Elisabeth Höll hat die "Schäbbele" bei sich gepflanzt in einem schönen nostalgischen Topf.Foto: Zoller Foto: Schwarzwälder Bote

"Schäbbelestag": Pflänzchen mit geheimen Kräften / Persönlicher Einsatz zur Pflege von Brauchtum im Ort

"Die Jungen im Dorf wissen schon kaum mehr etwas davon, aber die Augen der Alten leuchten, ihre Gesichter strahlen, wenn die Rede darauf kommt", heißt es bei Karl Mast in seiner 1939 erschienenen "Chronik des Walddorfes Neusatz". Überlieferungen zufolge sollen "Schäbbele", die zarten Pflänzchen, nicht nur über geheime Kräfte verfügen, sondern auch "Blitz und böse Wetter vom Hause verbannen".

"Die Jungen im Dorf wissen schon kaum mehr etwas davon, aber die Augen der Alten leuchten, ihre Gesichter strahlen, wenn die Rede darauf kommt", heißt es bei Karl Mast in seiner 1939 erschienenen "Chronik des Walddorfes Neusatz".

Bad Herrenalb. "Schäbbele", eine Wortschöpfung, die in der Mundart und in der Region zu Hause ist, aber keinesfalls in der Internet-Suchmaschine Google zu finden ist, weckt bis zum heutigen Tag Erinnerungen an ein Stück Brauchtum. "Schäbbele" als sprachliche Eigenheit werden die Himmelfahrtsblumen genannt, weil sie zu diesem Feiertag einen wirklich guten Eindruck machen und sich bis in den Sommer hinein in voller farbenfroher Pracht zeigen. Während sich die Pflanzen selbst mit ihren Blattrosetten nur wenige Zentimeter über die Erde erheben, schieben sich die Blütenstängel mit den Blüten eine Handbreit hoch in die Höhe und stehen am liebsten an einem trockenen und sonnigen Platz.

"Der Schäbbelestag und Himmelfahrtstag ist eigentlich dasselbe", schreibt Karl Mast, der dann aber ergänzt: "Und doch wieder nicht, denn wiewohl wir immer noch einen Himmelfahrtstag haben, einen ›Schäbbelestag‹ haben wir nicht mehr."

Besonderer Tag

Doch was war das für ein besonderer Tag, bei dem nach Auskunft des Schreibers "Auswärtige in Gruppen und ortschaftenweise von Rotensol, Dobel, Dennach, von Schwann, Conweiler, Feldrennach, ja selbst von Loffenau, Pforzheim und Karlsruhe" nach Neusatz strömten, um in aller Herrgottsfrühe auf dem "Schäbbelesplatz" zu sein? Der Platz, der gleich hinter dem Dorf zwischen den Franzosenäckern und den "Vierteln" lag, war früher Heide und noch bis zu Beginn des vorigen Jahrhunderts unbebautes Land – und damit ein idealer Standort für einen großen hellroten Blütenteppich an "Schäbbele". Alten Überlieferungen zufolge sollen diese zarten Pflänzchen nicht nur über geheime Kräfte verfügen, sondern auch "Blitz und böse Wetter vom Hause verbannen", wenn sie, so der alte Glaube, am Himmelfahrtstag gebrochen (gepflückt) werden. Kein Wunder also, dass bereits im frühen Morgengrauen alljährlich zahlreiche "Gestalten gebückt und suchend umherstreiften", um für den eigenen Bedarf genügend Pflänzchen zusammenzubringen und Kränze daraus zu binden. Viele davon wurden im Haus, in der Scheuer oder im Stall aufgehängt.

Da aber auch die jungen Mädchen und Burschen von der Wunderkraft dieser Blume überzeugt waren, wird wohl "in den meisten dieser Himmelfahrtskränze ein Stück junge Liebe hineingeflossen sein", wie Mast berichtet. Auch in Bad Herrenalb hat Friedrich Kübler, bekannt als der letzte Plotzsäger auf dem Zieflensberg, über die "Schäbbele" geschrieben. In seinen Erinnerungen gedenkt er seiner Jugendzeit und der "schönsten Blume auf der Welt", die die jungen Burschen pflückten, um sie "der holden Maid als Zeichen ihrer großen unverbrüchlichen Liebe" zu schenken, denn alsbald "folgte eine Hochzeit und das glückliche Paar schmückte das Brautbild mit Schäbbela, die bis ans Lebensende zur Erinnerung aufbewahrt wurden".

Doch in den Jahren 1913 und 1914 wurde in Neusatz mit dem Roden der Heidefläche dem "Schäbbele" sozusagen wortwörtlich der Boden für weiteres Wachstum entzogen. Noch in den 1980er-Jahren bemängelt Friedrich Kübler die Veränderungen der Umwelt und schreibt: "Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass es eines Tages auch wieder Schäbbele gibt."

Neuer Glanz

Wer nun wachen Auges durch Neusatz fährt und den Brunnen neben der Linde am Weingässle genau beäugt, kann nun auf dem gusseisernen Aufsatz die frisch gepflanzten "Schäbbele" erkennen. Elisabeth Höll aus Neusatz ist dieser Einsatz zu verdanken, denn die leidenschaftliche Blumenliebhaberin hat nicht nur dem Brunnenstock gemeinsam mit Ulrike Hautsch durch einen Farbanstrich neuen Glanz verliehen, sondern mit den "Schäbbele" dem Ort auch ein kleines Stückchen Brauchtum zurückgebracht.

"Ich bin hier im Weingässle aufgewachsen und kenne die Geschichten vom Neusätzer ›Schäbbelestag‹ noch aus den Erzählungen der Tante", so Höll. Sie weiß auch zu berichten, dass die Flächen "auf der Heid" wichtiges Nutzland für die Neusätzer waren und ihr Vater, der als Herrenalber mit ihrer Neusatzer Mutter verheiratet war, einst geholfen hat, das "Schäbbele"-Gebiet zu roden.

Als Andenken an ein altes Brauchtum hat sie nun in diesem Jahr erstmals die "Schäbbele" auf dem Brunnenstock gepflanzt, die übrigens durch die Form ihrer zierlichen Blüten auch "Katzenpfötchen" heißen, aber in Neusatz immer die "Schäbbele" bleiben werden.

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