Nagold hat ein gutes Bildungsangebot. Doch die Anmeldezahlen bei den Fünftklässlern bleiben unter den Erwartungen. Unser Autor befürchtet in seinem Kommentar, dass die Schulstadt Nagold ein Imageproblem hat. Und das ist hausgemacht.
Wie aussagekräftig sind Prognosen? Wenn im Falle Nagolds an den drei großen weiterführenden Schulen die Anmeldezahlen zum Teil deutlich unter der Prognose liegen, dann steckt da womöglich mehr dahinter als so manchem Stadtpolitiker lieb ist.
Sowohl das Otto-Hahn-Gymnasium, die Christiane-Herzog-Realschule als auch die Gemeinschaftsschule Zellerschule blieben zum Schuljahresbeginn unter den Erwartungen. Um es klar zu sagen: Dass die Prognose unterschritten wird, bedeutet, dass Schüler, die in den Jahren zuvor eigentlich an Nagolder Schulen unterrichtet worden wären, diesmal lieber ausgewichen sind. Denn die Konkurrenz in der Nachbarschaft schläft nicht. Im Gegenteil: Dort wurde kräftig in den Ausbau der Schulen investiert. Und das zahlt sich jetzt aus.
Für Nagold heißt das im Umkehrschluss: Über viele Jahrzehnte wurde zu wenig in die Schulen investiert. Da kann Nagolds OB noch so oft das „Bildungsjahrzehnt“ ausrufen – letztlich stehen viele Nagolder Schulen baulich noch immer traurig da. Und geht es in den Schulen auch noch so kunterbunt, kompetent und kreativ zu – vor allem die weiterführenden Nagolder Schulen sind im Vergleich zur starken Konkurrenz im Umland derzeit nur noch graue Mäuse.
Über Jahrzehnte verschleppt
Den jetzigen Gemeinderäten kann da gar kein Vorwurf gemacht werden. Denn letztlich geht es hier um ein Thema, das über Jahrzehnte verschleppt wurde. Klar, millionenschwere Investitionen in Schulgebäude sind finanziell nur schwer zu stemmen. Und irgendwie ging es ja auch immer noch weiter, mit einer Reparatur hier, mit einem Anbau dort, mit etwas frischer Farbe und ganz zur Not auch mal neuen Schulmöbeln.
Jetzt zahlt Nagold den Preis dafür, dass über viele Jahrzehnte andere Themen die städtischen Investitionen dominierten. Der Stadtumbau, die Umfahrung, die Landesgartenschau, Parkhäuser für Autos, das Grün in der Stadt. All diese Themen sind und waren wichtig. Und vor allem waren sie bequemer. Selbst eine moderne, schicke neue Parkplatzanlage wie die Tiefgarage Nord ist mit 5,6 Millionen Euro noch vergleichsweise günstig: Die neue Zellerschule kostet wahrscheinlich das Sechsfache! Also wurde das Finanzierbare getan, und das eh kaum im Hauhsalt darstellbare Schulprojekt von Jahr zu Jahr weiter geschoben.
Warum nicht Äpfel mit Birnen vergleichen?
Parkraum oder Schulen – ja, ich weiß, jetzt werden hier Äpfel mit Birnen verglichen. Doch was ist daran eigentlich falsch. Manchmal müssen Äpfel mit Birnen verglichen werden, und dann muss man sich entscheiden, in was man denn nun kraftvoll hineinbeißen will!
Das Imageproblem der Nagolder Schulen jedenfalls ist hausgemacht – und zwar ganz sicher nicht in den Schulen, sondern in der Stadtpolitik, die über Jahrzehnte bei der Bildung lieber den bequemen Weg gegangen ist. Der Sanierungsstau ist mittlerweile brutal. Wer die einzelnen Berichte aus den Schulen liest, dem wird ganz schnell klar, ein „Weiter so“ ist guten Gewissens nicht mehr zu vertreten.
Versäumnisse aus Jahrzehnten
Und neue Schulen kosten heutzutage richtig viel Geld. Wenn die GMS Zellerschule schon 35 Millionen Euro kosten soll – und diese Zahl ist auch schon etwas älter – was kostet dann erst das noch zu sanierende Flaggschiff unter den Schulen, das neue Otto-Hahn-Gymnasium? 50 Millionen Euro hieß es einmal vor ein paar Jahren. Ob das überhaupt noch reicht?
Die Versäumnisse aus Jahrzehnten müssen nun nachgeholt werden. Und das kostet! Für die OHG-Sanierung bedeutet das womöglich auch, dass schmerzhafte Abstriche gemacht werden müssen. Denn auch das gehört zur unbequemen Wahrheit: Was vor Jahrzehnten noch realisierbar gewesen wäre, ist angesichts des massiven Sanierungsstaus und der angespannten Finanzsituation der Kommunen heute womöglich gar nicht mehr vertretbar.
Äpfel oder Birnen? Nagolds aktueller Stadtrat hat leider gar keine Wahl mehr. Er kann nur noch in den sauren Apfel beißen.