Die 30-jährige Schäferin Elischa Serpi hütet ihre Herde auf einem ehemals militärisch genutzten Gelände am Stadtrand von Konstanz – und arbeitet mit einer Sondergenehmigung.
Nach Schäferei und hechelnden Hütehunden sieht es hier gar nicht aus. Ein fettes Schild warnt vor dem Betreten des Geländes. „Lebensgefahr. Absolutes Betretungsverbot“ steht auf dem Warnhinweis. Dahinter eine wilde Wiese und ein Stück Wald. Lebensgefahr? Dann hoppelt ein grauer Opel mit Anhänger über das Gelände. Am Steuer sitzt die Schäferin Elischa Serpi und lächelt. Auf dem Beifahrersitz schlummert Tochter Catalina, fünf Monate alt.
Der Bettenberg am Rande der Stadt Konstanz ist tatsächlich militärisches Sperrgebiet. Bis 1997 trainierte hier die Bundeswehr, bevor der Standort im Rahmen der „Verschlankung“ des Heeres geschlossen wurde, so wie damals manche Kaserne in Süddeutschland. Soldaten und Geschütze zogen ab, doch sie hinterließen gefährlichen Boden. „Das gesamte Gelände ist mit Munition und sonstigen Kampfmitteln belastet“, heißt es auf dem Blechschild unübersehbar.
Die Schäferin arbeitet hier mit Sondergenehmigung und auf eigene Gefahr
Doch kommt ein anderes, gegenläufiges Moment dazu: Die wilde Wiese mit den herbstlich zerzausten Gräsern ist auch als Naturschutzgebiet mit Brief und Siegel ausgewiesen. Munition und andere scharfe Sachen dürfen nicht ohne Weiteres geborgen werden – aus Rücksicht auf Gelbbauchunken und andere seltene Wesen.
An diesem Punkt kommt die Schäferin ins Spiel. Sie hat 58 Hektar des ehemals militärischen Biotops vom Amt gepachtet, arbeitet hier mit einer Sondergenehmigung und auf eigene Verantwortung. „Das ist ziemlich viel Fläche“, sagt die 30-Jährige und zeichnet mit dem Finger eine Linie, die vom Wald über das Feld führt. Etwa 300 Tiere hat sie hier abgestellt, die Rasse Schwarzköpfiges Fleischschaf eignet sich besonders gut fürs Weiden, erklärt sie.
Schäferin führt ihre Herde seit einem Jahr
Die scheuen Tiere verziehen sich nach und nach Richtung Waldrand. Es sind hübsche Viecher mit hellem Fell, dunkler Schnauze und schwarzen Läufen. Drei Hunde haben ein waches Auge auf ihre Schützlinge. Elischa Serpi pfeift sie immer wieder zurück, wenn sie übermütig werden.
Dass sie ihren Beruf auf heißem und belastetem Boden ausübt, stört sie überhaupt nicht. „Bisher hat es noch nie ein Problem mit alter Munition gegeben“, meint sie beiläufig. Der Bettenberg dient als Weidefläche wie andere auch. Er ist das erste Areal, seitdem sie sich selbstständig gemacht hat und als Tierhalterin auf eigenen Füßen steht. Seit einem Jahr führt sie ihre Herde. Damals teilte ihr Vater seine Herde, sie erhielt ihren Teil – ihr kleines Unternehmen. Fast schon biblisch: Das Kind zieht aus, gründet eine eigene Familie und erhält eigenes Vieh.
Schäferei ist kein Beruf wie andere. Täglich muss und will Elischa Serpi raus, um nach den Tieren zu schauen. Bei Wind und Wetter rattert sie mit dem geräumigen Opel über das schütter werdende Gras. Der Viehanhänger hängt dran, laufend bringt sie Tiere oder holt welche aus der Herde heraus.
Blökende Schafe statt Büroalltag
Für Elischa Serpi stellte sich die Frage nach der Berufswahl nie wirklich. Eine Tätigkeit im Büro? Ja, daran gedacht hat sie schon, aber dann wurde der jungen Frau schnell klar: Die blökenden Schafe und das Winseln der drei Hunde ist der Sound ihres Lebens. Ein Berufsleben zwischen Computerbildschirmen und Kaffeemaschinen ist nicht ihre Bestimmung. Das Büro riecht zu wenig. Das Schaflager am Bettenberg dagegen ist ein Festival der Sinne, das den Städter zunächst einmal irritiert: Die Schafe riechen stark nach Klauen und Fell, die Hunde tragen den Geruch von Wald und Gras im Fell.
Sie ist mit der Tierwirtschaft groß geworden. Der Umgang mit Pferden war ihr in die Wiege gesungen worden. Mit sechs Geschwistern wuchs sie am Stöckenhof auf. Dieser alleinstehende Hof steht in der Nähe des Naturschutzgebietes Mindelsee. Dort beobachtete sie ihren Vater bei der Schafschur und Weidewirtschaft. Sie lernte, dass Tiere einen Nutzen haben. Das Kaufen und Verkaufen gehört dazu, damals auch die Schlachtung am Hof.
Schon ihr Großvater scharte eine große Schafsherde um sich
Für Bauern ein normaler Vorgang, da sie davon leben. Sie begleitete ihren Vater, half und wuchs wie selbstverständlich in diese Arbeit hinein. Auch die Herde am Mindelsee hat pflegerische Aufgaben: Die Tiere halten die Fläche offen. Sie arbeiten wie Rasenmäher auf vier Beinen und sind die Freunde aller Naturschützer.
Bereits ihr Großvater scharte eine große Herde um sich. Er bewirtschaftete die Domäne am Hohentwiel bei Singen. Die Flächen unterhalb von Festung und Ruine werden von Schafen sauber gehalten. Sonst würde der Bergkegel irgendwann zuwachsen. In dieser Traditionsspur zieht auch sie mit ihren Tieren unermüdlich über Feld und Flur. Der Zaun wird immer wieder ein Stück versetzt, damit die Schwarznasen an frisches Futter kommen. Sie denkt schon weiter. „300 Tiere reichen nicht, um diese Fläche zu begrasen“. Also vergrößert sie ihre Gefolgschaft. Noch neu in ihrer Tierwelt sind 15 Ziegen mit einem hübschem hellem Fell. Diese Erwerbung hat auch einen ganz praktischen Grund: Ziegen beißen zu, wo Schafe den Geschmack verlieren. Für den ökologischen Auftrag, den die Pächterin hier hat, kommen die Geißen gerade recht. Sie arbeiten sozusagen als Ausputzer.
Immer wieder dreht sich die Schäferin um und schaut durch die Scheibe ins Auto hinein. Das Baby schläft selig. Auch ein Lämmchen. Ab und zu atmet Catalina tief durch. „Alle Kinder sind so groß geworden“, erzählt Elischa Serpi. Auch ihre beiden Söhne schleppte sie damals mit zur Arbeit. Sie werden behütet, die Tiere gehütet, das Grünland ist wie eine Kinderstube.
Diese Berufswahl funktioniert nur, wenn man den richtigen Partner hat. Elischa Serpi hat ihn gefunden. Ihr Mann Florian ist ebenfalls Landwirt. Nach der Heirat zog sie zu ihm auf den Tennhof bei Möggingen am Bodanrück. Florian betreibt Milchwirtschaft und Ackerbau. Für die beiden ist die Kombination günstig. Sie helfen sich gegenseitig. Dass Tierhaltung eine Arbeit für 365 Tage ist und Kühe keinen Sonntag kennen, ist klar. So läuft ihr Leben. Um die Mittagszeit fährt auch der Bauer an. Florian Serpi, ein blonder langer Mann in Cargohosen, hilft seiner Frau. Sobald er mit den Kühen fertig ist, steuert er den Bettenberg an.
Sie bekommt eine staatliche Prämie für ihre landschaftspflegenden Schafe
Millionäre werden die beiden dadurch nicht. Schaffleisch gehört nicht zu den populären Fleischsorten. „Die Deutschen sind da ziemlich pingelig“, sagt Elischa Serpi. Sie schlachtet nicht, wie es noch ihr Vater getan hat. Es waren vor allem muslimische Kunden, die damals auf den Hof kamen und ein Tier erwarben. Sie hält es anders und verkauft die Schafe. Fürs Kilo nimmt sie ein bis zwei Euro. Bei einem Gewicht von 80 Kilogramm sind das dann zum Beispiel 120 Euro für ein schwarzköpfiges Schaf. Ihr wichtigstes Einkommen ist die Prämie, die sie vom Staat für das Pflegen der Landschaft erhält. „Diese Prämie finanziert das Ganze“. 30 000 Euro erhält sie vom Bund pro Jahr, um den Landstrich zu pflegen.
Davor steht viel Arbeit. Zum Beispiel bei Wurmbefall, der für die Schafhalterin immer extrem anstrengend ist. „Dann bin ich den ganzen Tag bei der Herde.“ Elischa Serpi arbeitet unter dem Gütesiegel der Bio-Schäferin. Sie verpflichtet sich, bestimmte Medikamente nicht zu benutzen. Den Trockenrasen am Bettenberg darf sie nicht mit Kunstdünger oder anderen Mitteln päppeln.
Eine Sorge treibt sie immer wieder um: Wie entwickelt sich der Wolf in Südbaden? Im Schwarzwald wurde er bereits mehrfach gesichtet. Dort kündigen Landwirte Widerstand an. Mit Plakaten wie „Weideland statt Wolfsland“ machen sie ihren Standpunkt deutlich. Ihr Argument: Sollte der Wolf sesshaft werden und sich hungrig vermehren, steht es schlecht mit offener Viehhaltung.
Wolffreunde – meist aus städtischem Milieu und persönlich nicht betroffen – sehen das anders. Am Bodensee hat sich der Wolf bisher nicht blicken lassen, Elischa Serpi atmet auf. Doch wenn, dann müsste sie ihre Zäune verstärken und anderes mehr. Wenn ein Tier gerissen wird, erhält sie Schadensersatz – aber nur, wenn eine stattliche Liste an präventivem Schutz abgehakt werden kann. Und das würde viel Schreibarbeit bedeuten. Für das Ausfüllen von Anträgen freilich hat sie diesen Beruf nicht ergriffen.
In Baden-Württemberg gibt es noch 120 Schäfer
Etwa 120 Schäfer und Schäferinnen ziehen in ganz Baden-Württemberg über die Heiden und Magerwiesen. Frauen seien nach wie vor in der Unterzahl, berichtet Elischa Serpi. Ihr Handwerk hat sie dort gelernt, wo Schafe buchstäblich zum Bild der Landschaft gehören: In Giengen an der Brenz absolvierte sie die Schule und den praktischen Teil. Von der Zeit auf der Schwäbischen Alb mit der charakteristischen Wacholderheide schwärmt sie bis heute. Am liebsten würde sie für eine gewisse Zeit als Wanderschäferin losziehen und mit großer Herde und kleinem Gepäck über die Wiesen streifen. Ob der Traum noch einmal wahr wird? Derzeit ist es auf keinen Fall nicht möglich. Ihr Blick huscht zum Auto, wo ihr Kind schlummert.
Plötzlich gerät die Herde in Bewegung. Heute ist der Schafbock auf Besuch. Als versierter und überzeugter Macho zieht er spähend durch die Reihen der weiblichen Tiere. Sein dunkelbraunes Fell sticht deutlich von den hellen Schafen ab. Der Bock soll für Nachwuchs sorgen, damit die Herde im nächsten Jahr wachsen kann. Dafür hat ihn die Schäferin geholt.
Für das kommende Frühjahr hofft sie auf junge Lämmer und ahnt schon, dass da ein Stück Arbeit auf sie zukommt. „Das Ablammen ist anstrengend.“ Das Mutterschaf braucht in der Regel keine Hilfe, doch lässt Elischa Serpi das Schaf und sein Lämmchen in den ersten Tagen kaum aus den Augen. So wenig wie ihr eigenes Kind.