstoff mehr gegen Insekten.

Geht den deutschen Bauern also das Spritzmittel aus? Zumindest in der rund 55 Milliarden Euro schweren deutschen Agrobranche lautet die Antwort einhellig: Ja.

Im Hintergrund der Entwicklung stehen gravierende Umwälzungen in der europäischen Chemikaliengesetzgebung. Im Jahr 2009 regelte die Brüsseler Kommission die EU-weite Genehmigung chemischer Wirkstoffe im Pflanzenschutz neu. Ziel war es, in ganz Europa einheitliche Standards einzuführen und die Produkt- und Nahrungsmittelsicherheit für Verbraucher zu erhöhen.

Dazu rückte man teilweise von einem bis heute überall in der Welt geltenden Prinzip ab: Pflanzenschutzmittel erhalten demnach eine Zulassung, wenn das Risiko negativer Auswirkungen auf Natur, Mensch und Tier als akzeptabel eingestuft wird. Die betreffende Chemikalie kann also gesundheitsgefährdende Eigenschaften aufweisen, deren Aufnahme im Körper muss aber unterhalb gesetzlicher Schwellenwerte liegen.

2009 verabschiedete sich die EU-Kommission im Kern von diesem Grundsatz. Seitdem sind Wirkstoffe, die beim Menschen Krebs oder Mutationen hervorrufen oder Fortpflanzung und Hormonhaushalt schädigen, nicht mehr genehmigungsfähig – unabhängig von gesetzlichen Schwellenwerten. „Das ist ein weltweit einzigartiger Paradigmenwechsel“, sagt Tobias Frische, Ökotoxikologe beim Dessauer Umweltbundesamt (UBA). Die Risikobewertung der Chemikalien werde unwichtiger, die Prävention theoretisch möglicher Gefahren trete in den Vordergrund.

Landwirtschaft und Chemiebranche schlagen nun Alarm. In den kommenden fünf Jahren drohe ein „massiver Verlust bewährter Pflanzenschutzmittel“ heißt es etwa vom Industrieverband Agrar (IVA), hinter dem die großen Hersteller von Agrochemie in Deutschland stehen. Bei Weizen und anderen wichtigen Nahrungspflanzen seien dann Krankheiten „in extremen Fällen gar nicht mehr zu bekämpfen“. Bei Pilzgiften für Getreide – sogenannten Fungiziden – könnte bald nur noch ein Viertel der heute verfügbaren Mittel verwendet werden. Der Rest erhielte unter den neuen Rahmenbedingungen keine Zulassung mehr. „Sollte alles, was in Brüssel auf dem Tisch liegt, durchgehen, können bestimmte Pflanzenkrankheiten nicht mehr bekämpft werden“, sagt IVA-Sprecher Martin May.

Toxikologe Frische vom Umweltbundesamt konstatiert eine „zunehmende Nervosität“ in der Industrie, seit bestimmte Gruppen von Fungiziden auf der Abschussliste stehen. Die generelle These, dass die Landwirte wegen fehlender Wirkstoffe Schädlingen bald hilflos gegenüberstehen, hält er für überzogen. Im vergangenen Jahrzehnt sei die Zahl der Wirkstoffe nahezu konstant geblieben. 248 chemische Keulen waren nach UBA-Daten im Jahr 2003 einsatzbereit, im Jahr 2012 waren es 261.

Der Absatz von Agrochemie ist im selben Zeitraum sogar um zehn Prozent angestiegen. Fast 34 000 Tonnen Spritzmittel brachten die Landwirte 2012 auf deutschen Äckern aus. „Viel mehr zu spritzen ist gar nicht mehr möglich“, sagt Frische.

Als Hauptverantwortlichen für eine eventuelle Verknappung von wichtigen Insektenvertilgungsmitteln und Herbiziden sieht der UBA-Forscher weniger die strengen EU-Vorschriften, sondern die Chemieindustrie selbst. „Immer weniger Firmen entwickeln immer weniger neue Wirkstoffe für den europäischen Markt“, sagt der Toxikologe. Von Dutzenden Unternehmen, die vor Jahrzehnten Jahr für Jahr neue Patente anmeldeten, seien heute in Europa noch vier übrig – Bayer, Syngenta, BASF und Isagro. Eine aktuelle Studie der Beratungsfirma Phillips-McDougall konstatiert zudem, dass die Ausgaben für Pflanzenschutz-Forschung in Europa drastisch zurückgehen.

Die Unlust der Chemiekonzerne, neue Pflanzenschutzmittel zu entwickeln, bekommen vor allem Landwirte zu spüren, die keine Grundnahrungsmittel – wie etwa Weizen oder Mais – anbauen. Erzeuger von Obst, Gemüse, Beeren und Kräutern sitzen in puncto Spritzmittelversorgung seit Jahren auf dem Trockenen. „Immer wieder fallen Schädlinge über die Bestände her, ohne dass die Bauern dagegen viel tun können“, sagt Marco Eberle vom LBV.

Auch das Umweltbundesamt erkennt „Bekämpfungslücken“ bei speziellen Kulturpflanzen. Der Grund: Die Umsätze, die die Chemiefirmen mit Mittelchen für Himbeere, Schnittlauch und Co. erzielen können, sind für die multinationalen Konzerne viel zu gering. Zumal wenn man die hohen Kosten für wissenschaftliche Analysen und Zulassung der Wirkstoffe mit einrechnet.

„Nach unserer Kenntnis lohnt sich das für die Firmen schlicht nicht“, sagt Frische vom UBA. Aus diesem Grund übernähmen mittlerweile oft staatliche Stellen oder Anbauverbände die kostspieligen Zulassungsanträge für Spezial-Spritzmittel.

Eine andere Möglichkeit sind Sondergenehmigungen für altbewährte Chemiekeulen, die die Landwirtschaftsministerien im Notfall ausstellen können. Mit dieser Krücke hangelten sich beispielsweise Kartoffel-Erzeuger im Südwesten seit Jahren „gerade so durch“, sagt Bauernverbandsexperte Eberle. „Eine solide Grundlage zum Wirtschaften ist das aber nicht.“

 
 

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