Der häusliche Pflegedienst "Pflege mobil an Kinzig und Wolf" von Frank Urbat ist als "Ehrenamtlicher Arbeitgeber" ausgezeichnet worden. Die Landtagsabgeordnete Sandra Boser (Grüne) hat dem Betrieb einen Besuch abgestattet.
Wolfach - Frank Urbat hat mit seinem häuslichen Pflegedienst die Auszeichnung "Ehrenamtlicher Arbeitgeber im Bevölkerungsschutz 2021" erhalten. Die Abgeordnete Sandra Boser (Grüne) hat das zum Anlass für einen Besuch genommen, dabei musste sie sich auch Kritik stellen. An dem Gespräch beteiligten sich außerdem Urbats Ehefrau Claudia und Tochter Ronja sowie Sven Schumacher als Landesvertreter des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste.
Sein 2004 gegründetes Unternehmen führt Urbat aus Überzeugung als Einzelunternehmung mit persönlicher Haftung, mehr gehe nicht. "Die Flut an Vorschriften wäre ohne den Bundesverband nicht zu schaffen, es ist viel Idealismus notwendig", betonte Urbat und erklärte die jährliche Prüfung durch den Medizinischen Dienst (MDK) als sehr belastend. "Man wird als potenzieller Betrüger dargestellt."
Sandra Boser betonte, dass es kein Misstrauen gegen die Mitarbeiter im ambulanten Pflegedienst gebe. Im Gegenteil, die ambulante Pflege sei ein wichtiger Teil im Pflegesystem. Dabei gebe es jedoch auch immer eine Gratwanderung. Einerseits müsse eine gute Pflege durch regelmäßige Kontrollen gewährleistet sein, andererseits dürfen die Kontrollen das Pflegepersonal nicht von ihrer eigentlichen Arbeit abhalten.
Frank Urbat machen vor allem die engen Intervalle der Prüfungen des medizinischen Personals zu schaffen, die oft sehr viel Zeit kosten. Auch das Hin und Her der Zuständigkeiten sei sehr anstrengend und mache den Pflegeberuf weniger attraktiv. Regelmäßige Überprüfungen sei generell sinnvoll, die zu kurzen Abstände seien jedoch fragwürdig, meint Urbat.
Auch die Einrichtungsbezogene Impfpflicht erschwere den Pflegeberuf. Zu Beginn der Pandemie habe er sich sofort um Masken, Desinfektionsmittel und Handschuhen für seine Mitarbeiter gekümmert, einen Vorrat für ein ganzes Jahr angelegt und entsprechende Anweisungen erlassen. Seitenlange Handlungs-Empfehlungen wären von offizieller Seite erst sehr viel später gekommen.
Mit viel Eigeninitiative und engmaschigen Testungen wäre bei etwa 100 000 Hausbesuchen in den vergangenen beiden Jahren kein einziger Klient infiziert worden, meint er. Zwei seiner Mitarbeiterinnen wollten sich nicht impfen lassen. Ohne diese Verstärkung in seinem Team sei die Versorgung im Wolftal gefährdet. Ihm bleibt nichts anders übrig, als diese Mitarbeiter täglich zu testen und alles zu dokumentieren. Der hohe bürokratische Aufwand und das tägliche Testen erschwere seine Arbeit zunehmend. Mit Einführung der Impfpflicht hätten viele Pflegekräfte den Beruf gewechselt. Urbat legt seit April einen Sieben-Tage-Dienst hin, der kaum zu schaffen ist. Oft ist er auch am Sonntag bis etwa 19 Uhr im Büro beschäftigt.
Das Arbeitsklima ist gut, aber die Vorschriften erschweren den Beruf
Der Abgeordneten Boser bot er an, sie einen Tag lang mitzunehmen, um die Praxis und das Spannungsfeld aus Pflegetätigkeit, Vermittlung im Umgang mit den Angehörigen und der ausufernden Verwaltung kennenzulernen. Bei seinen Mitarbeitern gebe es aktuell keine Fluktuation und jüngst habe er sogar drei Initiativ-Bewerbungen bekommen, was für das Arbeitsklima spreche, dennoch könne man sich nicht darauf ausruhen. Für den von Frank-Walter Steinmeier vorgeschlagenen verpflichtenden sozialen Dienst sprach sich deshalb seine Frau Claudia Urbat aus. "Es wäre gut, wenn man als junger Mensch der Gesellschaft etwas zurückgibt, egal in welchem Bereich", meint sie. "In der Pflege werden es immer weniger Kräfte und die Pflege wird zukünftig sehr teuer werden", betonte Frank Urbat. "Das Pflichtjahr wäre für den Staat eine gute Sache".
Auch das barrierefreie Bauen im öffentlichen wie privaten Bereich müsse bei einer stetig älter werdenden Gesellschaft im Blick behalten werden. "Wir sind jetzt noch im Schlaraffenland, doch die Pflege wird in Zukunft richtig teuer werden", erklärte er. Nicht jeder könne sich dann eine Pflegekraft leisten. Sein Geschäftsmodell möchte er weiter ausbauen. Nach dem Studienabschluss zum Gesundheitsmanagement von Tochter Ronja können mehr Klienten aufgenommen und perspektivisch auch Pflegepersonal ausgebildet werden. Um den Fachkräftemangel mit Personal aus anderen Ländern entgegenzuwirken, wären Begleitmaßnahmen wie Sprachkurse extrem wichtig, darin waren sich alle einig. "Die bisherigen politischen Maßnahmen reichen nicht aus, um den wachsenden Bedarf zu decken. Selbst, wenn wir es schaffen würden, das bisherige Personal zu halten, würde es nicht reichen", betont Schumacher.
Das durchschnittliche Bruttomonatsentgelt für vollzeitbeschäftigte Pflegekräfte lag im Jahr 2020 bei 3.392 Euro, 97 Euro mehr als 2019. So heißt es in einer Studie der Bundesagentur für Arbeit, erschienen Mai 2022.